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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.10.2011

Familientreffen der anderen Art

Douglas Palmer: "Die Evolution des Menschen", Verlag National Geographic Deutschland, Hamburg 2011

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Die Neandertaler sind die engsten Verwandten des modernen Menschen. (PLoS)
Die Neandertaler sind die engsten Verwandten des modernen Menschen. (PLoS)

In 13 Kapiteln präsentiert der renommierte Wissenschaftsautor Douglas Palmer die evolutionäre Entwicklung des Menschen. Gemeinsam mit seinem Team von Zeichnern und Fotografen balanciert er gekonnt zwischen Text und Bild, Wissenschaft und Abenteuer, Natur- und Kulturgeschichte.

Ohne Scheu wendet er dem Betrachter sein Gesicht zu. Skepsis liegt darin. Und reichlich Selbstvertrauen. Wäre seine Stirn nicht ein wenig flach und wölbten sich über den Augen nicht knöcherne Bögen - wer weiß, ob der "Heidelbergmensch" nicht als unser Zeitgenosse durchgehen könnte.

600.000 Jahre währte seine Zeit auf der Erde, bevor er vor 200.000 Jahren verschwand, der "Homo heidelbergensis". So vertraut sein wissenschaftlicher Name klingt: Er gehört zu den geheimnisvollsten Vorfahren des modernen Menschen, erklärt Douglas Palmer in seinem wunderschönen neuen Bildband "Die Evolution des Menschen".

In 13 Kapiteln präsentiert der renommierte Wissenschaftsautor unsere Ahnengalerie - angefangen beim frühesten bekannten Vertreter der Menschenartigen, dem "Proconsul africanus", der vor 14 Millionen Jahren ausstarb, über Australopithecus afarensis und Homo habilis etwa in der Mitte des Stammbaums bis hin zum Neanderthaler und seinem geistig überlegenen Konkurrenten, dem Homo sapiens. Jedes Kapitel ist angereichert mit realistischen Zeichnungen, die den Frühmenschen in seiner Umwelt lebendig werden lassen. Säbelzahntiger tummeln sich da, Eiszeiten heulen über die Kontinente, längst ausgestorbene Bäume spenden Schatten. Visuelles Highlight ist ein ausdrucksstarkes fotografisches Porträt, erstellt mit Hilfe eines dreidimensionalen Kopfmodells. Klug, gefühlvoll und kompetent sehen unserer Ahnen aus - die Zeiten grimmig dreinschauender Zottelwesen sind mit diesem Buch endgültig vorbei.

In den Texten trägt Douglas Palmer zusammen, was sich auf dem Stand der Forschung über die Zweibeiner vor uns sagen lässt. Immer berichtet er auch von der Entdeckungsgeschichte und zeichnet nach, mit welcher Raffinesse und Geduld Anthropologen seit Jahrzehnten versuchen, Licht in die Frühzeit der Menschheitsgeschichte zu bringen. Vom Heidelbergmenschen zum Beispiel gab es lange Zeit nicht mehr als ein paar verstreute Schädelfunde. Heute lässt sich zwar erahnen, wie sein Skelett ausgesehen haben mag - einen zusammenhängenden Fund jedoch konnten Archäologen noch immer nicht aus der Erde graben; dabei ist der Heidelbergmensch wohl als unser direkter Vorfahre anzusehen.

Neben der Ahnengalerie bietet das Buch aufschlussreiche Hintergrundkapitel. Um Fossilienkunde geht es darin, Datierungsverfahren in der Archälologie und die Frage, wie zuverlässig sich Stammbäume mit Hilfe von DNA-Analysen rekonstruieren lassen. Auch die Kulturgeschichte des Menschen wird ausführlich reflektiert - Spracherwerb, Werkzeugherstellung und unsere Vorliebe für Musik und Kunst.

Ein "Familientreffen" nennt der Autor seine Präsentation. Weit mehr als für Differenzen interessiert sich Douglas Palmer für die tiefe Verwandtschaft aller Menschenartigen. Gemeinsam mit seinem Team von Zeichnern und Fotografen balanciert er gekonnt zwischen Text und Bild, Wissenschaft und Abenteuer, Natur- und Kulturgeschichte - ein inhaltlich wie optisch gelungener Wurf.

Besprochen von Susanne Billig

Douglas Palmer: Die Evolution des Menschen - Woher wir kommen, wohin wir gehen
Aus dem Englischen von Dagmar Mallett, Maria Meinel und Anke Wagner-Wolff
Verlag National Geographic Deutschland, Hamburg 2011
256 Seiten, 39,95 Euro

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