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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.09.2017

Fiktive Wahlkampfreden von LiteratenCem Özdemir, die Hells Angels und das E-Bike

Von Ulrich Woelk

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Collage: Cem Özdemir auf dem Fahrrad. Im Hintergrund: Die Hells Angels Berlin während einer Demo-Ausfahrt. (dpa/picture-allaince/imago/snapshot)
Collage: Cem Özdemir auf dem Fahrrad. Im Hintergrund: Die Hells Angels Berlin während einer Demo-Ausfahrt. (dpa/picture-allaince/imago/snapshot)

"In unseren Herzen sind wir immer noch wild!" Für uns hält der Schriftsteller Ulrich Woelk eine fiktive Wahlkampfrede: Er lässt den grünen Vorsitzenden Cem Özdemir zu echten Motorrad-Rockern sprechen.

Get your motor runnin'
Head out on the highway
Looking for adventure
In whatever comes our way …

Liebe Rocker, liebe Angels, eigentlich bin ich immer noch genau so drauf: Born to be wild, auch wenn ihr jetzt wahrscheinlich denkt, der Özdemir hat sie nicht mehr alle. Die Grünen sind doch genau wie alle anderen: voll angepasst. Ich weiß, das sieht manchmal echt so aus, aber so ist das nicht. Ich sage euch jetzt was: In unseren Herzen sind wir immer noch wild. Wir wollen frei sein und das Leben als Abenteuer leben – genau wie ihr.

Und gerade deswegen ist es mir wirklich wichtig, euch klarzumachen, warum wir so total für die Elektromobilität sind. Na klar, ihr denkt natürlich, wenn das alles kommt, können wir Biker einpacken: emmisionsfreie Antriebssysteme, Klimaneutralität, Fahrzeug-Sharing, Umweltzonen, Vorrang für Fahrräder, Park-and-Ride – No more motor runnin', never on the highway … Aber das stimmt nicht.

"Gegen das E-Bike sieht jeder Chopper verflucht alt aus"

Wisst ihr was: Die großen legendären Bike-Hersteller – allen voran Harley-Davidson – denken da auch längst um. Die haben Elektromotorräder in der Pipeline, gegen die jeder Chopper mit Verbrennungsmotor verflucht alt aussieht. Die Dinger sind echt krass! Stellt euch vor, ohne die ganze lästige Schalterei in weniger als vier Sekunden von Null auf hundert; absolut katapultartig aus den Kurven zu schießen! Wow. Und der ganze Nervkram mit der Wartung und dem Öl nachfüllen und den Zündkerzen und so fällt auch weg!

Ich sage euch: Elektromobilität ist der Hammer. Die bedeutet keinen Verlust, sondern einen Gewinn an Freiheit. Und das ist es ja, was wir Grünen immer und immer wieder abspulen: Nur mit unseren ökologischen Ideen können wir auch in hundert Jahren noch so frei leben wie wir wollen. Wenn wir dagegen so weitermachen wie bisher, kann die Menschheit in ein paar Jahren einpacken. Das ist nun mal Fakt.

Okay, vielleicht sagt ihr jetzt, dass das ja alles ganz gut und schön ist, aber dass man die Beschleunigung eines Bikes, und selbst wenn es noch so sehr abgeht wie eine Rakete, ohne den röhrenden bassgesättigten Motorensound vergessen kann. Und dass man sich dann bei nem Ausritt auf der Landstraße ja wie bei ner Fahrraddemo vorkommt oder so.

Aber das stimmt auch nicht. Der Sound der zukünftigen E-Bikes ist nämlich Wahnsinn. Die Dinger jagen wie Kampfjets über den Asphalt. Dagegen klingen eure Benzinchopper wie Traktoren.

"Chop-Sharing" für grüne Rocker

Liebe Rocker und Angels, jetzt noch eine letzte Sache, die bei euch so eine Art ehernes Gesetz ist: Ein Mann – ein Motorrad! Okay, als Grüner müsste ich da jetzt eigentlich erstmal einwerfen, wie das eigentlich mit den Ladies so ist. Aber okay, darum soll's jetzt mal nicht gehen. Wofür ich hier die Werbetrommel rühren möchte, ist, ich nenn das jetzt mal – Chop-Sharing.

Hey, stellt euch vor, ihr reist nach Arizona, schwingt euch in Phoenix ohne jeden nervigen Papierkram auf den erstbesten Share-Chopper, cruist mit ihm durch die Wüste dem Sonnenuntergang entgegen und stellt das Ding irgendwo in LA am Straßenrand wieder ab. Finito! Das war's! Um mehr müsst ihr euch nicht kümmern. Wie geil ist das denn!

Liebe Brüder, ich sag’s nochmal: Wir Grünen sind wie ihr, und das bleiben wir auch. Ehrensache! Alle anderen Parteien werden diesen verdammt starken Planeten in ein überschwemmtes fossiles Treibhaus verwandeln, und dann sind wir alle Geschichte. Nur wenn wir Grünen sagen, wo's lang geht, läuft das auch in 50 Jahren noch: Looking for adventure, in whatever comes our way!

Ulrich Woelk, geboren 1960, war Physiker, bevor er die Schriftstellerei zum Beruf machte. Heute lebt der Literat in Berlin. Sein Début-Roman "Freigang" wurde mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Seither hat er zahlreiche Romane, Theaterstücke, Essays und Hörspiele veröffentlicht. Gerade erscheint sein jüngster Roman "Nacht ohne Engel".

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