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Länderreport | Beitrag vom 11.12.2017

Fehlende ElektrifizierungWarum die Schweiz Bayern beim Bahnausbau helfen muss

Von Michael Watzke

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Ein Nahverkehrszug der Deutschen Bahn mit Diesellok fährt über einen Bahnübergang in Bayern. (imago/JOKER)
Gezogen von einer Diesellok: Nahverkehrszug der Deutschen Bahn an einem Bahnübergang in Bayern (imago/JOKER)

Während die Schnellfahrstrecke Berlin-München eröffnet wurde, hat die Bahn im Freistaat noch erhebliche Infrastrukturdefizite. Im High-Tech-Land sind wichtige Strecken nicht elektrifiziert - ökonomisch wie ökologisch ein Armutszeugnis. Dass es endlich vorangeht, dafür sorgt die Schweiz.

Hauptbahnhof München, Gleis 23. Hier wartet der Eurocity 194 nach Zürich. Und Passagierin Gisela Niggli aus der Schweiz hat nur ein Wort für diesen Zug:

"Rückständig!"

Rückständig, weil der Zug zwischen den Metropolen München und Zürich röhrt und stinkt wie ein russischer Kohletransporter. Es ist ein Diesel.

"Ich versteh's auch nicht. Wir hatten gerade erst im Bekanntenkreis die Diskussion. Und da haben Deutsche fest behauptet, der Zug sei elektrisch. Und er ist es nicht."

Kein Stück elektrisch. Die rote Diesellok der Baureihe 218 ist 50 Jahre alt. Und weil ihre Kraft auf der Strecke durchs Allgäu nicht ausreicht, ziehen gleich zwei Loks das knappe Dutzend Waggons von München nach Zürich.

"Wegen der Energieversorgung. Klima-Anlage, Licht, Speisewagen, Heizung …",

sagt Bahnschaffner Hermann Schäfer, dem die Dieselloks an der Spitze seines Zuges ein wenig peinlich sind.

"Auf jeden Fall. Schon von der Länge der Fahrzeit her. Viereinhalb Stunden bis nach Zürich ist schon sehr lang. Deshalb sind die Züge im Moment auch nicht sehr ausgelastet."

Der Eurocity 194 München-Zürich steht mit einer Diesellok kurz vor der Abfahrt im Münchner Hauptbahnhof. (Deutschlandradio/Michael Watzke)Angetrieben mit Diesel: Der Eurocity 194 München-Zürich kurz vor der Abfahrt im Münchner Hauptbahnhof (Deutschlandradio/Michael Watzke)

Kein Wunder. 500 Meter vom Hauptbahnhof München entfernt, am Zentralen Omnibus-Bahnhof, fährt regelmäßig ein Bus nach Zürich. Er ist eine Stunde schneller, kostet die Hälfte – und fährt genauso klimaschädlich mit Diesel wie die Deutsche Bahn. Das ärgert den Umwelt-Ingenieur Beat Guler, der die Strecke München-Zürich fast wöchentlich fährt.

"Fakt ist: Wir müssen für die Umwelt schauen. Und das heißt: Es ist viel besser, wir fahren mit Strom. Ist einfach so. Weil: Umweltschutz hört ja nicht an der Grenze auf."

Tschechien ist weiter mit der Elektrifizierung

Hinter der Grenze, ab Lindau am Bodensee, ist die Bahnstrecke vollständig elektrifiziert. Denn hier beginnt die Schweiz. In diesem Bahn-Hightech-Land, sagt eine deutsche Reisende halb bewundernd, halb neidisch, seien Dieselloks so gut wie unbekannt.

"Ich weiß schon, da sind die weiter. Auch in Verbindungen: Da passt alles."

In Bayern passt längst nicht alles. Dieses moderne Bundesland hat in manchen Bereichen erstaunliche Infrastruktur-Defizite. Zum Beispiel im Bahnverkehr. Das gibt sogar Joachim Herrmann zu, der bayerische Innenminister, der auch für Verkehr zuständig ist.

"Das Thema Elektrifizierung ist ja auch eines der Energiewende. Wir haben noch viel zu viele Eisenbahnstrecken, wo nur Diesel gefahren wird, weil kein Fahrdraht gespannt ist. Und wir wollen auch dieses Thema ganz generell voranbringen."

Herrmann hat Journalisten zu einer Zugreise durch Ostbayern geladen. Mit der Oberpfalzbahn geht es übers Land. Natürlich hinter einer Diesellok.

"Nächste Station: Irrenlohe. Wenn Sie dort aussteigen möchten, drücken Sie bitte jetzt eine Haltwunsch-Taste."

Die Oberpfalzbahn tuckert nahe der tschechischen Grenze entlang. Es ist so laut im Zug, dass man ganz dicht an den Verkehrsminister heranrücken muss, um ihn verstehen zu können. Herrmann erklärt, dass die Tschechen mit der Elektrifizierung schon viel seien als die Bayern. Obwohl Deutschland in einem Staatsvertrag in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts zusicherten, die Strecke München-Prag auf bayerischer Seite auszubauen.

"Und der tschechische Verkehrsminister wird nicht müde, das auch jedes Mal wieder zu fordern. Die Tschechen haben das, was im Staatsvertrag steht, im Prinzip voll eingehalten. Auf deren Seite ist die Elektrifizierung bis Cheb, also Eger, abgeschlossen. Das läuft perfekt. Bloß auf der deutschen Seite ist so gut wie nichts passiert."

Strecke München-Zürich: Ausbau soll beginnen

Nun kann der bayerische Verkehrsminister Herrmann, CSU, natürlich zu Recht darauf hinweisen, dass die Elektrifizierung von Bahnstrecken nicht Aufgabe des Freistaates Bayern ist, sondern eine Bundes-Angelegenheit. Dumm nur, dass auch der frühere Bundesverkehrsminister in der CSU ist. Alexander Dobrindt weihte erst kürzlich stolz und mit großer Geste die neue Schnellbahntrasse München-Berlin ein. Im ICE in vier Stunden von Landeshauptstadt zu Bundeshauptstadt.

Bayerns Innen- und Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU), vor ihm Mikrofone mehrerer Sender. (Jörg Carstensen/dpa)Bayerns Innen- und Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) (Jörg Carstensen/dpa)

"Wir rechnen damit, dass die Zahl der Reisenden, die zurzeit bei 1,8 Millionen pro Jahr liegt, sich verdoppeln wird auf über 3,6 Millionen Reisende. Da merkt man schon: Das wird auch anderen Verkehrsträgern natürlich Kunden wegnehmen."

Allerdings scheint Dobrindt viele andere, weniger imageträchtige Bahnprojekte vergessen zu haben. Noch immer sind weite Teile Nordbayerns nicht elektrifiziert. Und auch im Großraum München gibt es Nachholbedarf. Zwar ist im gesamten S-Bahn-Netz der Stadt Fahrdraht gespannt. Aber am Ende des Netzes endet vielerorts die Stromzufuhr, es geht mit alten Verbrenner-Lokomotiven weiter. Wer etwa mit der Regionalbahn von München nach Mühldorf fährt, für den ist hinter Markt Schwaben Schluss mit elektrisch. Auf halber Strecke. Dabei könnten die Züge gerade in den Außenbezirken umweltfreundlicher und leiser sein. Deshalb haben Ingenieure der Südostbayernbahn an die Diesellok versuchsweise einen Wagen mit Stromabnehmer gekoppelt. Der soll die Lok mit Strom versorgen, sagt Ludwig Schauberger.

"Die Lok hat einen diesel-elektrischen Antrieb, das heißt, Dieselmotoren erzeugen Strom und elektrische Fahrmotoren treiben die Lok an. Dass man den Strom auch von außen zuführt, genauso wie wir es planen, ist tatsächlich neu und Teil unserer Entwicklungsarbeit."

Für dieses System – Eco DeMe Train genannt – kooperiert die Deutsche-Bahn-Tochter mit dem Hersteller Bombardier und mit der TU Nürnberg. Im Moment wartet man auf grünes Licht für die Finanzierung. Könnten alle Dieselloks der Südostbayernbahn auch elektrisch fahren, würde das 15 Millionen Kilogramm Kohlendioxid im Jahr einsparen. Das entspräche dem CO2-Ausstoß aller Privathaushalte einer 20.000-Einwohner-Stadt. Aber natürlich wäre das nur eine Notlösung.

Besser ist es, über der gesamten Strecke elektrischen Fahrdraht zu spannen. Das will die Deutsche Bahn nun zumindest auf der Strecke München-Zürich umsetzen. Ab nächstem Jahr soll endlich auch auf deutscher Seite der Ausbau beginnen. 440 Millionen Euro veranschlagen die Trassenplaner. Und zwar nicht nur Bundesmittel, sagt Bayerns Verkehrsminister Herrmann.

"Es fließt da auch viel Geld des Freistaates hinein. Auch für Dinge, für die eigentlich der Bund zuständig wäre. Aber wir haben den Ehrgeiz, bei diesen Dingen was voranzubringen."

Anschubfinanzierung aus der Schweiz

Wirklich? Den wahren Ehrgeiz beweisen weder die Bayern noch der Bund. Es ist die Schweiz, die mit einer Anschubfinanzierung von 50 Millionen Euro dafür gesorgt hat, dass auf deutscher Seite zwischen München und Zürich endlich mal was vorwärts geht. Sogar der Landtagsabgeordnete Eberhard Rotter aus der Grenzstadt Lindau am Bodensee gibt zu:

"Ohne das Winken mit den Fränkli wäre diese Strecke bei der Bahn ganz weit hinten gelandet. Und wir wären hier also sicher nicht so weit."

Ein Segelboot fährt am 11.10.2013 vor Meersburg (Baden-Württemberg) kurz vor Sonnenuntergang auf dem Bodensee, während im Hintergrund die Schweizer Alpen zu sehen sind. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)Bodensee: im Hintergrund die Schweizer Alpen. Dort ist Bahn-High-Techland - im Gegensatz zu Bayern. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)

"So weit" ist relativ. Wenn alles glatt läuft, ist die Bahnstrecke München-Zürich im Jahr 2020 komplett elektrifiziert. Aber wann läuft bei einem öffentlichen Bauvorhaben in Deutschland schon mal etwas ganz glatt?

Am Hauptbahnhof München steht der EC194 nach Zürich kurz vor der Abfahrt. Die Schweizer Bahnreisenden mokieren sich halb scherzhaft, halb ernst über die eidgenössische Finanzspritze für die Deutsche Bahn:

"Wir zahlen's mal wieder. Wie immer!"
"Die Schweizer holen alles raus!"
"Aber es nützt nichts. Die Deutschen machen noch nichts."

Dabei würden die Schweizer gern schneller mit dem Zug von Zürich nach München fahren. Denn, so Umwelt-Ingenieur Beat Guler:

"München ist die schönste Stadt in Europa. Und mit dem Zug..."

Der Rest seines Satzes geht in einem lauten Zischen unter. Ein Bahnarbeiter hat am Zug ein Druckventil geöffnet. Sowas gibt es nur noch bei alten Diesel- oder Dampflokzügen. Man fühlt sich ein bisschen an die Nachkriegszeit erinnert. Hier, am Hauptbahnhof München im High-Tech-Land Bayern. Dann schließen sich die Türen des Eurocity. Röhrend und pfeifend setzt sich der Dieselzug in Bewegung.

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