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Thema / Archiv | Beitrag vom 28.08.2008

Erstes Islam-Schulbuch als politisches Signal

Mitherausgeberin Lamya Kaddor: "Saphir" erfüllt alle Anforderungen der Lehrpläne

Lamya Kaddor im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Eine Lehrerin für islamischen Religionsunterricht unterrichtet in Stuttgart - gerade ist ein neues Lehrbuch herausgekommen. (AP)
Eine Lehrerin für islamischen Religionsunterricht unterrichtet in Stuttgart - gerade ist ein neues Lehrbuch herausgekommen. (AP)

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor hat die Herausgabe des ersten Schulbuches für islamischen Religionsunterricht als politisches Signal für die Forderung nach einem deutschsprachigen Islam-Unterricht in den Schulen gewertet. Damit zeige sich, dass es möglich sei, in Deutschland ein Schulbuch vorzulegen, das den Ansprüchen islamischer Schüler und Schülerinnen genüge, sagte Kaddor.

Liane von Billerbeck: In Köln bin ich jetzt mit der Islam-Wissenschaftlerin Lamya Kaddor verbunden. Sie gehört zum Herausgeber-Team des ersten deutschen Schulbuches für Islamkunde. Sie forscht am Zentrum für religiöse Studien der Universität Münster, unterrichtet selber und leitet zudem die Lehrerfortbildung für den islamischen Religionsunterricht. Frau Kaddor, ich grüße Sie!

Lamya Kaddor: Guten Morgen!

Von Billerbeck: Welches Signal ist dieses erste Schulbuch für Islamkunde auf Deutsch für Sie?

Kaddor: Ja, es sind zwei Signale hauptsächlich. Zum einen zu sagen, wir sind durchaus in der Lage mittlerweile in Deutschland, ein Schulbuch herzustellen, dass den Ansprüchen muslimischer Schülerinnen und Schüler genügt, sowohl alters-, sach- und fachgerecht ist, aber zum Zweiten auch ein politisches Signal auszusenden, um zu sagen, wir wollen endlich diesen islamischen Religionsunterricht. Das sind zweierlei Dinge.

Von Billerbeck: Nun ist das Buch in vier Ländern zugelassen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen. Wie war denn dieses Prozedere, dass die Kultusministerien der beteiligten Länder da die Zulassung gestattet haben. Gab es da Vorgaben für dieses Schulbuch?

Kaddor: Ja natürlich. Es ist wie bei jedem anderen Schulbuch auch. Sie müssen sich natürlich nach den jeweiligen Lehrplänen richten. Da wir ja nun mal in vier Bundesländern dieses Schulbuch einführen wollten, hatten wir vier Lehrpläne vorliegen. Das heißt, wir haben dann versucht, eine Art Struktur zu schaffen, wo alle Themen einmal abgedeckt werden, innerhalb von 15 Kapiteln dann jeweils in unserem Buch. Und das ist uns gelungen. Das heißt, dieses Buch erfüllt quasi alle Lehrplanthemen aus vier Bundesländern.

Von Billerbeck: Ist das der kleinste gemeinsame Nenner, auf den man sich in diesen vier Bundesländern hat einigen können?

Kaddor: Ja, nicht die vier Bundesländer mussten sich einigen, eigentlich mussten wir ja diesen Spagat hinkriegen zwischen vier Bundesländern. Jedes Bundesland hat seinen eigenen Lehrplan. Und dieses Buch hatte den Anspruch, eben jeweils alles abzudecken auf diese vier Bundesländer, mal mehr oder mal weniger. Aber das ist uns eigentlich relativ gut gelungen. Denn so verschieden sind die Themen ja auch nicht in diesen Punkten.

Von Billerbeck: Nun sagen Sie, das klingt so einfach, Sie sagen, na ja, wie bei jedem Schulbuch. Nun ist aber ein Islamkunde-Lehrbuch, zumal dieses erste Schulbuch ja etwas anderes als, sagen wir, ein Mathematikbuch. Ich kann mir vorstellen, dass es da größere Schwierigkeiten gibt, oder täusche ich mich da?

Kaddor: Sie täuschen sich. Es ist etwas Besonderes, dieses Buch herzustellen, das stimmt, weil es eben das Erste seiner Art ist. Aber es ist rein formal gesehen natürlich genau der gleiche Ablauf wie überall auch. Es wurden uns jetzt nicht Steine in den Weg gelegt. Ganz im Gegenteil. Die Bundesländer, die das jetzt genehmigt haben, waren diesem Projekt gegenüber sehr aufgeschlossen und haben auch mehrfach deutlich gemacht, dass sie das sehr begrüßen, so ein Schulbuch.

Das heißt, wir hatten jetzt wirklich keine Schwierigkeiten, dieses Buch genehmigt zu bekommen, überhaupt nicht. Es ist natürlich wie in jedem anderen Schulbuch auch. Sie müssen sehr viel daran arbeiten, vielleicht auch mehr erstmal als an anderen Schulbüchern, weil Sie keine Vorgaben oder keine Vergleichsobjekte haben. Aber es ging eigentlich sehr gut.

Von Billerbeck: Die drei Millionen deutschen Muslime gehören ja verschiedenen Glaubensrichtungen an. Wie spiegelt sich das in dem Schulbuch wieder?

Kaddor: Nun, das war übrigens die Entscheidung, das Buch "Saphir" zu nennen. Es heißt im Übrigen nicht Botschaft, sondern wir haben es deshalb "Saphir" genannt, weil es wie ein Edelstein mit seinen verschiedenen Facetten auch die Facetten muslimischen Lebens in Deutschland widerspiegeln soll. Das war uns eben schon wichtig.

Wir haben relativ konservative Muslime versucht, in dem Buch zu Wort kommen zu lassen, aber auch sehr liberale Muslime in dem Buch zu Worte kommen lassen in Form von Figuren, Mädchen und Jungen, Eltern usw. Das haben wir wirklich versucht, auch die verschiedenen Glaubensrichtungen, wenn überhaupt möglich, noch mal darzustellen, wobei wir ganz klar gesagt haben, wir wollen hier den Mainstream-Islam darstellen und keine Einzelmeinung.

Von Billerbeck: Es gibt sehr viele Bilder, die die Schüler, so war mein Eindruck beim Durchblättern durch das Buch, an ihr Alltagsleben erinnern. Wir haben Frauen mit und ohne Köpftücher, wir haben Männer mit und ohne Bärte. Es wird ein sehr buntes Bild des Islam gezeichnet. Wir haben denn die islamischen Glaubensgemeinschaften aus so viel pralles Leben in diesem Buch reagiert? Gibt es da schon Reaktionen?

Kaddor: Ich kenne die Reaktionen nicht persönlich. Ich habe sie auch nur aus zweiter Quelle, wie Sie vermutlich auch. Soweit ich weiß, stehen die muslimischen Verbände dem Buch an sich als Produkt sehr aufgeschlossen gegenüber. Einige muslimische Gemeinschaften haben das Buch vorher schon in den Rohfassungen bekommen, bevor es überhaupt veröffentlicht und genehmigt worden ist. Und da gab es keine Widersprüche oder keine Einsprüche. Das heißt, das Buch ist erstmal so durchgegangen.

Von Billerbeck: Haben die darauf bestanden, es vorher zu sehen?

Kaddor: Nein, sie haben nicht darauf bestanden, es vorher zu sehen, wir haben es ihnen gegeben. Wir haben es genau zwei Verbänden gegeben, und die haben sich das angeguckt und haben dem nicht widersprochen, was da drinsteht. Jetzt ist es in den Druck gegangen, und ich glaube, erst jetzt haben die Verbände dieses Buch vorliegen. Ob sie sich das jetzt schon angeschaut haben, weiß ich nicht. Sie werten das allerdings auch als sehr positives Signal, dass es endlich solche Bücher gibt. Allerdings bestärkt sie das natürlich in der Forderung, diesen islamischen Religionsunterricht einführen zu wollen.

Von Billerbeck: Es gibt ja im Islam ein Bilderverbot für Mohammed, die vier Kalifen und andere im Koran erwähnte Personen. Wie gehen Sie damit in dem Buch um?

Kaddor: Nun, sehr vorsichtig, sehr vorsichtig. Es wird kein Prophet irgendwie abgebildet. Wenn, dann nur quasi geschwärzt. Das heißt, Sie finden kein Buch oder Sie finden keinen Prophet, der mit Gesichtszügen gezeigt wird, anders als im Koran für Kinder und Erwachsene, der ja einen völlig anderen Anspruch hatte. In diesem Buch nicht. Es ist ein klassisches Schulbuch. Wir wollen auch bewusst nicht Gefühle von gläubigen Muslimen in diesem Buch verletzen. Denn es ist natürlich eine völlig andere Grundlage, ein Schulbuch zu erarbeiten oder einfach ein Buch, was vielleicht auch in der Schule erarbeitet werden könnte. Das passiert nicht. Solche Abbildungen werden Sie nicht finden.

Von Billerbeck: Trotzdem ist es sehr reich bebildert. Es ist ein sehr buntes, ein sehr pralles Schulbuch. Man kann sich unglaublich viel ansehen dabei. Interessant fand ich auch, und das wissen ja viele, dass die arabische Sprache eine wichtige Rolle für Muslime spielt. Wie viel Arabisch muss man denn können, um durch Ihr Schulbuch zu kommen?

Kaddor: Eigentlich gar nicht so viel Arabisch. Denn alles, was Sie dort in Arabisch finden, wird direkt in Übersetzungen angeboten. Das heißt, Sie müssen eigentlich gar kein Arabisch können. Es wäre schön, wenn Sie Arabisch könnten als Schülerinnen oder als Schüler, denn dann sind Sie in der Lage, vielleicht den einen oder anderen Vers lesen zu können in Arabisch. Das ist sicherlich noch mal ein Erfolgserlebnis, wenn Sie lange Zeit Arabisch gelernt haben in der Moschee und plötzlich in einem Schulbuch auch arabische Verse abgedruckt finden. Das ist ja unser Anspruch gewesen, quasi den Alltag und die Lebenswirklichkeit der Schüler mit islamischen Wissen zu verbinden in diesem Buch. Wenn Sie kein Arabisch können, dann haben Sie die Übersetzungen und sogar eine kindgerechte angeboten bekommen.

Von Billerbeck: Bisher gibt es ja viel zu wenige Lehrer für die muslimischen Schüler. Auf 750.000 Schüler, habe ich gelesen, kommen bundesweit gerade mal 105 Lehrer. Wie lösen Sie das Dilemma?

Kaddor: Nun ja, das Land Nordrhein-Westfalen hat sich ja gut überlegt, quasi ein Zentrum zu schaffen beziehungsweise Lehrerausbildungen einzuführen. Das geschieht in Münster. Im Übrigen, ich muss das korrigieren, ich arbeite gar nicht mehr in Münster und leite auch keine Fortbildungen mehr in Niedersachsen. Aber nichtsdestotrotz, das Land hat sich das ja lange überlegt, dass man eben diese islamische Lehrerausbildung braucht. Es gibt einen Lehrstuhl, der ist im Vergleich, Sie haben ja gerade die Zahlen genannt, eigentlich viel zu wenig. Man bräuchte viel mehr Lehrstühle, um all diesen Zahlen, die man später braucht, all die Lehrerposten, gerecht zu werden.

Ich glaube, das Land Nordrhein-Westfalen hat einmal ausgerechnet, sollte es morgen diesen islamischen Religionsunterricht tatsächlich geben, benötigte man 1250 Lehrer. Wie will man die denn jemals produzieren mit einem Lehrstuhl? Und das sieht in anderen Bundesländern ja fast genauso schlimm oder noch schlimmer aus. Dort gibt es zum Teil gar keine Lehrstühle, in ganz Deutschland gibt es nur drei. Und das ist natürlich viel zu wenig.

Von Billerbeck: Das ist das eine Problem, das andere, größere ist, dass es ja keinen regulären Religionsunterricht in deutscher Sprache gibt an deutschen Schulen. Und wenn wir nach dem Grundgesetz gehen, dann kann es den auch solange nicht geben, wie sich die deutsche Muslime nicht zentral organisieren. Das ist ja nun ein klassisches Dilemma. Wie geht man damit um?

Kaddor: Sehr schwierig. Ich denke, da muss verhandelt werden. Und es muss auch vor allen Dingen ein Kompromiss gefunden werden. Es kann nicht gehen, dass das Land immer wieder darauf beharrt, dass Muslime kirchenähnliche Strukturen schaffen sollen, die so erst mal gar nicht installiert sind innerhalb der Religion des Islam. Es kann aber auch nicht sein, dass die Verbände oder die vier existierenden Verbände vielleicht für sich das alleinige Anspruchsrecht für sich halten wollen, nämlich die Muslime alle zu repräsentieren.

Da muss es Möglichkeiten geben, aufeinander zuzugehen. Und diese sehe ich momentan, muss ich ganz ehrlich sagen, zu wenig, vor allen Dingen momentan jedenfalls zu wenig seitens des Landes. Da würde ich mir wünschen, einfach nur, wenn man sich der Situation dieser Schüler vergegenwärtigt, etwas mehr vielleicht auch auf die Verbände zuzugehen und dort Strukturen zu schaffen, die für beide Seiten logischerweise in Ordnung sind.

Von Billerbeck: Lamya Kaddor war das, eine von drei Herausgeberinnen des ersten Schulbuches für Islamkunde, das gerade im Kösel-Verlag erschienen ist. Ich danken Ihnen!

Kaddor: Sehr gerne.

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