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Interview | Beitrag vom 04.03.2017

"Faust" an der Berliner Volksbühne"Castorf scheut die Auseinandersetzung mit Goethe"

Peter Claus im Gespräch mit Ute Welty

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(Foto: Susanne Burkhardt)
Martin Wuttke spielt die Hauptrolle in Frank Castorfs "Faust"-Inszenierung - seiner letzten Regiearbeit an der Berliner Volksbühne (Foto: Susanne Burkhardt)

Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle: Frank Castorfs "Faust"-Inszenierung hat unseren Theaterkritiker Peter Claus nicht wirklich überzeugt. Sie ähnele einer "großen Wundertüte", meint er: Der Regisseur "übermale" den Stoff mit vielen Kleinigkeiten und fremden Textsplittern.

"Es lohnt sich auf jeden Fall für alle Castorf-Fans, für seine Anhänger, für seine Jünger. Und für alle anderen wird es schwierig", so urteilt Theaterkritiker Peter Claus über die gestrige "Faust"-Premiere – die letzte Inszenierung des scheidenden Intendanten Frank Castorf an der Volksbühne.  Es stellten sich grundsätzliche Fragen zum Anspruch an das Theater:  

"Da ist dann die Frage: Möchte ich ein Theater haben, das mir konkrete Fragen stellt und mich dadurch zum Nachdenken über die Welt anregen kann? Oder reicht es mir, doch mehr oder weniger l'art pour l'art zusehen? Wunderbare Kabinettsstückchen von tollen Schauspielerinnen und Schauspielern, großartiges Bühnenbild, toller Musikeinsatz, herrliche Videoeinspielungen. Aber am Ende doch dazu stehen und einer Textstelle des Abends zu folgen, die  da sagt: (Zitat) 'Einen Sinn muss das Ganze doch haben. Was bedeutet es? Und wenn es nichts bedeutet: 'Warum ist es so lang?' Die Frage kann ich nicht eindeutig beantworten."

Paul Celan, Émile Zola und die Kolonialzeit in Algerien

Sieben Stunden lang dauerte der "Faust"-Abend. Zu den Schwächen der Inszenierung gehöre es, dass sie "zu unkonkret" sei, sagt Claus. Sie ähnele einer "großen Wundertüte": 

"Wir haben den 'Faust'-Stoff, wir haben aber auch Textsplitter von Paul Celan, wir haben Émile Zolas 'Nana', diesen Nuttenroman, der umgesetzt wird auf lange, lange Strecken. Und wir haben die Kolonialzeit in Algerien.  Aber da findet nicht wirklich eine Auseinandersetzung statt. Es sind Stichworte. Es sind auch hier lediglich Splitter. Castorf scheint 'Faust' gar nicht wirklich zu trauen. Er übermalt diesen wuchtigen Stoff mit vielen Kleinigkeiten. Das wirkt manchmal so, als sei ihm hier etwas eingefallen und dort etwas eingefallen. Man könnte auch sagen: Er übertüncht es, und er scheut die wirkliche Auseinandersetzung mit Goethe."

Anspielungen auf den Nachfolger Chris Dercon

Einige Stellen seien zu "selbstreflektiv", kritisiert Claus und beschrieb Anspielungen der Inszenierung auf den Nachfolger Chris Dercon:

"Ich finde es ein bisschen billig, Chris Dercon, der ja nun einmal Belgier ist, schon wieder zu parodieren. Wie macht man das? Über den ganz komisch anmutenden Akzent. 'Ach jottchen', habe ich da nur gedacht."

Der Abend habe mit dem Piaf-song "Bitte geh' nicht fort' begonnen, beschreibt Claus eine weitere Anspielung auf den Weggang von Frank Castorf. Das Publikum sei am Ende begeistert gewesen:

"Dieses 'Bitte geh' nicht fort' lag über dem ganzen Abend. Und am Ende war dann auch der Jubel entsprechend.  Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben ins Publikum geklatscht. Und Herr  Castorf – ganz nonchalant – hat Kaugummi gekaut."

(ue)

Hören Sie dazu auch das Gespräch mit unserem Theaterkritiker André Mumot aus unser "Fazit"-Sendung vom 3.3.2017: 

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