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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.10.2009

Faszinierende Vielfalt

Alex Ross: "The Rest is Noise. Das 20. Jahrhundert hören", Piper Verlag, 703 Seiten

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E-Gitarre (Stock.XCHNG / Herb Collingridge IV)
E-Gitarre (Stock.XCHNG / Herb Collingridge IV)

Alex Ross zeigt mit "The Rest is Noise. Das 20. Jahrhundert hören” eine faszinierende Vielfalt und eröffnet eine spannende Diskussion. Außerdem wagt der Autor auch einen Blick auf die Musik der Moderne.

Besserwisser werden sich ärgern. Darüber, was und wer alles fehlt in dieser Jahrhundertbetrachtung. Über eine gewisse Abschätzigkeit gegenüber germanischer Großkunstmusik. Natürlich wird Bernd Alois Zimmermann, Visionär einer "pluralistischen" Musik, in der sich die vielfältig verstrickten Klänge des Jahrhunderts aufs Wundersamste brechen, in seiner Bedeutung verkannt. Und wie erst geht der New Yorker Frechdachs mit den heutigen großen Männern deutscher Musik um:

"Da Stockhausen von der Bühne abgetreten ist, fällt der Mantel historischer Größe auf Helmut Lachenmanns Schultern. Er ist offensichtlich Avantgardist der gnadenlosen Schule, die keine Gefangenen macht …"

Da wird es Ärger geben, und das ist sehr gut so. Denn Ross’ respektlos amerikanischer Blick auf die jüngere und jüngste Musikgeschichte eröffnet eine spannende Diskussion. Über die Frage nämlich, wann, wie und warum die "klassische" Musik im letzten Jahrhundert den Anschluss ans große Publikum verpasst hat, warum sie sozusagen mit dem Rücken zum Hörer spielt.

Hier wird Schönberg, der strenge Zwölftonmethodiker, zum problematischen Helden des Buches, der unerbittliche Geschmacksrichter Adorno sein fataler Agent. Adorno mag Ross gar nicht, weil der Sibelius nicht mag, den Ross liebt und ihm, ausnahmsweise und nur neben Benjamin Britten, eines von zwei Einzelkapiteln widmet. Schuld am Verlust an Publikumsfreundlichkeit, meint Ross, hat aber ironischerweise auch die geheime aber effektive Umerziehungspolitik durch Kultur- und Neue-Musik-Förderung im Nachkriegsdeutschland, bezahlt von der amerikanischen Militärregierung und dem CIA:

"Es gab also einerseits ein ‚klassisches’ Establishment, das der strengen Entnazifizierung größtenteils entgangen war, und andererseits ein Avantgarde-Establishment, das sich so entschlossen gegen jede Ästhetik der Nazizeit verwahrte, dass es beinahe schon das Konzept des öffentlichen Konzerts ablehnte. Das Ideal des Mittelwegs, einer populären Moderne, konnte zwischen diesen beiden Extremen der Reaktion und Revolution nicht überleben."

Das ist eine gar steile These, und über das Ideal des Mittelwegs in der Kunst lässt sich trefflich streiten. Auch wie hier der amerikanische Minimalismus etwas sehr ausführlich gepriesen und Steve Reich gar als irgendwie einflussreichster Komponist seit Richard Wagner bezeichnet wird, ist ein bisschen dick aufgetragen. Also: wer sich aufregen will, findet reichlich Stoff in diesem großartigen Buch. Denn das ist es.

Wann hat einer mit soviel Mut zum subjektiven Geschmack, so gleichzeitig detailverliebt und beherzt summarisch über solche Mengen Musik geschrieben. Von Berg zu Björk: die Kurve musste längst mal jemand kriegen; die mürbe gewordene Mauer zwischen "E" und "U" nicht nur rhetorisch, im Sinne des Gemeinplatzes von "es gibt nur gute und schlechte Musik", sondern wirklich einreißen, beziehungsweise hier: elegant überspringen.

So bekommen wir die Obertonreihe am Anfang von Straussens "Zarathustra", das Tritonus-Intervall bei Debussy und in Bernsteins "Maria" plausibel erklärt, und wer mehr wissen und hören will, kann das auf der Internet-Begleitplattform "therestisnoise.com". Das Schönste aber sind die Passagen, in denen sich der Autor in der schwierigen Kunst übt, Musik in Worte zu fassen:

"Auf dem Höhepunkt des Bop peitschten elektrisch geladene Tonstränge umher wie gekappte Stromleitungen auf nassem Asphalt. Zwei Klänge waren es, die den 14-jährigen Steve Reich aufhorchen ließen: der wie ein angezählter Boxer taumelnde Rhythmus von ‚Le Sacre du printemps’ und der einen hinterrücks überrumpelnde Beat von Kenny Clarke."

So verwirren sich die vielen Fäden und Schichten der Musik des 20. Jahrhunderts zu einem wunderbaren, weil ohrenöffnenden Durcheinander, zu einem bedenkenfreien Nebeneinander von Analyse und Anekdote. Ein Lieblingssammelgebiet von Alex Ross sind Begegnungen, Schlaglichter von Verschlungenheit:

Schönberg verabschiedet Mahler am Wiener Westbahnhof Richtung Amerika. Bartok trifft Janacek, Messiaen trifft Copland. Der alte Strawinsky schleppt sich die Treppen hinauf zu Boulez’ Pariser Dachwohnung. Berg schreibt einen Lobesbrief an Schostakowitsch, Schostakowitsch besucht Britten und spingst in das Manuskript zu dessen letzter Oper. Billy Wilder besucht Richard Strauss, Bob Dylan zitiert Brecht und Eisler. Und Gershwin trifft Berg. Berg ermuntert den schüchternen, weil sich allzu "populär" fühlenden Besucher: "Mr. Gershwin, Musik ist Musik!" Und dann, daheim:

"Daheim in New York hängte Gershwin ein signiertes Foto von Berg in eine Ecke seiner Wohnung, gleich neben ein Foto des Boxers Jack Dempsey und einen Sandsack."

Besprochen von Holger Noltze

Alex Ross: The Rest is Noise. Das 20. Jahrhundert hören
Piper Verlag, 703 Seiten, 29,95 Euro

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