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Mahlzeit | Beitrag vom 07.07.2017

ErnährungsethikPlazenta - zu schade für den Müll?

Von Udo Pollmer

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Piktogramm einer Köchin (imago / Ikon Images)
Die kulinarischen Plazenta-Bekenntnisse der Prominenz fanden viele Nachahmer, so Udo Pollmer. (imago / Ikon Images)

Vor Jahren bekannten Stars öffentlich, sie würden nach der Geburt ihrer Kinder den Mutterkuchen essen. Das Thema Plazenta-Verzehr schwelt seitdem immer weiter. Ein gesundheitlicher Wert dieser Praxis lasse sich allerdings nicht belegen, meint unser Ernährungsexperte Udo Pollmer.

Es gibt Themen, über die sollte man lieber nicht reden – damit niemand auf dumme Gedanken kommt. Doch in Zeiten des Internets bleibt dies ein frommer Wunsch. Manche Trends breiten sich nur langsam, dafür aber unaufhaltsam aus, gerade so wie ein Schwelbrand.

Vor Jahren haben einige Celebrities, wie Kim Kardashian oder Tom Cruise, ein Feuerchen gelegt, als sie verkündeten, sie würden nach der Geburt ihrer Kinder den Mutterkuchen verzehren.

Die kulinarischen Lippenbekenntnisse der Prominenz fanden viele Nachahmer: Allerorten – egal ob bei Klatsch oder Kochrezepten – raten Experten, die Plazenta nicht einfach wegzuwerfen wie Gammelobst, sondern schmackhaft zuzubereiten. Die "Ärztezeitung" spekuliert über den gesundheitlichen Wert: Damit ließen sich womöglich niedrige Eisenspeicher nach einer Geburt nachbessern.

Rinder-Plazenta in Kapselform ohne Effekt

Warum teure Steaks kaufen oder regelmäßig Salami aufs Brot? Mediziner verfütterten probehalber Frauen nach der Entbindung 20 Tage lang die Nachgeburt von Biorindern in Kapselform. Doch ohne Effekt. Das Placebo war so wirkungslos wie der Bio-Mutterkuchen.

Wir brauchen uns bei diesem Thema nicht zu zieren, bereits 1988 hat eine bekannte Moderatorin des WDR, Carmen Thomas, das Trinken von Urin popularisiert. Zahlreiche Me-too-Autoren, oder besser Pee-too-Journalisten haben das Thema bis zur Neige ausgekostet. Naturheilmediziner wie Heilpraktiker empfahlen Pipi strullfrisch oder gereift als Elixier des ewigen Lebens.

Dieser kulinarische Trend, der in den alten Bundesländern die Kühlschränke gefüllt und den gesunden Menschenverstand unterspült hatte, wurde dann von probiotischen Joghurts abgelöst, deren edle Keime aus menschlichen Fäkalien gezüchtet worden waren. Da liegt der Mutterkuchen auf halben Weg.

Hebammen als Fürsprecherinnen der Praxis

Fürsprecher der Praxis sind beispielsweise Hebammen – ihre berufliche Tätigkeit bekommt dadurch ein Alleinstellungsmerkmal. Unter der Rubrik Hebammenwissen schlägt eine Schlagzeile direkt auf den Magen: "Plazenta – zu schade für den Müll? Heilmittel aus Plazenta". Ja sie soll sogar Kinder vor Kinderkrankheiten schützen. Auf Plazenta-Partys wird das Objekt der Begierde als Tatar an gedünstetem Brokkoli, als Pizzabelag oder roh in Form eines sämigen Smoothies serviert.

Es ist müßig, über den Wert derartiger Gerichte zu spekulieren. Es stimmt, der Mutterkuchen enthält allerlei Hormone, die bei einer Geburt erforderlich sind – doch glücklicherweise sind sie bei Verzehr für gewöhnlich unwirksam, weil die Verdauungssäfte tierische Hormone schnell zerlegen.

Es ist belanglos, wenn Interessierte behaupteten, sie fühlten sich nach einem Plazenta-Snack energiegeladen – das beteuern auch Personen, die für teures Geld sinnlose Nahrungsergänzungen erworben haben.

Weil die Geburt von zentraler Bedeutung für den Bestand jeder Gesellschaft ist, ranken sich darum viele Traditionen. Forschungsreisende berichten über die Jakuten in Sibirien:

"Die Nachgeburt aber, besonders den Mutterkuchen, eignet sich der Vater des Kindes als einen Leckerbissen an. Er kocht denselben, ladet seine allerbesten Freunde darauf zu Gaste und lebt bei diesem Gerichte herrlich und in Freuden."

Dieser Brauch ist längst verschwunden, so wie auch bei anderen Naturvölkern.

Plazenta-Kosmetik gegen Falten

Die westliche Zivilisation erschloss die organischen Reste für ihre Konsumwelt erst später – in den 80er-Jahren kamen Feuchtigkeitscremes mit Plazenta auf. Bis heute gibt es angeblich faltenglättende Gesichtsmasken für die in die Jahre gekommene Kundschaft.

Wo Nonsens Kohle bringt, wollen Philosophen und Prediger nicht im Abseits stehen. Ernährungsethiker und buddhistische Gurus erklären, warum die Nachgeburt sogar von überzeugten Veganern gegessen werden darf: Sie sei nicht durch Schlachtung gewonnen. Die Geburt eines Kindes sei frei von Tierleid.

Wer bei dieser Hardcore-Ethik Widerwillen empfindet, sollte sich ein wenig appetitliche Kühlung verschaffen: Wie wär's mit einem leckeren Eiskaffee? Mahlzeit!

Quellen:
Arte TV: 5 Gründe, warum Sie Ihre Plazenta nicht einfach wegwerfen sollten. Futuremag vom 18. Juni 2016
Blaß S: Mutterkuchen: Mythen und Fakten rund um die Plazenta. T-Online Nachrichten vom 29. Mai 2017
Gukel-Felix G: Plazentra essen: Eklig oder gar gesund? Baby und Familie vom 15. Jan. 2016
Gmelin IG: Reise durch Sibirien in den Jahren 1733-1743. Vandenhoeck, Göttingen 1752
Anon: Plazentophagie: Mode ohne belegte Wirkung Aerzteblatt.de, 8. Juni 2015
Coyle CW et al. Placentophagy: therapeutic miracle or myth? Archives of Women's Mental Health 2015; 18: 673–680
Mayer A: Biologie der Placenta. I. Physiologischer Teil. Archiv für Gynäkologie 1929; 137: 1–321
Schreier D: Der neue Trend – Pillen und Creme aus Plazenta – sogar Plazenta-belegte Pizza! Netzfrauen vom 15. Mai 2017
Kraus D: Hilft Plazenta essen der Gesundheit? Ärzte Zeitung-Online vom 21.12.2016
Cabral J: This documentarian wants us to all eat human placenta. munchies.vice.com vom 11. Nov. 2016
Pollmer U et al: Pillen, Pulver, Powerstoffe. Piper, München 2010
Gryder LK et al: Effects of human maternal placentophagy on maternal postpartum iron status: a randomized, double-blind, placebo-controlled pilot study. Journal of Midwifery & Women's Health 2017; 62: 68–79

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