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Sonntag, 19.11.2017

Zeitfragen | Beitrag vom 31.08.2017

Faszination KräheDer Vogel mit der Intelligenz vom anderen Stern

Von Pia Rauschenberger

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Eine Krähe (Tyler Quring / unsplash.com)
Die Krähe - ein geheimnisvoller, unheimlicher Vogel. Was fasziniert uns so sehr daran? (Tyler Quring / unsplash.com)

Krähen leben nah beim Menschen, sie beobachten uns, beeindrucken uns mit ihrer Intelligenz. Sie können sich Gesichter merken und mit Wölfen paktieren. Kurz: Sie sind unheimliche Wesen - und gerade deshalb so faszinierend.

Direkt neben dem Flughafen Tegel lebt die letzte Saatkrähenkolonie Berlins. "Dieser Flughafen Tegel ist ein beliebter Schlafplatz, die dann abends hier einfallen und dann auf den Bäumen, auf den Gebäuden oder auch drinnen in diesem Rondell, wo es zum Parkdeck runtergeht, nächtigen", sagt Jens Scharon. Er ist Artenschutzreferent beim Naturschutzbund Berlin.

Krähen leben nah beim Menschen

Wenn er über Krähen erzählt, fallen drei Dinge auf. Erstens: Krähen wohnen oft an Orten, die nahe beim Menschen sind und auf den ersten Blick gar nicht besonders naturbelassen wirken, sondern unfreundlich und kühl. Das erinnert an eine Passage aus Philip Roths "Der Menschliche Makel":

"Unzählige Krähen rings um den Parkplatz. Der Krähenkongress bei Friendly’s. Was finden Krähen bloß an Parkplätzen? Was machen sie da? Wir werden‘s nie herausfinden. Genauso wenig wie alles andere."

In dem Buch verliebt sich die Protagonistin in eine Krähe.

"Ich habe ein Foto gesehen. Eine Krähe steht vor einem Adler und krächzt ihn an. Der Adler kümmert sich einen Scheiß um sie. Sieht sie nicht mal an. Aber Krähen sind schon was. Wie sie fliegen. Nicht so elegant wie Raben, die im Fliegen diese schönen, wunderbaren Kunststückchen machen. Sie haben einen großen Körper und trotzdem müssen sie beim Start nicht Anlauf nehmen. Sie machen diese gewaltige Anstrengung und dann sind sie in der Luft."

Krähen spalten die Menschen

Das zweite, das Krähen interessant macht: Sie spalten die Menschen. Einerseits finden viele Menschen Krähen nervig, weil sie scharenweise in Kurorte einfallen und Gäste verschrecken oder anderen Singvögeln die Eier aus dem Nest rauben.

"Ist sicherlich richtig, wenn sie die Möglichkeit haben, ein Amselnest auszunehmen und die jungen Amseln an ihre Jungen zu verfüttern, dann machen die das, oder beim Grünfinken", sagt Scharon. "Aber deswegen sind eben auch diese Singvögel angepasst und können zwei, drei Bruten im Jahr machen. Sie produzieren viel mehr Jungvögel als sie für den Erhalt der Art benötigen."

Krähen beeindrucken Menschen

Andererseits finden viel Menschen Krähen aufgrund ihrer Intelligenz faszinierend. Krähen können sich Gesichter merken, Krähen sind erfinderisch, sprachbegabt und nutzen Werkzeuge. Mehrere Forschungsprojekte zeigen, dass Krähen sogar ihre Zukunft planen. Das ist vielleicht das, was am meisten beeindruckt. Denn Planen ist eine Form der Intelligenz, die vorher nur bei Menschenaffen gefunden wurde. Das sind nur ein paar Beispiele.

"Was mich zum Beispiel extrem überrascht hat bei den Krähen, ist, wie extrem lernfähig die sind", sagt Andreas Nieder, der als Professor an der Universität Tübingen zu Krähen forscht. "Krähen können außerordentlich schnell Assoziationen zwischen Reizen, auch zwischen Personen und Erfahrungen herstellen und daraus allgemeine Verhaltensprinzipien ableiten."

Krähen kooperieren mit Wölfen

Krähen kooperieren sogar mit anderen Tieren – genauer gesagt mit Wölfen. Sie zeigen Wölfen den Weg zu totem Aas und sind dafür in der Nähe der Wölfe in Sicherheit. Insgesamt werden Krähen als soziale Tiere wahrgenommen mit teilweise ganz ähnlichen Eigenschaften wie wir Menschen. Sie sind zum Beispiel auch nachtragend. Dabei sehen Krähen so anders aus als wir Menschen. Affen sind unsere nächsten Verwandten im Tierreich, sozusagen unsere einfacher gestrickten Vettern. Mit den Krähen verbindet uns allerdings keine direkte Verwandtschaftslinie während der Evolution.

"Die Gehirnstrukturen auf denen die Krähen aufbauen sind andere als in unserem Gehirn", erklärt Nieder. "Der letzte gemeinsame Vorfahre von Vögeln und Säugetieren oder uns Menschen hat vor etwa 320 Millionen Jahren gelebt. Und dieser letzte gemeinsame Vorfahre, den muss man sich wie ein reptilienartiges Wesen vorstellen. Und von diesem Wesen ausgehend kam es nun auf der einen Seite bei den Säugetieren und Primaten bis hin zum Mensch zu einer Hochentwicklung der Großhirnrinde. Und auf der anderen Seite haben aber Vögel, Rabenvögel insbesondere, andere Strukturen im Endhirn ausgebildet. Die ihnen wiederum erlauben, hochkognitives Verhalten an den Tag zu legen."

Krähen wirken unheimlich

Die Intelligenz der Krähen wirkt deshalb wie von einem anderen Stern, sagt Andreas Nieder. Erscheinen uns Krähen deshalb so unheimlich? Der Film "The Crow" beginnt mit einem aufschlussreichen Prolog:

"Früher einmal glaubte man, wenn jemand stirbt, dass eine Krähe seine Seele in das Reich der Toten begleitet. Aber manchmal, nur manchmal, bringt die Krähe seine Seele zurück, um die Dinge zu Ende zu führen."

Im Film "The Crow" bringt eine Krähe die Seele eines Rächers zurück auf die Erde. Das ist das Dritte, das Krähen besonders macht: Die unheimliche Aura, die die Rabenvögel umgibt. Kein Wunder – schon die dunkle Farbe macht, dass wir sie mit dem Tod assoziieren. Krähen leben außerdem von toten Tieren und trieben sich früher in der Nähe von Galgen rum – Galgenvögel nennt man sie heute noch.

Aber die Krähen haben immer wieder unter ihrem negativen Image gelitten, wie Scharon erklärt:

"Zum Beispiel der Kolkraben, der als Feind des Menschens, dem lange Zeit nachgestellt wurde, der verfolgt wurde als großer Krähenvogel, als Todesvogel, der den Nachwuchs tötet, ein Feind der Bauern ist, den hat man ja auch sehr stark im Bestand zurückgedrängt."

Im Film "Die Vögel" von Alfred Hitchcock werden Kinder von einem Schwarm Krähen verfolgt, der vor der Schule auf sie lauert:

Was für uns die Krähen vielleicht besonders unheimlich macht: sie beobachten uns. Wir können uns nicht sicher sein, was sie planen. Aber so viel wissen wir: sie haben einen Plan.

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