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Kalenderblatt | Beitrag vom 04.05.2018

Ernest HemingwayEin Mann, ein Fisch, ein Kampf bis aufs Blut

Von Almut Finck

Der US-amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway auf einem Fischzug in der Karibischen See in der Nähe seines ständigen Wohnsitzes Fincavigia bei Havanna. (dpa / picture alliance / Ulrich Mohr)
Der US-amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway auf einem Fischzug in der Karibischen See in der Nähe seines ständigen Wohnsitzes Fincavigia bei Havanna. (dpa / picture alliance / Ulrich Mohr)

Ernest Hemingways Novelle "Der alte Mann und das Meer" wurde ein Welterfolg. Die einfache, aber dramatische Geschichte handelt davon zu kämpfen, am Ende zu scheitern und doch ein Sieger zu sein. Vor 65 Jahren erhielt Hemingway dafür den Pulitzer-Preis.

"This is Ernest Hemingway."

Hochseeangler und Tiefseefischer, Großwildjäger in Afrika. Kriegsreporter, Boxchampion, Stierkämpfer und Frauenheld – schon zu seinen Lebzeiten hat der Mythos den Schriftsteller überlagert. Doch Anfang der 1950er Jahre steckt Hemingway in einer schweren Schaffenskrise.

"Sein letztes Buch, der Weltkriegsroman 'Über den Fluss und in die Wälder', hatten die Kritiker verrissen", sagt Hemingway-Biograf Jeffrey Meyers. "Er lebte damals auf Kuba, besaß dort ein Haus, war mit seiner vierten Frau Mary verheiratet, es gab Eheprobleme, sein Trinken, sie kam damit nicht klar, jedenfalls versuchte Hemingway ein Comeback mit 'Der alte Mann und das Meer'."

Kampf auf Leben und Tod

Tatsächlich gelingt Hemingway eine Novelle, die an Schlichtheit und gleichzeitig dramatischer Wucht kaum zu überbieten ist. Ein Mann, ein Fisch, das Meer. Ein Kampf bis aufs Blut. Und die existenzielle Frage: Was zählt im Leben?

"Er war ein alter Mann und fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit vierundachtzig Tagen hatte er keinen Fisch gefangen." 

So beginnt die Geschichte.

Als am 85. Tag endlich ein Fisch anbeißt, ist der so groß und kräftig, dass Santiago, der alte Mann, ihn nicht in sein Boot hieven kann. Stattdessen zieht der Marlin ihn hinaus auf die hohe See. Beide kämpfen um ihr Leben, keiner gibt auf. Nicht der Fisch am Haken, nicht Santiago, die zum Zerreißen gespannte Schnur um Schultern und die blutige, krampfende Hand gewickelt. Drei Tage und drei Nächte dauert das Kräftemessen. Mein Bruder, nennt Santiago fast zärtlich irgendwann seinen Gegner.

"‘Ich werde ihn trotzdem töten,‘ sagte er. 'In all seiner Größe und Herrlichkeit.' Obwohl es ungerecht ist, dachte er. Aber ich werde ihm zeigen, wozu ein Mann imstande ist und was ein Mann aushalten kann."

Plakativ und ein Welterfolg

Hemingways "Der alte Mann und das Meer" ist eine Parabel über Sieg und Niederlage: "Man kann einen Mann vernichten, aber nicht besiegen." Santiagos Schicksal ist Zeugnis dessen, was ein Mensch durchzustehen vermag, allen Widrigkeiten zum Trotz. Hemingway-Biograf Jeffrey Meyers allerdings findet das Buch zu plakativ:

"Das ist mir alles zu offensichtlich, zu eindimensional, zu rührselig, und diese ganze christliche Symbolik zu plump. Vielleicht ist es ja auch als Parodie gedacht, für die Professoren, die immer nach Symbolen suchen."

Leser und Kritiker waren anderer Meinung. Der alte Mann und das Meer erscheint 1952 in einer einzigen Ausgabe der Zeitschrift "Life". Innerhalb von zwei Tagen werden sagenhafte 5.300.000 Exemplare verkauft. Am 4. Mai 1953 erhält Ernest Hemingway den Pulitzerpreis für das Buch. Ein Jahr später wird ihm der Nobelpreis verliehen. Schreiben, sagt er in seiner Dankesrede, sei mit einem sehr einsamen Leben verbunden.

Vom Fisch bleibt nur ein Gerippe

Und: Jedes Buch sollte ein Neuanfang sein. Oder der Versuch, etwas zu erreichen, was eigentlich unerreichbar ist.

Ernest Hemingways "Der alte Mann und das Meer" wurde ein Welterfolg. Dem Autor in seiner Einsamkeit half das nicht. Schwerkrank, alkoholsüchtig und depressiv nahm er sich 1961 das Leben.

Der alte Mann kehrt am Ende in seinen Heimathafen zurück. Der Marlin hängt noch am Boot, als Gerippe. Ein Schwarm von Haien hat ihn bis auf die Knochen abgenagt, nachdem es Santiago gelungen war, ihn endlich zu harpunieren.

"Es macht nichts, wenn man besiegt ist, dachte er. Ich habe nie gewusst, wie wenig das macht. Und was hat dich besiegt? 'Nichts', sagte er laut. 'Ich bin zu weit hinausgefahren.'"

Ernest Hemingway lesend am 6. Februar 1956 in La Havana, Cuba (imago / Zuma / Keystone)Ernest Hemingway (imago / Zuma / Keystone)

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