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Studio 9 | Beitrag vom 18.04.2016

Eva Menasse im Westjordanland"Ich habe Angst, an diesem Text zu scheitern"

Von Torsten Teichmann

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Eva Menasse mit Yehuda Shaul (r.) und Michael Chabon (2. v. r.) (Deutschlandradio / Torsten Teichmann)
Die Autorin Eva Menasse mit Yehuda Shaul (r.) und Michael Chabon (2. v. r.). (Deutschlandradio / Torsten Teichmann)

25 Schriftstellerinnen sollen über Israels Besatzung der palästinensischen Gebiete schreiben. Eine von ihnen ist Eva Menasse. Bislang war sie diesem Thema immer ausgewichen.

Ein israelischer Siedler in Hebron schreit auf eine Gruppe von Besuchern ein. "Hau ab, Du bist ein Mörder", brüllt er den Organisator der Tour zusammen. "Verschwindet hier, filmt hier nicht", verlangt er von den anderen.

Die Autorin Eva Menasse steht in einem grünen Mantel, mit Notizbuch und Stift unmittelbar neben dem wütenden Mann. Dass es schwer wird, durch das von Israel besetzte Westjordanland zu reisen, war ihr klar - schon als sie zugesagt hatte, zu kommen.

"In dem Moment habe ich gedacht, das ist eine unangenehme Aufgabe, auch für mich persönlich, eine unangenehme Aufgabe. Weil ich weiß, dass ich absichtlich diesem Thema bisher ausgewichen bin."

Nach der Entdeckung der jüdischen Familiengeschichte des Vaters sei kein Platz gewesen für den aktuellen Konflikt. Oft war sie in Israel, nie in den palästinenischen Gebieten. Sie spricht von der Rückseite des Mondes.

Anthologie zum 50. Jahrestag des Beginns der Besatzung

Mit Eva Menasse reisen 24 Schriftstellerinnen und Publizisten aus aller Welt nach Israel, ins Westjordanland und der US-Autor Dave Eggers auch nach Gaza. Sie sollen schreiben, was sie sehen. Alltag unter Besatzung.

"Es gibt einen tiefen Glauben, den ich habe an die Literatur, dass sie in der Lage ist, Ambivalenzen darzustellen."

Eine Anthologie entsteht zum 50. Jahrestag des Beginns der Besatzung. Herausgeben wird sie im kommenden Jahr der Pulitzer-Preisträger Michael Chabon und seine Frau, die aus Israel stammende Autorin Ayelet Waldmann.

Am vierten Tag der Tour steht Hebron auf dem Programm. Diee von Gewalt zerrissene Stadt, 30 Kilometer südlich von Jerusalem. Über 200.000 Palästinenser wohnen dort und 850 israelische Siedler. Für deren Schutz setzt Israel 600 Soldaten ein.

Die Trennung bestimme beinahe das gesamte Leben, erklärt Yehuda Shaul. Shaul arbeitet für eine Organisation ehemaliger israelischer Soldaten mit Namen "Das Schweigen brechen". 

"Ein Irrer hat das gemalt"

Mit Hilfe eines Stadtplans versucht er, verbotene Zonen, Anschläge, Ausgrenzung und Veränderungen in der Stadt zu erklären. Doch es ist kaum möglich, zu begreifen, was in Jahrzehnten der Gewalt entstanden ist:

"Also, sie haben uns hier eine Karte gegeben mit den Siedlungen der Israelis und dem palästinensischen Gebiet in lauter verschiedenen Farben. Und es gibt die grüne Linie und es gibt die rote Linie, die ist diese schreckliche Mauer da. Und dann gibt es noch irgendwelche anderen Linien und man starrt darauf und man hat das Gefühl: Ein Irrer hat das gemalt."

Grenzen sind das Thema, über das Menasse schreiben will. Man könne das Thema noch wechseln, tröstet sie sich.

"Ich habe große Ängste, dass ich ausgerechnet an diesem Text scheitere, weil ich nicht weiß, wie das überhaupt zu fassen ist."

Zu Feinden des Staates Israel stigmatisiert

Die Tour durch die Sicherheitszone von Hebron wird mühsam. Immer wieder halten Autos neben der Gruppe der Schriftsteller. Siedler schreien "Lüge" und "Hurensohn". Die ehemaligen Soldaten um Yehuda Shaul, die gegen die Besatzung kämpfen, sind zu Verrätern und Feinden des Staates Israel stigmatisiert worden. Nicht nur von Siedlern, sondern auch von Ministern der israelischen Regierung.

Müssen die Autoren mit ihrer Anthologie ähnliches fürchten?

Die letzte Station an diesem Tag ist Susiya, ein palästinensisches Dorf südlich von Hebron. Die Zelte der Palästinenser sind gesichert mit Planen, Spanngurten und alten Autorreifen. Doch das hilft nichts. Jedes Zelt hat einen Abrissbefehl der israelischen Militärverwaltung im Westjordanland.

Die Bewohner klagen über Willkür. Eva Menasse sitzt in ihrem grünen Mantel mit den großen Knöpfen auf einem grauen Plastikstuhl, schreibt mit und fragt nach. Nasser Nawabje berichtet, dass er eine Genehmigung der israelischen Armee braucht, um Wasser aus einem Brunnen zu holen, der einmal dem Dorf gehörte:

"Nicht jeder hat für den Transport einen Wassertank. Also müssen sich einige einen Tank mieten für den Tag, an dem sie eine Genehmigung haben. Und dann kann es Dir passieren, dass Du mit Deinem Wasserkanister kommst und die Militärverwaltung erklärt Dir, dass Deine Genehmigung für ungültig erklärt worden ist."

"Das ist einfach in keiner Weise zu verteidigen"

Die staatliche israelische Wassergesellschaft habe Leitungen gelegt – für die jüdischen Siedlungen in unmittelbarer Umgebung. Kopfschütteln. Ratlosigkeit.

"Die bauen sich ihre Wasserleitungen und lassen die nicht ran, das ist einfach in keiner Weise zu verteidigen. Durch nichts. Nicht durch Sicherheitsfragen, es ist eine traurige Geschichte. Das ist eine Geschichte, die einfach nur zeigt, wie alles immer härter wird."

Larmoyant dürfe ihr Text nicht werden, sagt Menasse. Das sitze ihr schon im Nacken. Manchmal beim Einschlafen mache sie sich richtig Sorgen, dass sie darüber noch schreiben muss. Vielleicht wird es ein Kaleidoskop, eine Sammlung für Episoden. Am Ende werde sie die Notizen und die Fotos sichten, zur Seite legen und schreiben.

 

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