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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.03.2014

Exil-RomanReise in eine Welt voller Hoffnung

Kim Thúy: "Der Geschmack der Sehnsucht"

Von Birgit Koß

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Durch eine Eheschließung verlässt eine junge Vietnamesin ihre Heimat und geht in Kim Thuýs zweitem Roman nach Kanada. Erst viel später begegnet ihr in Paris auch die Liebe. Die in Vietnam geborene, kanadische Schriftsteller Thuý zeigt, was es heißt, an ein neues Leben zu glauben. Ihr ist mit "Der Geschmack der Sehnsucht" ein berührender Roman gelungen.

Kim Thuý, in Saigon geboren, floh 1978 mit ihrer Familie im Alter von zehn Jahren unter den sogenannten "Boat People" und lebt seither in Kanada. In ihrem ersten preisgekrönten Roman beschrieb sie vor vier Jahren ihre Familiengeschichte. Der zweite, "Der Geschmack der Sehnsucht", handelt vom Exil einer Vietnamesin in Kanada, und diesmal hat sich die Autorin eine Protagonistin erschaffen, die über eine Eheschließung Vietnam verlässt.

Dieses junge Mädchen hat in den Wirren des Vietnamkrieges keine eigene Familie, wird einfach "weitergereicht" und findet erst bei seiner "dritten Mutter", einer Lehrerin, sein Zuhause. In der Nachkriegszeit beschließt diese, ihrer "Tochter" eine sichere Zukunft zu ermöglichen, indem sie das Mädchen nach Kanada verheiratet mit einem Vietnamesen, der dort im Exil lebt und sich eine "echte" Vietnamesin zur Frau wünscht.

Der Ehemann betreibt eine Suppenküche und die junge Frau fügt sich klaglos in ihre Rolle. Sie hilft bei der Zubereitung der Speisen in ihrer winzigen, oft sprachlosen Welt. Doch schließlich besinnt sie sich auf Speisen und Gewürze, die sie mit bestimmten Orten ihrer Heimat verbindet. Schnell lernen die anderen Exilanten dieses Essen zu würdigen, und so wird aus einer Suppenküche ein gut gehendes Restaurant.

Inzwischen ist die junge Frau auch Mutter zweier Kinder und hat sich mit der Kanadierin Julie angefreundet. Deren Kreativität, ihr offenes Wesen und ihre übersprühende gute Laune zeigen der jungen Exilantin eine ganz neue Welt. Sie gibt mit Julies Unterstützung Kochkurse und schreibt ein Kochbuch, in dem Kräuter und Gewürze ihre eigenen Geschichten erzählen. Der Erfolg führt die Protagonistin bis nach Paris, wo sie  sich in einen Fremden, Luc, verliebt und damit ihren Gefühlen neue Welten eröffnet.

Jedes Kapitel könnte als Kurzgeschichte stehen 

Kim Thúy  gliedert ihren Roman in kurze Kapitel, oft nur einige Zeilen, maximal zwei Seiten, immer mit einem Begriff auf Vietnamesisch und Deutsch am Rand gekennzeichnet. Jedes dieser Kapitel bekommt einen eigenen Seitenanfang und könnte auch als Kurzgeschichte stehen. Lediglich bei den Begegnungen mit Luc fließen die Kapitel, schaffen einen größerer Bogen, der für eine tiefere Emotionalität, die die Protagonistin erlebt, stehen kann.

Die Bilder und Beobachtungen der Autorin sind sehr klein und fein, dabei sprachlich gestochen scharf. Dahinter schimmert viel Tiefe und Gefühl durch, genauso wie in ihren Figuren, die zurückhaltend, ruhig, fein lächelnd ihr Schicksal ertragen und doch belastet sind von den Erinnerungen des Krieges und der Entfremdung durch das Exil.

Kim Thúy nimmt den Leser chronologisch ungeordnet mit in die Erinnerungen an die Zeit in Vietnam während des Krieges und danach und ins Exil. Sie zeigt, sicherlich beruhend auf ihren eignen Erfahrungen, die Chance, die das Exil bietet, sich in der neuen Gesellschaft einzuleben, und was es heißt, sich mutig zu öffnen, um an ein Leben zu glauben, in dem die Sehnsucht ihren Platz und auch ihre Erfüllung finden kann. Damit ist ihr ein weiterer berührender Roman gelungen.

Nicht zuletzt ist das Buch auch wegen der liebevollen Ausstattung ein Kleinod, mit dem man sich gern auf die Reise in eine Welt voller Hoffnung und voller feiner Geschmacksunterschiede begibt.

Kim Thúy: Der Geschmack der Sehnsucht
Aus dem Französischen von Andrea Alvermann und Brigitte Große
Verlag Antje Kunstmann, München 2014
144 Seiten, 16,95 Euro  

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