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Religionen / Archiv | Beitrag vom 25.01.2015

Erster Lehrstuhl für MedienethikAuf der Suche nach den Schamgrenzen

Von Eva Wolk

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Der Moderator Oliver Pocher während der Sat.1-Show "Promi Big Brother" mit seiner Comey-Kollegin Cindy aus Marzahn (picture alliance / dpa)
Lustig oder unmoralisch? Oliver Pocher und Cindy aus Marzahn in der Sat.1-Show "Promi Big Brother" (picture alliance / dpa)

Wie halten es die Medien mit der Ethik? An der Hochschule für Philosophie in München widmet sich erstmals ein eigener Lehrstuhl dieser Frage. Ein Besuch des Seminars "Ethik in der Fernsehunterhaltung".

Hochschule für Philosophie in München, Seminarraum 5. Etwa fünfzehn Studierende interessieren sich für "Ethik in der Fernsehunterhaltung". Nicht wenige von ihnen kommen aus der Praxis und wollen konkreten Nutzen aus dem Studium der Medienethik ziehen.

"Ja, ich bin Sozialarbeiter und mach´ das Zusatzstudium Erwachsenenpädagogik und finde es für mich einfach sehr interessant, weil ich es in meiner Arbeit auch tatsächlich gut gebrauchen kann, weil die ganzen Jugendlichen heutzutage sehr stark mit Medien konfrontiert sind. Unmittelbare Anwendung, denk´ ich."

"Ich möchte gerne eine Konferenz veranstalten mit vielen Medienschaffenden, um die Frage zu stellen nach der gesellschaftlichen Verantwortung der Medienmacher, aber auch der werbungtreibenden Unternehmen. Ich bin sicher nicht die Erste, die sich die Frage stellt, was haben Medien für ne Aufgabe, warum gibt es nicht mehr positive Nachrichten, warum wird immer so viel Angst verbreitet?"

Drei der Studenten haben Einstiegsreferate vorbereitet und sich als Beispiel für Fernsehunterhaltung das Thema "politische Talkshow" ausgesucht. Über den Beamer laufen Youtube-Videos von Werner Höfers Internationalem Frühschoppen vor 50 Jahren – Vorläufer des heutigen Presseclubs – und aktuelle Ausschnitte der Talkshow "Anne Will". Die Studierenden diskutieren die evidenten Unterschiede und ziehen Schlüsse über die Veränderung der Formate aus ethischer Sicht.

"Wir sind sehr kommerziell geworden, sehr auf Zuschauer, Zuhörer aus, Quoten beim Fernsehen. Und das schiebt die Schamgrenze nach unten. Wenn sie vielleicht wieder ein kleines bisschen nach oben geschoben würde – wär´ vielleicht nicht schlecht. Also ich hätte gern jemanden gehabt, der ein bisschen Philosophie studiert hätte."

Kein Dozieren, sondern gemeinsames Diskutieren

Hans Oechsner ist ein alter Medien-Hase – 35 Jahre war er beim Bayerischen Fernsehen. Er hat sein Berufsleben hinter sich, aber die Fragen zur Ethik in der Medienarbeit sind geblieben – und es sind dieselben, auf die sich auch seine jüngeren Kommilitonen Antworten erhoffen – wie die Studentin Hanna, die im vierten Bachelor-Semester Philosophie studiert und auch schon beim Fernsehen arbeitet.

"Es wäre natürlich interessant, vor allem in der Produktion von Fernseh-Inhalten letzten Endes medienethische Aspekte mit reinbringen zu können, also bei der Produktion zu fragen: Können wir das zeigen, weil es ethische Kriterien erfüllt, oder nicht?"

Offenbar gibt es bei so manchen künftigen Medienschaffenden ein Bedürfnis, in einer knallharten Branche ethischen Kriterien mehr Raum zu geben. Alexander Filipović, Inhaber des ersten Lehrstuhls für Medienethik in Deutschland, will solche Kriterien nicht dozieren, sondern sie zusammen mit seinen Studenten erarbeiten in einer Mischung aus praktischer Analyse des Medienalltags und philosophischer Diskussion darüber, wie eine moderne Medienethik aussehen könnte und sollte. Dieses Philosophieren soll sich aber nicht im Abstrakten verlieren.

"Die Problematik, die man hat als Wissenschaftler und auch als Philosoph, ist, dass man sich so weit von konkreten Problemen entfernt, dass sie nichts mehr mit der Praxis zu tun haben. Und Ethik kann sich das nicht leisten. Ethik möchte etwas verändern, sonst ist sie, glaub´ ich, sinnlos. Und deswegen, wenn wir über Fernsehunterhaltung ein Seminar machen, gucke ich mit den Studierenden auch fern, und wenn ich über Journalismus rede, dann nehmen wir uns journalistische Produkte vor, und wenn ich über Internet-Ethik rede, dann analysieren wir Facebook... Also das Bemühen, tatsächlich an Praxisfragen zu arbeiten."

"Was ich sehr interessant fand: Ich hatte letztens einen Beitrag zu einem großen Turnier in Nordrhein-Westfalen. Und letzten Endes war beim Vielseitigkeits-Turnier, Springen oder wie man´s nennt, ein Reiter umgekommen. Und was ich sehr lobenswert fand: Dass NICHT passiert ist, dass ständig Leute interviewt wurden, wie schrecklich sie´s fanden, letzten Endes einfach, um den Entertainment-Faktor zu erhöhen, sondern dass wirklich konkret gesagt wurde, wir erlauben es uns nicht, darüber jetzt etwas zu berichten."

Ein Beispiel, das die Studentin Hanna beeindruckt hat, weil die Verantwortlichen ohne Rücksicht auf die Quote eine ethisch begründete Entscheidung getroffen haben. Neu erfinden müsse man die moralischen Kriterien einer modernen Medienethik also nicht, sagt Alexander Filipović, die gebe es ja.

"Das Bemühen, das ich mir auf die Fahnen geschrieben habe, geht in die Richtung, dass man ganz nah an den Problemen selber versucht, zu aktualisieren, was zum Beispiel Authentizität heute noch heißen kann."

Kirche als Fremdkörper in der Mediengesellschaft

Weil sich die gesellschaftlichen Werte und Ansichten ändern, ändert sich auch die Praxis. Beispielsweise wären Medienangebote wie das "Dschungelcamp" früher undenkbar gewesen. Der Medienethiker Filipović beschäftigt sich in seinen Seminaren nicht nur mit dem Journalismus, sondern auch mit solchen Unterhaltungsformaten, an denen sich gut beobachten lässt, wie sich der Authentizitätsbegriff verändert hat.

"Und da gucken wir also auch ganz normal 'Berlin – Tag und Nacht', und versuchen eben nicht, das zu verurteilen in Bausch und Bogen, sondern bemühen uns zu verstehen, was die Faszination ausmacht an diesen Dingen. Also nicht einfach sagen, das ist Blödsinn – so kommt es einem ja vor, wenn man das das erste Mal schaut – sondern, ja, diese Authentizität, die da versucht wird zu generieren, die übt einen Reiz aus, und deswegen gucken das die Leute gerne, und die Geschichten sind eigentlich die Geschichten, die Menschen sich seit Jahrhunderten erzählen."

Der erste Lehrstuhl für Medienethik ist angesiedelt an der Hochschule für Philosophie, deren Träger der Jesuitenorden ist. Zu den Stiftern zählen auch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und die Deutsche Bischofskonferenz. Der Theologe Alexander Filipović steht der Kirche nah, wie er selbst sagt. Theologie und Medienethik – wie verhält sich eins zum Anderen?

"Also das, was Theologie positiv mitbringen kann für 'ne Ethik, liegt nicht darin, dass es dann besondere Normen sind, die eingebracht werden – also besondere Werte oder eine besondere Moral –, sondern dass Glaube und Religion vor allen Dingen dann eine Funktion haben für Moral, wenn es darum geht, auch eine moralische Einstellung tatsächlich durchzuhalten und zu leben, also eher in der Motivation. Also der Glaube, der unterstützt meine Wertüberzeugung in praktischer Weise, also dass ich tatsächlich dann auch so handeln kann. Und dass ist 'ne ganz wichtige Funktion von Religion."

Theologie und Medienethik ist das eine, Kirche und Medien etwas ganz Anderes. Das betont Filipović in seiner Eigenschaft als Berater der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, in der er die Selbstdarstellung der Kirche in den Medien beurteilt.

"Da prallen natürlich zwei Traditionen aufeinander: Die ja sehr stark hierarchisch organisierte Institution Kirche prallt halt auf eine sehr, sehr horizontal angelegte, egalitäre und plurale Mediengesellschaft. Dass es da zu Konflikten kommt, ist ganz klar: Tebartz-van Elst und 'Deutschland sucht den ärmsten Bischof" – solche Sachen passieren dann. Und dann gibt es noch die Problematik, dass es viele Bistümer in Deutschland gibt und nicht eine Katholische Kirche, die in sich homogen ist. Kirche hat selber 'ne plurale Gestalt, und das verstehen dann Journalisten wieder nicht.

Also das heißt, glaub' ich, die Kirche ist so ein Fremdkörper in der Mediengesellschaft. Mit guten Gründen soll sie das in bestimmten Bereichen auch bleiben, aber mit guten Gründen, glaub' ich, muss sie auch ihre eigene Kommunikationsweise selber versuchen, eher horizontal anzulegen als vertikal."

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