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Lesart | Beitrag vom 29.12.2016

Essay: "Wer wir waren: Zukunftsrede"Roger Willemsens Vermächtnis

Von Svenja Flaßpöhler

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Roger Willemsen, aufgenommen am 13. Juli 2015 während der Aufzeichnung der RBB-Talksendung "Thadeusz" in Berlin (picture alliance / ZB)
Roger Willemsen - das Foto entstand im Juli 2015. (picture alliance / ZB)

Im Februar starb der Publizist Roger Willemsen. Nun ist posthum sein Essay "Wer wir waren" erschienen - ein Versuch, die Gegenwart und unser "Zeitalter der Zerstreuung" von der Zukunft aus zu betrachten: tief melancholisch, hoffnungs-, sogar gnadenlos.

"Wer wir waren" ist Roger Willemsens Vermächtnis. Das schmale Buch beruht auf einer Rede, die der Autor im Sommer 2015 gehalten hatte und eigentlich der Grundstock für ein neues großes Werk werden sollte. Doch nur wenige Wochen nach seinem Auftritt erfuhr Willemsen von seiner schweren Krankheit. Er zog sich zurück und verstarb am 7. Februar dieses Jahres.

Ein Blick in die Zukunft

"Wer wir waren" ist der Versuch, die Gegenwart von der Zukunft her zu betrachten: eine Art umgekehrte Prophetie. Mit Willemsen schauen wir zurück aus einer noch kommenden Zeit, um durch die zeitliche Distanz das Hier und Jetzt erkennen zu können. Wer also werden wir gewesen sein? So fragt der Autor, gleichsam allwissend, aus der Perspektive des Futur II.

"Ich sehe uns in dieser Zeit stehen, wie die Leute auf Fotos, die vor zehn Jahren in den Zeitschriften erschienen, als die Abgebildeten noch nicht wussten, dass sie ihr Haus verlieren, von der Dürre vertrieben, vom Krieg versehrt, in die Nervenklinik eingewiesen, auf Entzug gesetzt, von der Insolvenz ereilt werden würden. So stehen wir da, resistent gegen das Unheil."  

Unüberhörbar apokalyptisch ist der Grundton in Willemsens letztem Buch. Seine Sicht auf unsere Zeit:  tief melancholisch und in gewisser Weise auch gnaden-  ja, hoffnungslos . Wir sehen uns selbst dabei zu, wie wir Tag für Tag Nachrichten über Klimawandel und Artensterben konsumieren und doch an unserem Verhalten nicht das Geringste ändern.

Reales Unrecht übersehen wir

Wie uns die Bilder vom Leiden der anderen noch betreffen, aber schon bald, durch schiere Gewöhnung, immunisieren gegen allzu viel Mitgefühl. Wie wir uns echauffieren über Ungerechtigkeiten in der Sprache, über "Neger" und "Zigeuner" und eine fehlende weibliche Form, aber reales Unrecht vergleichsweise gelassen hinnehmen. Wie das Leben an uns vorbeirauscht, während wir selbst uns in digitale Welten flüchten, teilnahmslos, zeitvergessen.

Im Zeitalter der Zerstreuung sind wir, so Willemsen, nie ganz in der Gegenwart. Auch die Zukunft ist uns abhanden gekommen, ist nur noch rein gegenständlich vorstellbar, wird reduziert auf Technikutopien - "auf Hirnströme reagierende Häuser, Wohnmaschinen, an Lieferservices, die Gedanken lesen können, Drohnen als Dienstleister".

Traurig über das Flüchtige unserer Existenz

Auf diese Weise richten wir uns ein in einer pseudo-perfekten Welt und kommen doch nicht zur Ruhe. "Die Lust an der Beschleunigung treibt uns in die Zukunft", schreibt der Autor an einer Stelle. Fast möchte man an Walter Benjamins "Engel der Geschichte" denken: Jenen Engel, der mit aufgespannten Flügeln und aufgerissenen Augen von einem Sturm namens Fortschritt gen Zukunft getrieben wird.

Roger Willemsens Gesamtwerk ist getragen von einem klaren Bewusstsein unserer Endlichkeit, einer Traurigkeit über das Flüchtige unserer Existenz, die verpassten Möglichkeiten eines Menschenlebens. "Wer wir waren" bildet den Höhepunkt dieses Bewusstseins. Die Stimme, die aus diesem Buch zu uns spricht, ist eine, die aus dem Jenseits kommt.

Roger Willemsen / Insa Wilke (Hg.): Wer wir waren: Zukunftsrede
S. Fischer, 12 Euro

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