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Buchkritik | Beitrag vom 31.03.2018

Eric Vuillard: "Die Tagesordnung"Ein kurze Geschichte der Nazi-Diktatur

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Cover von "Die Tagesordnung" von Eric Vuillard, im Hintergrund Reichskanzler Adolf Hitler mit Propagandaminister Joseph Goebbels. (Cover: Verlag Matthes & Seitz, Foto: picture alliance / dpa / apa Brandstätter-Verlag)
Cover von "Die Tagesordnung" von Eric Vuillard, im Hintergrund Reichskanzler Adolf Hitler mit Propagandaminister Joseph Goebbels. (Cover: Verlag Matthes & Seitz, Foto: picture alliance / dpa / apa Brandstätter-Verlag)

Historische Ereignisse zugespitzt und auf ganz neue Weise zu erzählen - dafür ist Éric Vuillard bekannt. In "Tagesordnung" gelingt es ihm, mit wenigen Strichen ein plastisches Bild der ersten Jahre der Nazi-Diktatur und ihres "großen Bluffs" zu entwerfen. Unkonventionell, aber brillant.

Der Nationalsozialismus in Kurzversion: Auf 128 Seiten schildert Éric Vuillard entscheidende Momente der Herrschaft Hitlers. Für diesen nur vom Umfang kleinen Roman hat der französische Schriftsteller im Herbst den Prix Goncourt bekommen, Frankreichs wichtigsten und meistbeachteten Literaturpreis. Es ist sein neuntes Buch, auf Deutsch liegen "Die Ballade vom Abendland", "Kongo" und "Traurigkeit der Erde" vor.

Bereitwillige Unterwerfung der deutschen Industrie

Vuillard ist dafür bekannt, historische Ereignisse auf ganz neue Weise und vor allem sehr zugespitzt zu erzählen. So auch hier. Die Handlung von "Tagesordnung" konzentriert sich auf wenige Tage. Zunächst wird das berühmte Geheimtreffen der deutschen Industriekapitäne mit Adolf Hitler am 20. Februar 1933, also unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, geschildert. Unter den Anwesenden: Wilhelm von Opel und Gustav Krupp sowie zwei Dutzend weitere Vertreter der Wirtschaftselite, die an diesem Wintertag im Palais des Reichstagspräsidenten am Berliner Spreeufer die Weichen für die bereitwillige Unterwerfung der deutschen Industrie unter die Ideologie der Nationalsozialisten stellen.

Éric Vuillard gelingt es in wenigen Sätzen, seine Figuren plastisch zu modellieren. Sie als Repräsentanten eines industriellen Komplexes zu charakterisieren, der sich über den Zweiten Weltkrieg hinweg fast durchgängig bis in die Gegenwart erhalten hat: "Sie heißen BASF, Bayer, Opel. I.G. Farben, Siemens, Allianz … Sie sind unsere Autos, unsere Waschmaschinen, unsere Radiowecker und die Batterie in unserer Uhr."

Daladier und Chamberlain fielen auf Hitlers Inszenierung herein

Nach der Eingangsszene in Berlin springt der Roman zu den Ereignissen, die zum "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich führten, nämlich einem Treffen zwischen dem österreichischen Kanzler Kurt Schuschnigg und Adolf Hitler auf dem Berghof, das in das "Berchtesgadener Abkommen" mündete und in dessen Folge die Nazis der willfährigen österreichischen Regierung die "Tagesordnung" bis zum Rücktritt diktierte.

Und schon ist der in atemberaubendem Tempo erzählte Roman bei der Münchner Konferenz 1938, in der die "Appeasement-Politik" ihren Ausdruck fand. Vuillard beschreibt die linkischen Gestalten und wie die Gesichter des englischen Premierministers Chamberlain und seines französischen Kollegen Daladier verraten, dass auch sie sich von der nationalsozialistischen Begeisterungs-Inszenierung mitreißen lassen.

Im Kern geht es diesem Buch darum, den großen "Bluff" offenzulegen, mit dem Hitler, Goebbels und Konsorten die Welt bis zum Kriegsausbruch hinters Licht geführt haben. Die Propagandamaschine mit inszeniertem Jubel, den durchchoreographierten Aufmärschen - bis hin zu "gefakten" Telefonaten, um die abhörenden Geheimdienste der anderen Mächte hinters Licht zu führen. Vuillard zieht dabei Parallelen zur Illusions-Maschinerie Hollywoods, die – so erfahren wir in diesem Buch - bereits 1938 die Kostüme und Kulissen für einen Film über die Nazis parat hatte, bevor der Zweite Weltkrieg überhaupt begonnen hatte.

Eine Sprache von unglaublicher Prägnanz

Es ist kein Wunder, dass Éric Vuillard nicht nur Schriftsteller ist, sondern auch zahlreiche Filme gedreht hat. Seine literarische Methode ist vom Film inspiriert: Er kondensiert Geschichte in wenigen Momenten, die er farbenreich und prall ausmalt. So als sei er selbst dabei gewesen – beim Treffen der Konzernbosse, beim Abendempfang in Downing Street mit dem deutschen Außenminister Ribbentrop oder beim Kniefall Schuschniggs vor Hitler.

Historiker könnten einwenden, dass Vuillard Geschichte wie einen oberflächlichen Wikipedia-Artikel begreift, den er mit dekorativen Details ausschmückt - etwa der Speisenfolge inklusive Herkunft der Weine bei einem Staatsbankett.

Aber Vuillards Sprache ist von einer unglaublichen Prägnanz. Jedes Detail, jeder Absatz, den er formuliert, entfacht einen ganzen Kosmos. Um etwa die unvorstellbaren Qualen der Zwangsarbeiter in den Fabriken der Krupps zu schildern, braucht er kein eigenes Kapitel – es reichen ihm wenige Sätze.

"Tagesordnung" ist ein unkonventioneller, aber brillanter Roman. Ein Buch über die Tragik nicht nur der deutschen Geschichte. Über handelnde Personen und ihre perfiden Abgründe. Über menschliche Schwäche und historische Unausweichlichkeit. Ein sowohl wütendes als auch resignatives Buch - und  eines, das die oft erzählte Geschichte des Nationalsozialismus noch einmal ganz frisch und nahegehend erzählt.

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