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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.05.2010

Erdöl als Fluch

Peter Maass: "Öl - Das blutige Geschäft", Droemer Verlag, 352 Seiten

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Die USA kämpfen gegen die Folgen im Golf von Mexiko. (US Coast Guard)
Die USA kämpfen gegen die Folgen im Golf von Mexiko. (US Coast Guard)

Die Katastrophe im Golf von Mexiko bestätigt auf traurige Weise das erschreckende Bild, das Peter Maass in seinem Buch "Das blutige Geschäft" zeichnet: Wo immer Erdöl gefunden wurde, erwies es sich als Fluch.

Aktueller könnte dieses Buch nicht sein: Nach dem Untergang der Deepwater Horizon kämpfen die USA gegen die schlimmste Umweltkatastrophe, die nach dem Untergang der Exxon Valdez je von auslaufendem Öl verursachte wurde. Täglich strömen Millionen Liter Öl ins Meer.

Der politische Druck auf das Weiße Haus wächst, doch schon jetzt ist klar, dass die staatliche Aufsichtsbehörden versagt haben und die Sicherheitskontrollen oberflächlich und lax ausgeführt wurden. Der BP Konzern hat sich mit seinen Interessen gegen sämtliche Warnungen durchgesetzt.

Die Deepwater-Katastrophe bestätigt damit auf traurige Weise das erschreckende Bild, das Peter Maass in seinem neuen Buch zeichnet: Wo immer Erdöl gefunden wurde, erwies es sich als Fluch. Es förderte dramatische Umweltzerstörungen, Korruption, wirtschaftliche Verarmung und diktatorische Verhältnisse.

Ausnahmen wie Kanada oder Norwegen bestätigen die Regel.
Vier Jahre lang hat Peter Maass recherchiert. Er hat Afrika, die arabische Halbinsel, Südamerika, Russland besucht und genau Buch geführt über die Dramen vor Ort. Seine Beschreibungen, durch einige Fotos unterstützt, sind so plastisch und lebendig, dass man ungläubig den Kopf schüttelt. Es sind erschütternde Berichte über die hemmungslose Ausplünderung Äquatorialguineas durch einen kleinen diktatorischen Präsidentenclan oder die skrupellose Verschmutzung ganzer Landstriche durch Firmen wie Shell oder Chevron im Niger-Delta in Nigeria oder im Amazonasbecken in Ecuador. Er zeigt, wie saudiarabisches Öl fundamentalistische Moslems finanzierte und die Ölmilliarden Putins Aufstieg und Russlands Abkehr von der Demokratie einleiteten, die Revolution von Chavez in Venezuela ermöglichte.

Neu sind Peter Maass Vorwürfe nicht. Er hat auch kein weiteres Sachbuch mit Statistiken und Expertenmeinungen vorgelegt, dem Journalisten kam es eher darauf an, dem Leser ganz konkret vor Augen zu führen, wie es vor Ort aussieht, dort, wo ein Großteil des Erdöls gefördert wird. Und das macht er hervorragend. Man sieht die fußballfeldgroße Senkgrube mitten im Urwald Ecuadors geradezu vor sich, in der eine dunkle schokoladenbraune Flüssigkeit schwappt, hochgiftiges Förderwasser, das langsam ins Grundwasser sickert und die Luft so verpestet, dass den Reporter schon nach wenigen Minuten heftige Kopfschmerzen plagen. Eine von hunderten Hinterlassenschaften Chevrons.

Peter Maass hat nicht nur mit den Betroffenen geredet, sondern auch versucht, die Verantwortlichen, die Firmenchefs, zu interviewen. Das ist ihm nicht immer gelungen, aber er hat genügend Zitate gefunden, die beweisen, dass die Ölkonzerne sehr eigene Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit besitzen.

In ihrer Gier nach dem schwarzen Gold ignorieren sie Menschenrechtsverletzungen, Umweltverschmutzung, brutale Diktatoren. Das Buch belegt Korruption in unvorstellbaren Ausmaßen. Angesichts der gigantischen Profite, die winken, ist Bestechung gang und gäbe. Nach der Lektüre glaubt man den Konzernen kein Wort mehr. Moral ist in diesem Geschäft offenkundig ein Fremdwort.

Besprochen von Johannes Kaiser

Peter Maass: Öl - Das blutige Geschäft
aus dem Amerikanischen Harald Stadler, Droemer Verlag München 2010, 352 Seiten, 19,95 Euro

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