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Tonart | Beitrag vom 17.02.2015

Festival Chor@Berlin 2015Stand-Up-Komponieren und Beatboxen

Von Ilka Lorenzen

RIAS Kammerchor (Matthias Heyde)
Einer der Teilnehmer beim Festival Chor@Berlin 2015: der RIAS Kammerchor (Matthias Heyde)

Vier Tage lang feiern und singen: Zum fünften Mal haben sich Profi- und Laiensänger zum Vokalfest Chor@Berlin getroffen. Die Bandbreite der Musik reicht vom frühen Mittelalter bis in die Moderne.

Die 80 Sänger und Sängerinnen der Audi-Jugendchorakademie und das Vokalensemble Die Singphoniker entführten mit Guillaume de Machauts "Messe de Nostre Dame" in die archaische Klangwelt der frühen Mehrstimmigkeit des Mittelalters und dann in die impressionistische Klangwelt des Schweizer Komponisten Frank Martin. "Aus der Tiefe der Zeit" heißt dieses Werk - es schlug musikalisch zeitliche Brücken und emotionale zwischen Chor und Publikum. Das Ensemble Mixtura spielte und trommelte auf Schalmei und Akkordeon mittelalterliche Liebeslieder und verband damit praktisch die beiden Messen miteinander. 

Maximilian Stössel:"Es ist unfassbar schön zu sehen, was hier für eine Vielfalt ist. Das finde ich am Allerschönsten. Ich weiß nicht, wenn man das mit dem Essen vergleichen würde, dann würde man zig Nationalitäten ausprobieren können, hat ein riesengroßes Buffet, irgendwie jetzt den Bogen geschlagen über tausend Jahre Musikgeschichte.

Und das freut mich immer, wenn man erlebt, dass die Menschen offen sind, also sowohl für eine Machaut-Messe aus dem Mittelalter, genauso wie für Pop-Improvisationen mit Oliver Gies, das find ich toll! Also, egal aus welcher Sparte man kommt, dass man offen ist für alle verschiedenen Stile und dann sich drauf einlässt."

Maximilian Stössel, selbst Chorleiter und auch Sänger im Audi-Jugendchor, besuchte am Freitagmorgen den Improvisations-Workshop Stand-Up-Composing.

"Von einer fixen Idee zum Chor Hit" - wie schnell das gehen kann, bewies Oliver Gies, der kreative Kopf der A-cappella Formation Maybebop. Gies zählt zu den führenden Arrangeuren der deutschen Chorszene und brauchte auch nicht lange, um die rund 40 Teilnehmer und Teilnehmerinnen schon am frühen Morgen in Wallung zu bringen:

Gies: "Also, wenn wir jetzt so ein Stück improvisieren wollen, brauchen wir erstmal irgend so 'n Thema. Wer hat denn eins?"

Teilnehmer: "Nebel über der Spree!"

Gies: "Nebel über der Spree, das ist ja ein schönes Stück, ein melancholisches Stück. Was könnte das für ein Musikstil werden?"

Generations- und Motivationsbrücken

Knapp eineinhalb Stunden später ist bereits eine wirklich hitverdächtige Tango-Version von "Nebel über der Spree" entstanden, die Oliver Gies zufriedenstellt.

"Dass man miteinander singt, dass man sich austauscht, dass man versucht, neue Wege zu finden, neue Wege zu gehen, Dinge ausprobiert, Input bekommt, von unterschiedlichsten Leuten, kann einen ja nur bereichern."

Die eigene Stimme als Rhythmusinstrument einzusetzen, diese Kunst, genannt Beatboxen, gehört in vielen A-cappella-Gruppen bereits zum Standard. An diesem Wochenende konnten es alle Interessierten für sich testen – junge und ältere Semester – wie Workshopleiter Lukas Teske frech kommentiert:

"Ich hab echt sehr regelmäßig Leute über 60, 70 in meinen Workshops, die genauso mitmachen, wo man Angst hat, dass die Zähne rausfallen, aber trotzdem machen die volle Kanne mit."

Und so können mit Beatboxen sowohl Generations- als auch Motivationsbrücken geschlagen werden:

"Klar ist es massentauglich. Erstmal springen alle irgendwie auf Beatbox an: Wow, das klingt ja cool. Auch wenn ich in Schulen Workshops mache, wenn's dann zur Abteilung Beatbox geht, sind auch die aus der letzten Reihe, die mit verschränkten Armen da sitzen, die hören dann auch auf – was ist denn das jetzt? Es scheint schon mehr Leute anzusprechen als das reine Singen."

Die wahren Profis der Chorszene

Festivalleiter Moritz Puschke freut sich über die Fülle dieses alljährlichen Branchentreffens. Er versteht das fünfte Chor@Berlin Festival als "kleine Schwester" der Dortmunder Chorcom. Und auch Puschke will zukünftig weitere Brücken schlagen:

"Ich stelle fest, wenn ich so auf die Landkarte gucke, so die Chorszene seismografiere, dass es so etwas in andren Städten überhaupt nicht gibt. Und ich meine, die Chorszene ist so lebendig, die vitalisiert sich gerade enorm, die reformiert sich, die ist hungrig, die ist lustvoll und neugierig. Ich hätte wahnsinnig große Lust, sowas in Hannover oder in Stuttgart auch zu machen!"

In Berlin ging das Festival am vergangenen Sonntag-Abend zu Ende mit den Zwölf Bußversen von Alfred Schnittke, gesungen vom RIAS Kammerchor, den wahren Profis der Chorszene also. Und auch hier kamen wieder mehrfach die besagten Brücken ins Spiel. Denn nicht umsonst prägte Schnittke für seine Musik den Begriff Polystilistik. Er wollte in seinen Kompositionen immer neu wählen zwischen Tradition und Innovation, zwischen Erfindungen und Rückgriffen. So verbindet er in seinem wohl bekanntesten Werk musikalisch Vergangenheit und Gegenwart, findet auch RIAS-Kammerchorleiter Hans-Christian Rademann:

"Ja, auf jeden Fall, weil da viele emotionale Anklänge sind. Also man fühlt sich manchmal in alte Zeiten versetzt, wenn dann plötzlich so Liturgie ertönt oder auch plötzlich vollkommen harmonische Passagen da sind, dann fühlt sich natürlich jeder wohl und fühlt sich zu Hause und in der Geschichte, in dem Ganzen, was hinter uns liegt, die tausendjährige Geschichte taucht dann auf sozusagen in Gedanken und da fühlt man sich als Teil davon."

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