Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 21.06.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Vollbild | Beitrag vom 19.05.2018

Film "In My Room" in Cannes"Wer bin ich, wenn es die anderen nicht mehr gibt?"

Regisseur Ulrich Köhler im Gespräch mit Susanne Burg und Patrick Wellsinki

Beitrag hören Podcast abonnieren
Armin, Hauptfigur des Films "In my room" wacht eines Morgens auf und ist ganz allein. (Pandora Film)
Der TV-Kameramann Armin (gespielt von Hans Löw) schlägt sich allein durch. (Pandora Film)

In Ulrich Köhlers Film "In My Room" verweigert sich Hauptfigur Armin dem bürgerlichen Leben, hat aber auch keinen Gegenentwurf. Plötzlich ist er allein auf der Welt und muss sich neu erfinden – auch als Mann.

"In my room" handelt vom Fernsehkameramann Armin, der irgendwie nicht in die Anforderungen der Gesellschaft passt. Im Job ist er nicht gut, eine Beziehung bekommt er nicht hin, seine Eltern sind getrennt und die Oma liegt im Sterben. Dann schläft Amin ein und als er aufwacht, sind alle Menschen um ihn herum verschwunden. Der Film hat die Chance auf einen großen Preis der Reihe "Un Certain Regard", der diesmal vom Schauspieler Benicio Del Torro vergeben wird. Gestern konnten wir mit Ulrich Köhler über seinen Film sprechen und wollten anfangs von ihm wissen, was es für ihn bedeutet "In my room" gerade hier in Frankreich bei Filmfestival von Cannes zu zeigen.

Ulrich Köhler: Ja, ich habe das Kino in Frankreich entdeckt. Ich komme aus einer deutschen Kleinstadt, in der es zwar ein Kino gab, aber da gab es nur Pornos. Also, das war ein Pornokino in den 80ern. Und meine Eltern waren auch sehr skeptisch gegenüber der Wirkung des Fernsehens auf das Gehirn junger Menschen. Das heißt, ich bin ohne Fernsehen aufgewachsen, das heißt, ich war wahrscheinlich wirklich nur zehnmal im Kino, bevor ich hier als 19-Jähriger an der Kunsthochschule in Quimper in der Bretagne studiert habe.

Und da gab es dann gleich ein Filmfestival mit osteuropäischen Filmen, und dann war ich viel in Paris bei einem Freund, der auch sehr cinephil war, und dann habe ich so "Passion" von Godard oder "Opening night" von Cassavetes und "Professione: Reporter" von Antonioni entdeckt, und da meine Liebe zum Kino. Da wusste ich zwar noch nicht, dass ich Regisseur werden würde, weil ich nie gedacht hätte, dass es mir Spaß machen könnte, ein Team von dreißig Leuten zu leiten. Da habe ich auch immer noch ein ambivalentes Verhältnis zu, aber jedenfalls ist das wirklich das Land, das für mich mit meiner Liebe zum Kino verbunden ist.

"Ich wollte nicht irgendeine Prophezeiung machen"

Susanne Burg: Nun sind Sie jetzt hier in Cannes in der "Un Certain Regard" mit einem Film, der sehr entfernt an unterschiedliche literarische Vorlagen erinnert von Marlen Haushofers "Die Wand" bis Arno Schmidts "Schwarze Spiegel". Was waren ihre Inspirationsquellen?

Köhler: Es gab verschiedene literarische Inspirationsquellen, also die sozusagen die Möglichkeit einer menschenleeren Welt durchbuchstabieren, auch "Die Wand" von Marlen Haushofer oder David Markson "Wittgenstein’s Mistress". Aber tatsächlich, die Arno-Schmidt-Novelle hat eine große Rolle gespielt, weil er eben diesen letzten Menschen als einen zufriedenen Menschen zeigt, und das fand ich viel interessanter als dieses Dystopische, was man im Kino sonst kennt, wo es ja mehr um eine Zukunftsvision geht, um die Menschheit, die die Welt zerstört und dann ums Überleben kämpft. Das war nicht die Frage, die mich interessiert hat, sondern mich hat wirklich die Frage interessiert, wer bin ich, wenn es die anderen nicht mehr gibt, kann ich mich dann neu erfinden, wie würde ich damit umgehen, diese Fragen haben mich interessiert, und ich wollte nicht irgendeine Prophezeiung machen.

Patrick Wellinski: Neu erfinden soll sich ja Armin, ZDF-Kameramann, also irgendwie so eine prekäre Existenz, seine Eltern sind geschieden, die Oma liegt im Sterben. Also bevor diese Katastrophe passiert und alle Menschen von der Welt verschwinden, geben Sie uns ja gut 45 Minuten lang eine Vorgeschichte von Armin. Das ist ein recht genauer Blick auf eine bürgerliche Mittelschicht, die im Zerfallmodus besteht. Also die Oma auch vielleicht als Bild. War das Ihre Absicht, quasi ja die bürgerliche Mittelschicht so zeitdiagnostisch im Verfall bestehend zu beschreiben?

!Köhler:!! Ja, ich glaube, generell will ich keine allgemeinen Thesen über den Zustand einer bestimmten Gesellschaftsschicht oder einer Generation machen. Aber tatsächlich ist für mich meine Hauptfigur eine Figur, die mit dem bürgerlichen Leben, die sich dem verweigert – im Gegensatz zu seinem Umfeld –, weil sie vielleicht auch aus ihrer Biografie heraus gesehen hat, dass das mit sehr vielen Problemen und Kompromissen verbunden ist, die er nicht akzeptiert. Aber die Figur hat gleichzeitig keinen positiven Gegenentwurf, sie hat keine Vision von einem anderen Leben und ist mit ihrem Job nicht besonders zufrieden, und dann passiert auch noch ein Missgeschick. Wir sehen ja Material, das nicht sendbar ist, das sozusagen die Vorbereitung zu dem eigentlichen Interview zeigt, und die Nachbereitung – aber nicht den Moment des Interviews. Das ist ja auch total spannend, das Material zu sehen, wie Menschen sich verhalten, sobald die Kamera aus ist.

"Apokalypse-Filme sind nicht mein Genre"

Wellinski: Das Neuerfinden kommt ja für Armin dann, wenn er aufwacht und er ist plötzlich "the last man on earth" letztendlich. Wie sehen denn diese Simulationen eines neuen Lebens aus, also es gibt eine schöne Szene, wo er am Grenzübergang zur Schweiz ist und dann in ein Polizeiauto steigt, so ein richtig fescher Schlitten, und damit auch richtig Gas gibt. Sind das dann so seine Träume, die er dann so auslebt, einmal so der Macker zu sein, im heißen Auto, und dann mit 230 die Straße entlangzufahren?

Köhler: Vielleicht sind das auch meine Träume (…). Nein, für mich ist das sozusagen, dieser Teil des Filmes, da mache ich schon Augenzwinkern, spiele ich mit dem Genre (…) Natürlich hat man sofort, wenn man anfängt, sowas zu schreiben, so Fantasien wie jetzt kann man in jeden Supermarkt der Welt gehen und sich alles nehmen, was man will. Und deswegen, das ist sozusagen dieser Moment, wo der Film ein bisschen zu einem Videospiel fast wird, bevor er dann in ein sein neues Leben tritt.

Burg: Weil Sie sagten, ein Spiel mit dem Genre, gleichzeitig hat man ja bei so Apocalypse-Filmen Bilder im Kopf – die erfüllen Sie ja nicht. Also Sie bleiben ja im Grunde genommen in der Erzählweise, in den ganzen Bildern, sind Sie ja nicht Genre sozusagen. Hat Sie es nicht aber doch mal gereizt, einen Apocalypse-Thriller hinzulegen oder so?

Köhler: Nee, ganz im Gegenteil. Ich habe auch sehr viele dystopische Filme geguckt und ich habe gemerkt, dass das eigentlich gar nicht unbedingt mein Genre ist. Da ist wirklich, ja durch diese literarischen Vorlagen (…). Für mich war es eher so, ich will einen realistischen Film machen, der mit einer unrealistischen Prämisse arbeitet. Das war eigentlich mein Grundgedanke. Ich stelle mir vor, das passiert, die Menschheit verschwindet. Wer wäre ich dann, was würde ich machen? Ich wollte, dass man wirklich sich dann überlegt, wie ist es, wenn man autark sein will, lebt man nur von den Konservendosen, (…) die noch nicht abgelaufen sind oder fängt man an, Ackerbau zu betreiben und die Ziege zu melken und vielleicht irgendwann seinen Käse zu machen (…). Das war sozusagen die Frage, der ich nachgegangen bin.

"Es ist ein Spiel mit den Geschlechterbildern"

Wellinski: Bei Armin ist es ja auch so, dass er diese Rolle recht dankbar annimmt. Es ist ja erstaunlich, wenn man ihn sieht, wie er dann doch am Anfang noch ein relativer Versager ist, zumindest in seinem Job, und dann alles, was Sie gerade erzählt haben. Er hält Tiere, er besorgt sich irgendwie die Elektronik und die Elektrik, also plötzlich funktioniert das alles, als wäre das sowieso in ihm drin gewesen. Und da hat man das Gefühl, dass Sie auch so ein gewisses, ja so ein Spiel mit Männlichkeitsbildern schaffen. Da am Anfang der Versager, so ein One-Night-Stand, der irgendwie auch nicht funktioniert, und hier, das klappt alles, so eine Art Tarzan, der sich mit der Natur auseinandergesetzt hat. Ist "In my room" dahingehend auch noch mal so ein Spiel mit Männlichkeitsbildern, dass vielleicht in dem Versager Armin dann doch noch so ein richtiger Naturbursche steckt, der sich auch durschlagen kann durch die Wildnis der Natur?

Köhler: Ja, es ist auf jeden Fall ein Spiel mit Geschlechterbildern, auch natürlich dann, wenn die zweite Figur zum Tragen kommt, ich wollte da eine gewisse Umkehrung. Und natürlich auch, dass Männer natürlich, wenn sie nicht unter Beobachtung stehen, entweder sich sehr männlich verhalten können aber oder auch im Gegenteil, sich an die Nähmaschine setzen, also das hat mich schon gereizt. Auch vom Kostüm her war das irgendwie toll, dass diese Leggings zum Tragen kommen (…).

Natürlich, in gewisser Weise scheitert er im ersten Teil des Film, aber er ist für mich vor allen Dingen jemand, der sich verweigert, und dann, im zweiten Teil, etwas annimmt. Ich glaube, wir haben das alle schon mal erlebt, dass es Extremsituationen gibt, und dass es sehr überraschend ist, dass vielleicht nicht unbedingt der Mensch, der im Alltag derjenige ist, der alles auf die Reihe kriegt, dass der vielleicht in einer Extremsituation total versagt. Bei einem Autounfall, ich weiß nicht, ob Sie schon mal in einem Autounfall waren, und plötzlich ist da jemand, der eigentlich gar nicht so als besonders kompetent in vielen Dingen in Erscheinung getreten ist, der ist derjenige, der die richtigen Dinge tut und die Ruhe bewahrt und plötzlich seine Kraft entfalten kann. Das gehört auch mit zu dieser Setzung, dass diese Situation auch die Möglichkeit gibt, sich zu befreien von seinem Selbstbild.

"Ich glaube, wir sind das, was uns geprägt hat"

Burg: Es ist ja auch in dem Sinne keine klassische Dystopie, weil, also die Menschheit ist zwar ausgelöscht, aber er kommt ja in eine Welt, die alles bietet. Also eigentlich die unbändige Freiheit, er kann in den Supermarkt gehen, sich alles nehmen. Dann erwähnten Sie schon, es kommt eine zweite Person, ja, man könnte jetzt meinen: Die beiden letzten Menschen auf der Welt, jetzt wird alles gut, und sie gehen eine Beziehung ein. Aber dann kommt die alte Beziehungsunfähigkeit auch wieder durch, und ist insofern auch in diesem Zustand kein Neuanfang wirklich möglich, weil man doch seine alten Muster mit hinübernimmt?

Köhler: (…) Die Hauptfigur leidet vielleicht darunter, dass sie zwar in gewisser Weise einen Neuanfang macht, aber in diesem Neuanfang genauso dogmatisch ist und genauso wenig bereit ist, sich auf die Lebenssicht des anderen einzulassen, wie sie im ersten Teil sich verweigert hat. Zwei Menschen haben eben zwei Hirne und nicht nur eins. Und diese beiden Hirne werden zwangsläufig natürlich die Prägung, die sie im Vorfeld erfahren haben, oder meinetwegen auch durch andere, biologische Vorgänge, werden unterschiedlich ticken und unterschiedliche Bedürfnisse haben. Und wie findet man dann da zueinander? Und da ist wahrscheinlich die Vorstellung, die wir so klassischerweise von der Liebe haben, nicht sehr hilfreich – als was ganz Symbiotisches, sondern als, dass man eben die Differenz akzeptieren lernen muss und so weiter, das ist eben etwas, das man erst noch lernen muss. Und das ist eben das Problem, das dann auftaucht.

Ich glaube, wir sind das, was uns geprägt hat. Also diese Vorstellung, es gibt dieses Ich, das irgendwie völlig autonom ist, und das nur in bestimmten Kategorien funktioniert, weil es eben von der Außenwelt dazu gezwungen wird, die ist völlig falsch. Die Außenwelt macht uns erst zu dem, der wir sind, und ab einem bestimmten Alter ist es ganz schön schwer, daran noch so viel zu ändern. Für mich sind es eben zwei Figuren, die sich begegnen und eine völlig entgegengesetzte Entwicklung genommen haben. Also eine Frau, die eigentlich eher das bürgerliche Leben gewählt hätte, wenn es so weitergegangen wäre, und die dann aber zur Nomadin geworden war. Wir haben einen Mann, der absurderweise bürgerlich, wenn man so will, werden kann, wenn es keine Bürger mehr gibt, wenn er ganz alleine ist. Das ist also sozusagen das gedankliche Grundkonstrukt in dieser Figurenkonstellation.

"Ganz alleine wäre ich nicht so glücklich"

Wellinski: Da Sie immer wieder zum Bezug auch zu sich sagen und sagen, dass Sie auch, vielleicht bin ich das, der meine Fantasien auslebt. Könnte denn der Regisseur Ulrich Köhler in einer Welt ohne Menschen allein mit Tieren und Natur auch so gut zurechtkommen, wie es Armin im Film macht?

Köhler: Ich glaube nein. Die Antwort ist nein. Der Regisseur Ulrich Köhler hat, glaube ich, als Jugendlicher sich vorgestellt – also ich hatte auch so Survivalfantasien und so weiter – und hat in einer bestimmten Phase seines Lebens, in dieser frühen Phase, auch zu viel Hermann Hesse gelesen, den er jetzt nicht mehr anfassen würde, glaube ich. Aber, nein, ich habe eigentlich festgestellt, dass ich ein sehr sozialer Mensch bin, ich lebe in der Großstadt, ich habe eine Familie, ich liebe meine Kinder und meine Frau. Also ich, nein ich brauche eigentlich das Soziale, also ich bin auch froh, wenn ich nicht von Tausenden von Menschen umgeben bin wie hier in Cannes. In zwei Tagen Urlaub machen kann mit meiner Familie, aber ganz alleine wäre ich wahrscheinlich auch nicht so glücklich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Utopie und Dystopie - Warum das Schlechte mehr fasziniert als das Gute
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 20.12.2016)

Neu im Kino: "Heimatland" - Eine kollektive Schweizer Dystopie
(Deutschlandfunk Kultur, Vollbild, 23.07.2016)

Vollbild auf Twitter

DlfKulturFilm bei Twitter

Wir twittern über alles, was flimmert.

Rang I

weitere Beiträge

Fazit

Ai Weiwei in MarseilleFranzösisch-chinesischer Dialog
(Deutschlandradio / Kathrin Hondl)

Der chinesische Künstler Ai Weiwei tritt in Dialog mit den Ausstellungsstücken des "Museums der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers". Und das an einem besonderen Ort: 1929 landete sein Vater auf dem Weg in den Westen genau hier, am Hafen von Marseille. Mehr

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur