Seit 13:05 Uhr Länderreport

Donnerstag, 24.05.2018
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Fazit | Beitrag vom 09.02.2018

Ersan Mondtags "Internat" am Schauspiel DortmundEndloser Kreislauf aus Gewalt und Manipulation

Von Dorothea Marcus

Beitrag hören Podcast abonnieren
Eine Szene aus Ersan Mondtags "Internat" am Schauspiel Dortmund (Birgit Hupfeld / Schauspiel Dortmund)
Eine Szene aus Ersan Mondtags "Internat" am Schauspiel Dortmund (Birgit Hupfeld / Schauspiel Dortmund)

Ersan Mondtags bildersattes "Internat" wirkt fast schon wie eine Geisterbahn aus Pappmaché. Doch wohliges Gruseln ist Mondtags Sache nicht: Es geht ihm um drängende Fragen zur Gegenwart. Trotz Effektkalkül: Ein starker Abend.

Ersan Mondtag macht aus dem "Internat" mit fast schon kindlichen Geisterbahn-Pappmaché-Mitteln eine Art alptraumartige Weltmetapher. Mit großer Liebe zum Detail hat er ein archaisches Gruselsetting aufgebaut: Schwarze Burgzinnen ragen, aus einem dunklen Wald glühen rote Augen, eine Drehbühne öffnet immer neue düstere Kammern. Hindurch wandern dressierte Zöglinge, meist im Rückwärtsschritt. Sie tragen Uniform mit roten Aufschlägen, die an Kaiserreich und NS-Regime erinnern. Mechanisch-rhythmisch vollziehen sie ihre Alltagsroutinen: schlafen, Frühsport, essen, chorisch den Lernstoff aufsagen – und den Außenseiter quälen.

Szene aus Ersan Mondtags "Internat" am Schauspiel Dortmund (Birgit Hupfeld/Schauspiel Dortmund)Szene aus Ersan Mondtags "Internat" am Schauspiel Dortmund (Birgit Hupfeld/Schauspiel Dortmund)

Das "Kind im Schnee" ist mit dem Ersan Mondtag-typischen, expressionistisch bemalten Bodysuits bekleidet. Es beugt sich den aufpeitschende Einflüsterungen, die ihm zum Massaker raten. Schließlich versammelt es eine Geheimgruppe um sich und rächt sich blutig. Oder ist das nur ein Alptraum?

Geschichte einer Gehirnwäsche

"Das Internat" ist die mehrdeutige Geschichte einer Gehirnwäsche. Immer wieder werden neue Handlungsfährten gelegt: Kommt es im Internat zu einer gerechten Revolution gegen die uniformierte faschistische Masse? Oder bereitet da ein psychisch Kranker einen Amoklauf vor? Ist es eine Erzählung über den dekadenten, auf Konsum gedrillten Mitteleuropäer und die Weltbedrohung, die er konsequent ignoriert?

Unerbittlich dreht sich die Drehbühne im zeitlichen Dauerloop, bis Ursache und Wirkung, Opfer und Täter austauschbar werden: Ob das gequälte Kind auf Rache sinnt – oder ob das Kind gequält wird, weil es ein Massaker plante, wird ununterscheidbar.

Starker Abend mit Grusel-Effekten

Das Stück besteht nur aus zwölf Seiten. Es ist mehr Gedicht als Prosa. Seine lyrische Sprache öffnet große Fragen und Assoziationsräume: Welcher Widerstand ist gerecht? Ab wann ist Gewalt erlaubt? Welchem Drill, welcher Propaganda ist man selbst unbewusst ausgeliefert? Erneut hat Ersan Mondtag die Schauspieler eher als Körpermaterial benutzt: Meist wird chorisch gesprochen.

Und auch wenn die Grusel-Effekte auch an diesem Abend äußerst kalkuliert wirken, ist Ersan Mondtag ein starker Abend gelungen – eindrücklich zeigt er die Welt als endlosen Kreislauf aus Gewalt und Manipulation.

"Das Internat"
von Ersan Mondtag
mit Texten von Alexander Kerlin und Matthias Seier
mit u.a. Christian Freund, Frank Genser, Bettina Lieder, Philipp Joy Reinhardt, Uwe Rohbeck, Uwe Schmieder, Merle Wasmuth
weitere Informationen online

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsAlle Welt würdigt Philip Roth
Der US-Schriftsteller Philip Roth auf einem Foto aus dem Jahr 2011. (AFP / JIM WATSON)

Der Tod des US-Autors Philip Roth beschäftigt die Zeitungen. Dass der Literaturnobelpreis in Roths Todesjahr nicht vergeben wird, findet die "SZ" angemessen. Die "Welt" stellt ihn auf eine Stufe mit griechischen antiken Autoren. Mehr

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur