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Mahlzeit | Beitrag vom 28.07.2017

Fahndung nach Dickmachern Macht Kohlensäure im Wasser dick?

Von Udo Pollmer

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Ein Glas Wasser mit Kohlensäure und Zitrone. (imago/RelaXimages)
Blasen im Wasser machen dick - angeblich. (imago/RelaXimages)

Nicht mehr Zucker ist der Dickmacher Nummer eins - Sprudel, Hausstaub, Essensbilder oder allein der Geruch von Essen sind mindestens genauso schlimm. Das behaupten jedenfalls neueste Studien. Wie kommen die Wissenschaftler darauf?

Die Fahndung nach Dickmachern fördert immer neue Überraschungen zutage. Jetzt haben nimmermüde Forscher sogar unterm Sofa einen Verdächtigen erwischt. Denn dort im Staub lauern Stoffe, die im Reagenzglas irgendwelche Zellen dazu verleiten, Fettmoleküle aufzunehmen. Und schon droht Kindern Fettsucht, wenn sie am Boden spielen. Wer’s glaubt! Wenn Stoffe (sog. endocrine Disruptoren) aus Umwelt und Nahrung tatsächlich dick machen, dann steht die Sojabohne ganz vorne. Kein Schadstoff kann den pflanzlichen Hormonen auch nur das Wasser reichen.

Stand bisher der Zucker im Fokus des Kalorienkampfes, gibt es nun einen neuen Feind: "Studie belegt: … jetzt macht sogar schon Sprudelwasser dick". Anlass für den Seufzer ist ein Rattenversuch: Die 1. Gruppe Nager bekam Leitungswasser, Gruppe 2 und 3 Zuckerlimo oder Diätlimo, jeweils mit Kohlensäure und die 4. Gruppe Limo ohne CO2. Laut Studie wurden die Tiere mit Kohlensäure schneller fett. Denn das Gas dehne den Magen und das wiederum sorge für die Ausschüttung eines Hormons, das Freßlust auslöse. Bisher führte Magendehnung zu Völlegefühl – und schon verging der Appetit.

Essensbilder regen den Appetit an

Der Mumpitz löste dennoch ein großes Hallo in den Medien aus. Dabei teilen die Forscher aus dem Westjordanland nicht mal mit, woraus ihre Limos wirklich bestanden. Da Ratten nicht rülpsen können, werden sie beim Trinken einigen Stress gehabt haben. Auffällig ist vor allem, dass sie mit Süßstoff genauso zunahmen wie mit Zucker. Doch darüber herrscht Schweigen.

Bei den Leitungswasser-Ratten kam es während des Versuchs zwischenzeitlich zu schnellem Gewichtsverlust. Das nährt den Verdacht, dass im Wasser Keime waren, die Durchfall verursacht haben, mit der Folge einer unfreiwilligen Gewichtsabnahme. Man staunt nicht schlecht, was unsere Experten aus diesem vermurksten Versuch schließen: Man bleibt schlank, wenn man viel stilles Wasser trinkt und keinen Sprudel!

In diesen Reigen der Schnapsideen reiht sich "Spektrum der Wissenschaft" ein mit der Erkenntnis "Zunehmen vom Zusehen". Nicht etwa Gasblasen aus der Sprudelflasche sind der Redaktion zu Kopfe gestiegen, sondern appetitliche Essensbilder. Die regen den Appetit an. Für gezügelte Esser sei dies problematisch, denn die müssten sich ständig beobachten, um nicht die Kontrolle zu verlieren.

Besonders schlimm sei es, wenn man bereits hungrig ist. Der schier unglaubliche Effekt wurde an Psychologiestudentinnen mittels eines Elektroencephalogramms bestätigt: Essensfotos aktivieren doch glatt das Belohnungszentrum. Und was besagt das? Nichts. Wer im Schaufenster etwas sieht, das er begehrt, fällt nicht gleich drüber her. Übrigens: Ohne Belohnungszentrum wären wir nicht etwa schlank und rank, sondern gefühllose Zombies.

Keine "gesunde Ernährung" für alle

Nicht nur die Bilder, auch der Geruch mache dick. Anlass dieser Meldung ist eine hübsche Studie mit Mäusen: Deren Gewicht hing davon ab, ob sie das Futter riechen konnten, oder ob der Geruchssinn ausgeschaltet worden war. Bei gleichem Verzehr entwickelte sich das Gewicht ganz unterschiedlich. Das lag daran, dass die Mäuse nach der Blockade des Geruchssinns vermehrt braunes Fettgewebe bildeten. Im braunen Fettgewebe werden Kalorien verheizt, um die Betriebstemperatur im Körper zu halten oder um Energieüberschüsse abzubauen. Dadurch wurden sogar fette Mäuse mit fettem Futter schlanker. Als nach einigen Wochen der Geruchssinn zurückkehrte, nahmen die Mäuse wieder zu – ohne mehr zu fressen.

Lässt sich das auf den Menschen übertragen? Eher weniger, denn ein kleiner Mäusekörper reguliert seine Temperatur anders als der Mensch; weil er schneller auskühlt, braucht er außerdem mehr Energie. Auch dürfte das extrem fette Futter die innere Steuerung überfordert haben. Sonst wäre das Gewicht vermutlich einigermaßen konstant geblieben.

Wenn der Versuch eins beweist, dann dass die Idee, am Gewicht sähe man, was einer äße, eines Tages genauso überwunden werden muss, wie die Vorstellung, es gäbe eine "gesunde Ernährung" für alle. Mahlzeit!

Literatur

Kielon K: Kohlensäure im Wasser macht dick. MDR-Wissen vom 17. Mai 2017

Kassotis CD et al: Characterization of adipogenic activity of house dust extracts and semi-volatile indoor contaminants in 3T3-L1 cells. Environmental Science & Technology 2017; epub ahead of print

Sanders R: Smelling your food makes you fat. Pressemeldung University Berkeley vom 5. July 2017

Garms A: Dick aufgrund von Chemie im Hausstaub? Das steckt dahinter. Welt N24 Online 17. Juli 2017

Viering K: Ernährung: Zunehmen vom Zusehen. Spektrum.de vom 6. Feb. 2015

Eweis DS et al: Carbondioxide in carbonated beverages induces ghrelin release and increased food consumption in male rats: Implications on the onset of obesity. Obesity Research & Clinical Practice 2017;b ahead of print

Riera C et al: The sense of smell Impacts metabolic health and obesity.Cell Metabolism 2017; 26: 198–211

Blechert J et al: Eat your troubles away: Electrocortical experiential correlates fo food image processing are related to emotional eating style and emotional state. Biological Psychology 2014; 96: 94-101

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