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Tonart | Beitrag vom 11.09.2017

Festival-ChaosWie Berlin Lollapalooza vermasselt hat

Von Tarik Ahmia

Beitrag hören
(picture alliance/dpa/Jens Kahaene)
Chaos und Gedränge auf dem S-Bahnhof: Die Besucher des Lollapalooza-Festvials am 9. und 10. September in Berlin-Hoppegarten. (picture alliance/dpa/Jens Kahaene)

Gedränge, Chaos und profitgierige Organisatoren ohne Weitblick - so werden viele das diesjährige Musik-Festival Lollapalooza in Berlin in Erinnerung behalten. Dabei war das Event mit knapp 100.000 Fans eine riesige Chance für Berlin, sich zu profilieren.

Ups, sie haben es schon wieder getan! Berlin kann es einfach nicht! Berlin kann nicht "Groß-Flughafen", Berlin kann nicht "Geflüchtete würdig empfangen" und nun wissen wir: Berlin kann auch nicht "Großfestival".

Samstag Nacht versank das Lollapalooza Festival wieder einmal im Chaos, als wollte man bestätigen, was schon Kurt Tucholsky vor bald 100 Jahren beobachtete: "Berlin vereint die Nachteile einer amerikanischen Großstadt mit den Nachteilen einer deutschen Provinzstadt".

140 Euro zahlten die Besucher für das Debakel: Auf dem Gelände der Pferderennbahn vor den Toren Berlins gab es endlose Schlangen bei der Getränke- und Essenversorgung zu gesalzenen Preisen. Wie schon bei der Lollapalooza-Premiere 2015 waren viel zu wenige Toiletten aufgestellt und auch der Handyempfang brach komplett zusammen.

Wo planerische Inkompetenz waltet

Wirklich schlimm wirkte sich die planerische Inkompetenz aber bei der An- und Abreise von dem 40 Kilometer vom Stadtzentrum entfernen Festivalgeländes aus.

Großer Andrang herrscht am 09.09.2017 am S-Bahnhof Hoppegarten (Brandenburg), als Besucher zum Lollapalooza Festival auf dem Gelände der Rennbahn Hoppegarten kommen. (Gregor Fischer/dpa)Lollapalooza 2017: Gedränge am S-Bahnhof (Gregor Fischer/dpa)

Stundenlang ging bei der S-Bahn Samstagnacht gar nichts. Das Verkehrschaos hat die Verantwortlichen offenbar überrascht, obwohl die 85.000 Tickets schon seit Wochen ausverkauft waren. Zu wenige Züge, zu wenige Shuttlebusse. Wieder einmal mussten völlig arglose Menschen die Zeche für Profitgier und organisierte Verantwortungslosigkeit bezahlen.

Die Lollapalooza-Veranstalter glaubten offenbar, es würde reichen, für den riesigen Schub an Festivalbesuchern die einzige S-Bahn Verbindung zum Festival Gelände auf einen Zehn-Minuten Takt anstelle des sonst üblichen 20 Minuten Taktes umzustellen. Da war wohl jemand zuständig, der ansonsten Kindergeburtstage organisiert? Oder halt jemand, der das Kostenrisiko scheute, vorab Shuttlebusse in ausreichender Zahl zu reservieren.

Nicht nur die Besucher sind fassungslos über so viel Organisationsversagen. Es ist die Berlin eigene Mischung aus Größenwahn und Dilettantismus, mit der ein weiteres Großevent sehenden Auges fast gegen die Wand gefahren wurde.

Da hatten sie noch gut Lachen: Fans beim Lollapalooza-Festival in Berlin-Hoppegarten. (picture alliance/dpa/Britta Pedersen)Da hatten sie noch gut Lachen: Fans beim Lollapalooza-Festival in Berlin-Hoppegarten. (picture alliance/dpa/Britta Pedersen)

Deshalb trifft die Schuld an dem Festival-Chaos nicht nur den Veranstalter. Schuld trifft auch die Stadt Berlin, deren Unfähigkeit, große Musikfestivals in der Stadt zu etablieren, einschlägig ist. Es ist unwürdig, dass sich unsere Hauptstadt angesichts einer weltoffenen, begeisterungsfähigen Bevölkerung und ihrer riesigen, lebendigen Musikszene logistisch so schwer damit tut, den Menschen außer Straßenumzügen einen angemessenen Rahmen für ein großes Musik-Festival anzubieten.

Eine Chance vertan

Schon als Standort für den Nachfolger des größten deutschen Branchentreffs Popkomm war Berlin prädestiniert – und hat es vermasselt. Versuche, sich mit der Berlin Music Week und dem Berlin Festival am Flughafen Tempelhof als international relevanter Player in der Musikwirtschaft zu positionieren, wurden ebenso kläglich vertan.

Und selbst als die Amerikaner mit dem Vorschlag kamen, die hippe deutsche Hauptstadt mit einem Ableger ihres Lollapalooza Festivals zu adeln, fremdelte Berlin mit dieser Chance. Wie ein ungeliebtes Stiefkind musste das Festival in Berlin jedes Jahr an einen neuen Festivalort umziehen – weil die Einwände der Bedenkenträger schwerer wiegen als das Chance, Berlins Renommee mit einem international relevanten großen Musikfestival auszubauen.

Der Veranstalter wäscht nach dem Debakel seine Hände in Unschuld und belässt es dabei, sich via Twitter zu entschuldigen. Schließlich laufen die Vorbereitungen für das nächste Lollapalooza in Berlin schon. Der Vorverkauf hat begonnen und eins ist sicher: Es wird auch 2018 ausverkauft sein. Hoffentlich erliegen die Veranstalter dann nicht nochmal der Versuchung, mit Hilfe einer Billig-Organisation Kasse zu machen….

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(Deutschlandfunk, Corso, 22.09.2016)

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Tonart

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