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Dienstag, 12.12.2017

Tonart | Beitrag vom 04.04.2016

Exilkolumbianer Mil SantosSound einer gewalttätigen Kindheit

Von Burkhard Birke

Ein Mann spielt auf einer Akustikgitarre. (imago/Westend61)
Ein Mann spielt auf einer Akustikgitarre. (imago/Westend61)

Der Kolumbianer Mil Santos ist in den 90er-Jahren in der Stadt Cali mit Gewalt und Tod aufgewachsen. Heute lebt er in Deutschland, seine traumatischen Jugenderinnerungen verarbeitet er aber in seinen Songs. So auch auf seinem Retro-Sals-Album "El Dia".

"Egal, wo man sich befindet in dieser Welt, nachdem man in Cali Kolumbien aufgewachsen ist, dann muss man nicht zwei Mal nachdenken, was man wirklich fühlt, was man in sich trägt, und zwar Salsa."
 
Den Sound der 80er- und 90er-Jahre, den Klang seiner Kindheit lässt der in Berlin lebende Mil Santos mit seinen Eigenkompositionen wiederauferstehen. Für den Kolumbianer ist es eine ganz bewusste Reise zurück zu seinen Wurzeln. Mil Santos kam zunächst als Austauschschüler und später als Philosophiestudent nach Deutschland. So entkam er der Gewalt in seiner damals von Drogenkartellen beherrschten Heimatstadt Cali.

"Ich bin in den 90er-Jahren in Cali aufgewachsen und das war definitiv eine schwierige Zeit für alle, es war inklusiv eine Art Bürgerkrieg. Man hatte Angst, man wusste nicht genau, wo der Feind war. Und deswegen hat mich das sehr geprägt."

Der Tod ein ständiges Thema

Viele seiner Kumpel kamen damals um‘s Leben. Im Song "Balacera y Metralla", Schießerei und Maschinengewehr, verarbeitet Mil Santos seine teils traumatischen Jugenderinnerungen – immer mit einer gehörigen Prise Humor.

"Wie eine verirrte Kugel sagte ich: Ich habe nichts zu verlieren. Ich trage nur diese Wunde in mir… ein anderer Tag um davonzulaufen und zu fallen…"

Solche Texte stehen bei Mil Santos im Gegensatz zum fröhlich anmutenden, mit viel Bläsern und Percussion instrumentalisierten Sound der traditionellen Salsa.

Auffällig wie der Tod als Thema sich wie ein roter Faden durch das Album zieht: "Mí último día", mein letzter Tag, "Las Calaveras", die Totenköpfe, oder "El día en que yo me muera", der Tag, an dem ich sterbe: Gleich drei Titel widmet der Kolumbianer direkt dem Thema.

"Ich glaube das Gefühl von diesem Tod, dass man die Existenz und die Lebensfreude auch in so etwas wie dem Tod finden kann, ich glaube, das ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt."

El día en que me muero: "Der Tag an dem ich sterbe, soll es keine Pein geben – singend soll man mich ans Meer bringen, um die Erde abzuwaschen"

Singen über den Frieden

Lebensfreude im Tod – oder man könnte auch sagen angesichts der ständigen Bedrohung durch den Tod finden: Wie sonst hätten die Kolumbianer mehr als 50 Jahre bewaffneten Konfliktes zwischen Guerilla, Paramilitärs und Sicherheitskräften und all die Jahre des Terrors der Drogenkartelle überstanden? Seit einigen Jahren schon verhandeln Guerilla und Regierung über Frieden und auch Mil Santos singt und hofft, dass nun endlich Frieden geschlossen wird.

"Die Zukunft meines Landes heißt Frieden und wir werden das auf jeden Fall erreichen, und zwar zusammen, indem wir zu vergeben lernen.  Natürlich haben wir sehr schlimme Zeiten durchgemacht, aber ich glaube der Friedensprozess muss auf jeden Fall einen Punkt setzen und ein anderes Kolumbien ermöglichen."

Dafür setzte und setzt sich Mil Santos ein: In Sozialprojekten in Medellín und mit öffentlichen Konzerten in seiner Heimat. Übrigens Mil Santos heißt 1000 Heilige:   

"Die 1000 Heiligen sind eher diese Künstler, Sänger, Musiker, die Lateinamerika mit ihrer Musik gestaltet haben und immer noch unseren Alltag gestalten und das sind für mich Heilige: Celia Cruz, Chucho Valdés, Ismael Rivera."

Sie sind auch seine großen Vorbilder und ihr Einfluss auf seine Musik ist unüberhörbar.

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Antirhetorik einer mörderischen Wirklichkeit
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 26.04.2010)

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