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Lesart | Beitrag vom 08.02.2018

Fethi Benslama: "Psychoanalyse des Islam"Von Freud ist kaum die Rede

Von Sieglinde Geisel

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Buchcover "Psychoanalyse des Islam" von Fethi Benslama, im Hintergrund die Ibn Tulun Moschee in Kairo (Verlag Matthes & Seitz / dpa /  Arved Gintenreiter)
Buchcover "Psychoanalyse des Islam" von Fethi Benslama, im Hintergrund die Ibn Tulun Moschee in Kairo (Verlag Matthes & Seitz / dpa / Arved Gintenreiter)

Der Pariser Psychoanalythiker Fethi Benslama verspricht eigentlich, den Ursprung des Islam in die Sprache Freuds zu übersetzen. Dem Text von "Psychoanalyse des Islam" könne man aber kaum folgen, urteilt unsere Rezensentin: Das Vorhaben sei gescheitert.

Der Titel "Die Psychoanalyse des Islam" verspricht uns etwas, worauf wir schon lange warten: Eine psychologische Erklärung für einen Fundamentalismus, dem der Westen ratlos gegenübersteht. In Frankreich ist das Buch des in Paris lebenden Tunesiers Fetih Benslama bereits 2002 erschienen.

In der französischen und angelsächsischen Welt sei es längst ein Standardwerk, so die Ankündigung des Verlags Matthes & Seitz, der im vergangenen Jahr bereits Benslamas schmalen Band "Der Übermuslim" auf Deutsch veröffentlicht hat.

Erfahrungen aus dem therapeutischen Alltag

Fethi Benslama ist nicht nur Professor für Psychoanalyse an der Université Paris-Diderot, er arbeitet auch als Therapeut. Die Erfahrungen aus dem therapeutischen Alltag verleihen seiner Studie "Der Übermuslim" Bodenhaftung: Benslama vermittelt Einsichten in das Innenleben radikalisierter Jugendlicher, die etwa aus dem islamistischen Ideal des Übermuslim ihr Selbstwertgefühl beziehen.

Wer von "Die Psychoanalyse des Islam" nun die dazugehörige Theorie erwartet, wird enttäuscht. Benslama scheitert mit seinem Vorhaben, "den Ursprung des Islam in die Sprache der Dekonstruktion Freuds zu übersetzen". Von Freud oder der Psychoanalyse ist in dem Buch kaum die Rede. Freud sah in der Religion bekanntlich ein seelisches Konstrukt: Der monotheistische Gott erfülle das Bedürfnis nach einer idealisierten Vaterfigur.

Zum Islam allerdings hat sich Freud kaum geäußert, "aus Mangel an Kenntnissen". Wie Benslama selbst ausführt, widerspricht der Islam wiederum Freuds Gottesbild: Allah ist kein Vatergott, denn er zeugt nicht und wurde nicht gezeugt, wie es im Koran heißt.

Soziologische Analyse als Einleitung

Es gehe darum, "den Übergang von der göttlichen Seele zum Unbewussten" zu denken, schreibt Benslama, doch was sich im Unbewussten fundamentalistischer Muslime abspielt, erfahren wir in diesem Buch nicht.

Einleuchtend ist dagegen die soziologische Analyse, mit der Benslama seine Untersuchung einleitet: Die islamische Revolte sei der Protest gegen eine schmerzhafte Transformation, die "Entsubjektivierung" der arabischen Welt eine Folge der gescheiterten Modernisierung.

Benslama spricht vom "gedemütigten Islam", wobei er nicht verschweigt, dass die arabische Welt auch "Subjekt ihrer eigenen Demütigung" sei. Durch die Modernisierung drohe der Religion die Auflösung: Im Islamismus werde sie daher als totalitäre Ideologie wiederhergestellt.

Die Unterdrückung der Frau spiele bei dem rückwärtsgewandten Projekt eine zentrale Rolle: Der Schleier sei das "Sinnbild der Eroberung des öffentlichen Raums durch den Islamismus".

Mäandernde Gedanken, entlegene Quellen, undurchdringliche Sprache

Diese durchaus fasslichen Ausführungen machen jedoch nur einen kleinen Teil der 330 Seiten aus. Sobald es um die Herleitung der Thesen geht, umranken die mäandernden Gedanken einander, sodass man dem Text kaum folgen kann (etwa wenn Benslama von der "Qual der Quelle" spricht und den Ursprung des Islam in Verbindung mit der Biografie des Propheten Mohammed und der Ismael-Überlieferung analysiert).

Benslama zitiert oft aus entlegenen Quellen, und er setzt Kenntnisse voraus, über die kaum ein westlicher Leser verfügt. Doch das größte Hindernis ist die undurchdringliche Sprache.

Man muss sich mit Genitivketten und Relativsatztreppen abmühen, ganz zu schweigen von sinnentleerten Wendungen wie "das unaneigenbare Unmögliche, das sich in einer radikalen Differenz, die der Entzug des Ursprungs ist, bestätigt". Das Lektorat fällt immer dann auf, wenn es fehlt: Hier wurde offenbar weder das Original noch die ungelenke Übersetzung lektoriert.

Fethi Benslama: Psychoanalyse des Islam. Wie der Islam die Psychoanalyse auf die Probe stellt
Aus dem Französischen von Monika Mager und Michael Schmid.
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2017
352 Seiten, 30 Euro

Mehr zum Thema

Psychologie des Dschihads - Mord und Selbstmord im Namen Allahs
(Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 06.07.2017)

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(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 20.03.2017)

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