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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.07.2015

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern Neue Chancen für Oasen der Kultur

Axel Petri-Preis im Gespräch mit Ute Welty

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Die Landschaft der Insel Hiddensee in Mecklenburg-Vorpommern. (imago / Westend61)
Mit Kultur- und Konzertveranstaltungen könnte Mecklenburg-Vorpommer wieder mehr Menschen anlocken, meint der Musikwissenschaftler Axel Petri-Preis . (imago / Westend61)

Bei den Festspielen in Mecklenburg-Vorpommern wird am Wochenende über die Zukunft der klassischen Musik diskutiert. Der Musikwissenschaftler Axel Petri-Preis glaubt an neue Chancen durch Kultur für den ländlichen Raum.

"Es ist naheliegend sich Gedanken zu machen, wie sich der ländliche Kulturraum in Zukunft verändern wird", sagte der Musikwissenschaftler Axel Petri-Preis, der bei den Festspielen in Mecklenburg-Vorpommern in Landsdorf den "Pavillon Zukunft" verantwortet.

Das Bundesland habe strukturelle Probleme und es stelle sich die Frage, wie man den ländlichen Raum mit Hilfe von Kultur und Musik attraktiver gestalten könne. Auf diese Weise könnte man Menschen dazu bringen, dort hinzuziehen und zu bleiben. "Gerade das Gutshaus Landsdorf mit der Familie Schäfer ist da ein herausragendes Beispiel, die hier eine Oase für Kultur geschaffen haben", sagte Petri-Preis. Es gebe zahlreiche weitere wunderbare Gutshäuser, Schlösser und Seen, wo Konzerte stattfinden könnten.

Wandel der Konzerte

Der Musikwissenschaftler zeigte sich optimistisch, dass es das klassische Konzert weiter geben werde. "Allerdings wird es sich wandeln", sagte er. "Es wird auch versucht, neues Publikum ins Konzert zu holen." Petri-Preis erwartet eine Vielfalt der Konzertformen mit moderierten Konzerten und mehr Beteiligung des Publikums.

"Auf diese Weise wird sich auch das Konzerthaus wandeln müssen." Es werde sich stärker öffnen und in seiner Umgebung Relevanz erzeuge. Auch die Neuen Medien würden einen großen Wandel bewirken. Schon bei den Konzerten am Wochenende werde das sichtbar, wenn es eine künstlerische Performance von Matthias Krebs und seinem DigiEnsemble gebe, der mit Tablets musiziere.

 


Das Interview im Wortlaut:

 

Ute Welty: Wie lange wird es das wohl noch geben, dieses ganz klassische Konzert, mit den Damen womöglich im Abendkleid und den Herren im dunklen Anzug? Axel Petri-Preis macht sich darüber professionelle Gedanken, zumal er Musikerziehung in Wien studiert hat und verantwortet jetzt den Pavillon Zukunft bei den Festspielen in Mecklenburg-Vorpommern. Guten Morgen!

Axel Petri-Preis: Schönen guten Morgen aus Landsdorf!

Welty: Nicht nur das Konzert steht im Zentrum Ihrer Betrachtung, sondern auch das Konzerthaus, der ländliche Raum und die Neuen Medien. Sind das die vier Determinanten, sage ich jetzt mal, die die Rezeption von klassischer Musik in Zukunft bestimmen?

Petri-Preis: Ich denke ja. Ich denke, dass sind die vier ganz brennenden Fragen, die sich stellen, wenn es um das Musikleben der Zukunft geht.

Welty: Warum ist Ihnen zum Beispiel der ländliche Raum so wichtig, und welche Erfahrungen sammeln Sie da gerade mit den Festspielen in Mecklenburg-Vorpommern?

Petri-Preis: Das ist genau das richtige Stichwort, Mecklenburg-Vorpommern. Der Pavillon Zukunft findet natürlich im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern in Landsdorf am Gutshaus statt. Es ist naheliegend, sich da auch Gedanken drüber zu machen, wie sich der ländliche Raum, der ländliche Kulturraum in Zukunft verändern wird und verändern wird müssen.

Es ist ja kein Geheimnis, dass Mecklenburg-Vorpommern strukturelle Probleme hat, und die Frage ist, wie man und ob man mithilfe von Kultur, mithilfe von Musik den ländlichen Raum attraktiver gestalten kann und so auch auf lange Sicht hin einen Zuzug nach Mecklenburg-Vorpommern erreichen kann und durch den Zuzug auch ein Bleiben. Gerade das Gutshaus Landsdorf mit der Familie Schäfer ist da ein herausragendes Beispiel, die hier sozusagen eine Oase für Kultur geschaffen haben und damit auch Publikum aus der näheren und weiteren Umgebung anziehen.

Schlösser und Gutshäuser als Anziehungspunkt  

Welty: Wie kann das denn gehen, wie kann man tatsächlich den ländlichen Raum durch Kulturveranstaltungen attraktiver gestalten? Weil die sind ja eher begrenzt, also regional, sowie auch zeitlich – das ist ja keine Einrichtung auf Dauer.

Petri-Preis: Ich habe da zwei Gäste am Podium dann bei dieser Diskussion, die sich darüber seit vielen Jahren Gedanken machen. Das ist zum Beispiel der Doktor Wolf Schmidt, der der Stifter der Mecklenburger AnStiftung ist und viele Thesen aufgestellt hat, wie das funktionieren kann. Er ist unter anderem der Meinung, dass es wichtig ist, die örtlichen Gegebenheiten zu nutzen. Es gibt da in Mecklenburg-Vorpommern wunderbare Gutshäuser, es gibt Schlösser, es gibt Seen, es gibt aufregende Orte, wo Konzerte stattfinden können und zwar – und das ist ja auch etwas Positives, und das kann ja auch zusätzlich Publikum anziehen –, abseits der etablierten Konzerthäuser, die es eben gerade in diesem Bundesland nicht in Hülle und Fülle gibt.

Welty: Und wie wird sich das Konzerthaus in Zukunft verändern?

Petri-Preis: Das ist natürlich eine wichtige Frage und diese Frage stellt sich um Zusammenhang damit, wie sich auch das Konzert der Zukunft verändern wird. Entgegen kulturpessimistischer Aussagen, denke ich, dass es das klassische Konzert weiterhin geben wird. Allerdings wird es sich wandeln, und es wird sich wandeln müssen, denn das kulturelle Angebot wird breiter. Es wird auch versucht, neues Publikum ins Konzert zu holen, das heißt, das, was man auch jetzt schon erkennen kann, wird sich weiter fortführen.

Es wird nicht mehr nur das eine klassische Konzert geben, das Sie zu Anfang in Ihrer Anmoderation beschrieben haben, sondern es wird unterschiedliche Konzertformate geben, mit moderierten Konzerten, mit Konzerten, wo auch das Publikum verstärkt partizipieren wird. Auf diese Weise wird sich auch das Konzerthaus wandeln müssen als Ort, der sich auch öffnet, der Relevanz erzeugt in seiner Umgebung und der auch dem zunehmenden Streben Rechnung trägt, dass hier auch musikvermittlerische Aktivitäten stattfinden. Das heißt, dass also die Musik mehr ans Publikum herangebracht wird.

Wandel durch Neue Medien

Welty: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das, was man Neue Medien, Soziale Medien nennt?

Petri-Preis: Die Neuen Medien werden, da bin ich mir sicher, eine große Rolle spielen. Wir alle können unseren Alltag ohne Neue Medien, ohne digitale Medien ja kaum mehr vorstellen. Ich sitze hier gerade am Smartphone und telefoniere mit Ihnen, das kann aber nicht nur telefonieren, sondern das kann ja 100 andere Dinge auch. Und diese Neuen Medien halten immer mehr Einzug auch natürlich in die Musik und werden da noch einen großen Wandel bewirken und zwar in allen Bereichen. Das sagt auch der Philosoph Harry Lehmann, der meint, dass es also in allen Bereichen der Distribution, der Produktion, einfach zu einem umfassenden Wandel kommen wird in der Musik mit diesen Neuen Medien.

Welty: Darüber sprechen Sie bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern. Manch einer wird sich jetzt fragen, was solche Gespräche auf einem Festival zu suchen haben, weil er lieber Musik hört. Inwieweit lassen sich intellektuelle Auseinandersetzung und künstlerischer Genuss vielleicht dann verbinden?

Petri-Preis: Das greift hier absolut ineinander. Also dieser Pavillon Zukunft ist eine Reihe, wo Konzerte und Gespräche ineinander übergehen und dazwischen gibt es wunderbares Essen und Trinken hier im Gutshaus. Und auch innerhalb dieses Salon Visionaire, wo wir uns also Gedanken machen darüber, wie sich eben das Konzertleben, wie sich das Konzert aus der Zukunft gestalten wird, gibt es auch immer wieder künstlerisch Darbietung.

Ich freue mich zum Beispiel ganz besonders, dass ich im Salon zu den Neuen Medien Matthias Krebs zu Gast haben werde. Matthias Krebs hat im Jahr 2010 das DigiEnsemble Berlin gegründet, das professionell mit Tablets musiziert, also mit rein digitalen Instrumenten. Da wird es also eine künstlerische Performance in diesem Salon geben, wo er mit einem Kollegen aus dem DigiEnsemble gemeinsam auf Tablets musizieren wird und zwar ganz unterschiedliche Musikstile von Rockmusik bis zum Pachelbel-Kanon, das wird also sehr spannend.

Welty: Zurück in die Zukunft des Konzerts mit Axel Petri-Preis von den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern. Haben Sie herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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