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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.03.2010

Erst Einbruch, dann Ehebruch

Arno Geiger: "Alles über Sally", Hanser Verlag, München 2010, 364 Seiten

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Durch den Einbruch kommt im Leben des  Paares einiges durcheinander. (Stock.XCHNG / Dora Pete)
Durch den Einbruch kommt im Leben des Paares einiges durcheinander. (Stock.XCHNG / Dora Pete)

Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger erzählt seine Ehebruchsgeschichte aus der Perspektive einer Frau jenseits der Fünfzig. Die lässige Hedonistin Sally gönnt sich gern mal einen Seitensprung. Als sie den besten Freund ihres Mannes wählt, wird es für alle Beteiligten brenzlig.

Zu Beginn des Romans "Alles über Sally" werden die Eheleute Fink – der Museumskurator Alfred, 57, und seine Frau Sally, 52, Gymnasiallehrerin für Englisch – abrupt aus dem Urlaub zurückgerufen, weil in ihrem Einfamilienhaus in Wien-Hernals eingebrochen wurde. Der Einbruch hat dramaturgische Funktion. Durch ihn wird eine Bresche in das wohlgeordnete Partner-Arrangement der Finks geschlagen. Die Unordnung kann eindringen, die Handlung kommt in Gang.

Für Alfred ist der Einbruch ein verstörender Übergriff auf die Intimsphäre. Die gefühlsrobustere Sally macht sich ans Aufräumen, äußerlich. Innerlich lässt sie sich vom Einbruch zum Ehebruch animieren – mit Erik, dem besten Freund ihres Mannes.

Das Thema des Romans wurde bereits in den ersten Sätzen angeschlagen. Geiger eröffnet mit einer aktuellen, grausamen TV-Nachrichtenszene: Eine Frau wird in Afghanistan wegen Ehebruchs gesteinigt. Nachsatz des Autors als Überleitung zum Thema seines Buches: Ehebruch wäre heute «an den meisten Orten der Welt kein Vergehen». Wirklich nicht?

Geiger erzählt seine Ehebruchsgeschichte aus der Perspektive der Frau. Darauf, dass er seiner Sally als Frau jenseits der fünfzig noch erotische Attraktivität und Aktivität zubilligt, hält er sich selbst einiges zugute. Er macht seine ehebrechende Heldin überdies zur Herrin des Verfahrens. Die sexuellen Mores sind lässig, eheliche Untreue ist keine Tragödie und jedenfalls kein Anlass für Verratspathos und Eifersuchtsdramen.

Sally ist eine selbstbewusste, lebenshungrige Frau, die erotische Beute macht, wie es ihr gefällt, ohne allzu viele Skrupel. Mit Schuldgefühlen hält sie sich nicht weiter auf. Eine Affäre zu haben, ist für sie eine Art Wellness-Programm, das eine seit 30 Jahren immer wieder geflickte Ehe aushalten muss. Was kann schon passieren? Höchstens «ein bisschen Ärger und saure Gesichter».

Der Leser ahnt, dass es bei so viel Ungerührtheit nicht bleiben wird. Das psycho-soziale Aggregat wird sich durch den Betrug wohl verändern, die Binnen-Spannungen zwischen allen Beteiligten werden sich aufladen, vor allem bei den Betrogenen und Brüskierten, aber auch bei der toughen Ehebrecherin. Und genau so kommt es: Sallys Liebhaber erweist sich als Lump, der seine Ehefrau wie auch seine Geliebte mit einer jüngeren Dritten betrügt, was dann doch zu bitterem Gefühlsgebrodel und schroffen Brüchen führt. Der freibeuterische Lebensstil einer lässigen Hedonistin schützt nicht vor häuslichen Krisen.

Sally kann von Glück reden, dass sie in ihrem Alfred mit seinem Stützstrumpf einen so sanftmütigen Gefährten hat, der seiner untreuen Frau seit jeher alle Seitensprünge verzeiht und ihr unerschütterlich seine Liebe nachträgt. Geiger gibt, mit einer Verbeugung vor James Joyce und Molly Bloom, dem stillen Beobachter Alfred das Schlusswort, einen punkt- und absatzlosen inneren Monolog der Anhänglichkeit und Bereitschaft zum Verzeihen und Weiterwursteln, der hinausläuft auf ein Plädoyer für die unvollkommene und schäbige, aber traute alte Ehe. Alfred singt das Hohelied von "zwei Dutzendherzen in einem kleinen überladenen Haus".


Besprochen von Sigrid Löffler

Arno Geiger: Alles über Sally, Roman
Hanser Verlag, München 2010. 364 S., 21,50 Euro

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