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Donnerstag, 23.11.2017

Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.11.2014

Fantastischen VierOde an die Für-Immer-Lady

Die Fantastischen Vier: "Single"

Von Florian Werner

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Die Fantastischen 4 bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises 2014.  (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
Die Fantastischen 4 bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises 2014. (Michi Beck, Smudo, Thomas D und And. Ypsilon, v.l.) (picture alliance / dpa / Christian Charisius)

"Rekord" heißt das frisch erschienene, neunte Studioalbum der Fantastischen Vier. In dem Lied "Single" umkreisen die Rapper gekonnt das Nie-mehr-allein-sein-wollen und geben dabei die Hoffnung nie auf.

"Ich möchte nie wieder Single sein
'
Ich möchte nie wieder Single sein
Ich möchte …"

…nie wieder Single sein − das ist eine überraschende, irritierende Aussage für eine Band, die im Lauf ihrer Karriere bislang 28 Singles ausgekoppelt hat, und deren drei Rapper Smudo, Thomas D und Michi Beck in Karrierehochzeiten schon mal drei konkurrierende Singles auf einmal veröffentlicht haben, nur um zu sehen, welche davon erfolgreicher sein wird. Aber es geht in dem Lied "Single" auch nicht um einen Abgesang auf den Einzeltonträger, sondern um das Leben als alleinstehender Mann.

"Ich möchte nie wieder Single sein
Schon nach einer Nummer alles vorbei
Ich will Dir lieber das Gesamtwerk zeigen
Inklusive aller Liebe zum Detail
Denn Nummer eins in den Singlecharts
Bedeutet einsame Spitze
Und was das Ganze noch schlimmer macht
Es ist keiner da der mitsingt"

Auf Menschen, die noch mit der Vinyl-Platte als popmusikalischem Leitmedium aufgewachsen sind, scheint der Begriff der Singlegerade besonderen allegorischen Reiz auszuüben: Erst kürzlich bedichtete der französische Schriftsteller Michel Houellebecq das irdische Dasein als B-Seite, der jegliche Hit-Qualitäten abgehen. Die Fantastischen Vier können literarisch zwar nicht ganz mit dem Goncourt-Preisträger mithalten − führen die Metapher vom menschlichen Leben als Single dafür aber noch viel weiter.

"Ich möchte nie wieder Single sein, krieg’ es nicht hin allein
Ich dreh mich immer nur im Kreis und such den Sinn dabei
Das braucht heut keiner mehr, das ist voll Neunziger
Suchst du nur vier Minuten Spaß oder nen Longplayer
Klingt doch schon Scheiße wenn es heißt als Single ausgekoppelt
Als ein zum Scheitern verurteiltes Auslaufmodell …"

Ein Liebender kreist um sich selbst

Das Metaphernfeld Single wird von den Vier im Verlauf des Textes mit schwäbischer Sorgfalt durchgepflügt, abgeerntet und auf Polysemien, also beziehungsbezügliche Mehrdeutigkeiten abgeklopft. So kreist der narzisstisch-ninetiesmäßige Liebende um sich selbst wie eine Schallplatte − seine künftige Liebe soll "um die dreiunddreißig" sein, wie die Umdrehungen pro Minute eines Longplayers – und die Spitze der Charts wird zum Gipfel der Einsamkeit, zum Ort, an dem der Vinylmensch mit sich und seinen Reichtümern allein ist.

"Ich steh auf, aus meinem goldenen Bett
Und geh raus über das goldene Parkett
In meinem Haus; und hier ist alles so fett
Ich bin’s auch; denk mir es wär alles perfekt
Wenn ich das eine noch hätt’ und eigentlich fehlt mir nur
Eine Kleinigkeit und von der jede Spur
Doch etwas funkelt am Grund von meinem Goldenen Pool
Ist das die Goldene Uhr, sie ich seit Wochen schon such’
Ich schwimm hin, find was am Boden so blinkt
Ist nur der Goldene Ring, der an deinem Finger noch hing …"

Hoffnung auf die Eine bleibt

In der zweiten, vom Bandphilosophen Thomas D gereimten Strophe wird der Song mythologisch mit Blattgold grundiert: Das Bild des armen reichen Mannes gemahnt einerseits an König Midas, der alles, was er berührt, in Gold verwandelt und deshalb zur Einsamkeit verdammt ist. Zum anderen an die Ballade "Der Ring des Polykrates", in dem das schreckliche Schicksal eines materiell und militärisch allzu erfolgreichen Königs besungen wird: "Noch keinen sah ich fröhlich enden", rappt warnend Friedrich Schiller, "Auf den mit immer vollen Händen / Die Götter ihre Gaben streun."

"Ich möchte, dass es mit uns klappt und zwar für immer
Irgendwann holst Du mich ab in deiner Limo
Du siehst gut aus mit dem roten Teppich
Lass den Hut auf, weißt du Pop ist dreckig
Ich möchte Deine Melodie nie aus’m Kopf
Deshalb sag ich nie Stop im Namen des Rock
Ich möchte, dass dies der große Rock’n’Roll Schwindel ist
Yeah, ich wünsch’ mir, dass du Single bist.

Von solchen metaphysischen Bedenken ist das Lied der Fantastischen Vier frei: Am Ende steht die Hoffnung, eine Frau zu finden, die ebenso erfolgreich − oder auch einfach nur reich − ist wie das liebende, singende, singelnde Ich: eine passende Lady Midas. Und das bedeutet natürlich auch: Sie sollte nicht bereits Teil einer anderen Langspielplatte sein – sondern eine Single.

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