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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 16.06.2017

Ephraim-Veitel-StiftungAuferstanden aus der Arisierung

Von Jens Rosbach

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Das Ephraim-Parlais in Berlin-Mitte an der Mühlendamm/Ecke Poststraße (picture-alliance/ ZB / Hans Wiedl)
Das Ephraim-Parlais in Berlin-Mitte an der Mühlendamm/Ecke Poststraße (picture-alliance/ ZB / Hans Wiedl)

Hinter einem der schönsten Ostberliner Bürgerhäuser verbirgt sich eine abenteuerliche Geschichte: die der ältesten jüdischen Stiftung in Deutschland, der Ephraim-Veitel-Stiftung. Wie erging es der Stiftung während der Nazi-Zeit?

"Wir befinden uns auf dem Opernplatz, Unter den Linden Berlin. Die deutsche Studentenschaft Kreis 10 verbrennt zur Stunde auf einem riesigen Scheiterhaufen Schriften und Bücher und der Unmoral und Zersetzung. ... Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Karl Marx und Kautsky!"

1933. Kurz nach ihrer Machtergreifung verbrennen die Nationalsozialisten Bücher unliebsamer, zum Teil jüdischer Autoren. Einige Jahre später verbrennen sie auch Menschen. Bizarr: Gleichzeitig sammeln die Mörder jüdische Relikte, die sie in einem "Museum eines ausgerotteten Volkes" zeigen wollen. Doch dazu wird es nicht mehr kommen. Nach dem Krieg verteilen die West-Alliierten die Sammlung an jüdische Einrichtungen in Israel und in den USA. In der DDR hingegen behält der Staat das Raubgut, darunter viele jüdische Bücher, die später nach Westeuropa verscherbelt werden.

Professor Karl Erich Grözinger: "Ziemlich sicher wurden diese Bücher vom DDR-Zentral-Antiquariat in Leipzig – unter Federführung von Schalck-Golodkowski, Stasi-Händler, verkauft, um eben Geld für die DDR zu beschaffen. Also so wurde das jüdische Raubgut zugunsten der DDR in Devisen umgetauscht."

Professor Karl Erich Grözinger ist in den 1990er-Jahren auf rund 300 jüdische Bücher gestoßen, die die DDR an ein Antiquariat in Amsterdam verkauft hatte. Das Antiquariat wiederum hatte die Werke einem holländischen Rabbiner veräußert. Grözinger überredete den alten Gelehrten, die historische Sammlung wieder nach Deutschland zu geben – und zwar an die Potsdamer Universität. Denn Grözinger baute dort zu jener Zeit das Institut für Jüdische Studien auf. Zu Hause, bei der Durchsicht der alten Drucke, stieß der Professor auf einen merkwürdigen Stempel, der auf 70 Werken prangte: "Veitel-Heine-Ephraimsche-Lehranstalt, Berlin". Doch von dieser Einrichtung hatte der Experte noch nie gehört.

"In keinem der modernen wissenschaftlichen Lexika ist diese Lehranstalt verzeichnet."

Erste jüdische Universität

Der Judaist begab sich auf Spurensuche. Er fand heraus, dass die Bildungseinrichtung bereits Mitte des 19. Jahrhunderts als jüdische Universität in Erscheinung getreten war. Doch später geriet sie in Vergessenheit, da ihr die liberale "Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" in Berlin offenbar den Rang ablief.

"Da die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ebenso eine große Erfolgsgeschichte hatte, hatte man darüber die Mutter-Institution vergessen. Also es war die erste jüdische Universität."

Die Mutter-Lehranstalt war Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts vom sogenannten Berliner "Hofjuden" Veitel Heine Ephraim gegründet worden, einem Bankier und Juwelier des Alten Fritz. Als solcher musste Ephraim unter anderem Münzen prägen für den Preußenkönig, um den Siebenjährigen Krieg zu finanzieren. Wobei der König das Geld manipulieren ließ.

Grözinger: "Der König hat wohl zur Auflage gemacht, dass das Geld etwas, das Gold, die Golddukaten, mit Kupfer vermischt werden. Man hat sie dann im Volksmund die Ephraimiten genannt, diese Währung. Und damit wurde der siebenjährige Krieg finanziert."

Wie unter wohlhabenden Juden üblich, spendete Ephraim ein Teil seines Geldes für wohltätige Zwecke – wie für die jüdische Lehranstalt. Zur Finanzierung der Einrichtung ließ schließlich sein Sohn, Ephraim Veitel Ephraim, die Veitel-Stiftung gründen. Sie nahm 1803 ihre Arbeit auf und unterstützte auch bedürftige Juden – bis schließlich die Nazis die Stiftung arisierten. Der Stiftungsname musste geändert – und die Leitung "judenfrei" gemacht werden. Der Name des Arisierers: SA-Mitglied Ralf Lohan. Das Perfide: Lohan, ein nichtjüdischer Mathematiker, war zuvor selbst Stipendiat der jüdischen Stiftung gewesen. 1936 stieg er in die Stiftungsleitung auf. Wahrscheinlich ahnten die anderen, jüdischen Leitungsmitglieder nichts von Lohans SA-Mitgliedschaft.

Grözinger: "Oder aber er hat verstanden, Druck auszuüben und hat sich damit in den Vorstand hinein gedrängt."

Schließlich übernahmen die Nazis die gesamte Stiftung. In den amtlichen Akten heißt es dazu:

Da die Vorstandsmitglieder deutschblütig sind, gilt die Stiftung nicht mehr als jüdisch.

Die Stiftung durfte auch kein Geld mehr an bedürftige Juden ausschütten. 1939 vermerkte die Berliner Stiftungsaufsicht die erfolgreiche Plünderung:

Es erschien der Vorsitzende der Stiftung, Herr Dr. Lohan, und erklärte, daß die Nutznießer der Stiftung keine Juden im Sinne der Nürnberger Gesetze seien.

Ralf Lohan, mittlerweile auch NSDAP-Mitglied, verteilte das Geld stattdessen an braune Vereine.

Grözinger: "1945 gab es noch zwei Bewilligungsempfängerinnen, eine davon hat 600 Reichsmark bekommen. Und wie die Akten ergeben haben, war diese Bewilligungsempfängerin die Mutter des neuen Vorsitzenden der Stiftung. Er hat also Nazi-Organisationen bedacht und vor allem die eigene Familie, die eigene Mutter – mit offenbar horrenden Summen für damalige Verhältnisse." 

Arisierung wurde nicht rückgängig gemacht nach dem Krieg

Ungeheuerliches passierte auch nach dem Krieg: Die Arisierung wurde nämlich jahrzehntelang nicht rückgängig gemacht. Und Ralf Lohan, der Arisierer, blieb Stiftungs-Chef. Zwar fragte die Berliner Stiftungsaufsicht mehrfach kritisch nach, doch Lohan blockte alles ab. Um offenbar weitere Recherchen zu verhindern, ließ er seine Einrichtung von der Spree an den Rhein umziehen. Denn nun war eine andere Stiftungsaufsicht zuständig.

Grözinger: "Sehr clever!"

Beurteilt Karl Erich Grözinger den ehemaligen Stiftungschef Ralf Lohan, der im Hauptberuf im Auswärtigen Amt arbeitete.

Grözinger: "Da er im Auswärtigen Amt war, kann man sich vorstellen, dass das Desinteresse der Kölner Stiftungsaufsicht sicherlich auch mit Seilschaften zu tun hat. Denn Köln-Bonn war ja jetzt der Raum, wo die neue Regierung angesiedelt war, die ja zum großen Teil mit alten Kumpanen besetzt war." 

Laut den Stiftungsunterlagen lehnte Lohan noch im Jahre 1988 einen Vorschlag der Behörden ab, der Stiftung ihren jüdischen Namen wieder zu geben. Obwohl seine Hilfseinrichtung keine Bedürftigen unterstützte, zahlte sich der Stiftungschef selbst eine Aufwandsentschädigung aus.

Grözinger: "Es war offenbar die Motivation, dass er meinte, er habe diese Stiftung vor den Nazis gerettet, 'meinte', und dass es 'seine' Stiftung ist."

Im Jahr 2000 starb Ralf Lohan. 2009 veröffentlichte Wissenschaftler Grözinger im Internet die abenteuerliche Geschichte der Veitel-Stiftung. Doch eines Tages bekam er einen Anruf von der Tochter des Arisierers, von Cornelia Lohan. Die alte Dame aus Bayern zeigte sich entsetzt: Es könne nicht stimmen, was Grözinger über ihren Vater herausgefunden hatte. Der Professor schickte ihr daraufhin seine Forschungsergebnisse.

Grözinger: "Nachdem die Tochter das Buch gelesen hat, hat sie gesagt, dass das erschreckend war für sie und dass sie das auch alles nicht gewusst hatte, aber hat sich dann bedankt, dass sie jetzt Klarheit hat, was jetzt eigentlich die Wahrheit ist." 

Cornelia Lohan bestätigt auf Nachfrage, dass sie von der SA-Mitgliedschaft ihres Vaters und seiner damaligen Stiftungstätigkeit nichts gewusst habe. Sie glaubt allerdings, dass er nach dem Krieg der Stiftung etwas Gutes tun wollte. Heute trägt die Einrichtung wieder ihren alten jüdischen Namen "Ephraim-Veitel-Stiftung" und unterstützt auch wieder Juden – etwa Jugendliche, die nach Israel reisen.

Und Karl Erich Grözinger wurde – infolge seiner Recherchen – zum Stiftungschef ernannt. Der Judaist versucht derzeit, die Wohltätigkeitsorganisation von Bonn nach Berlin zurück zu holen. Ist das geschehen, können endlich die Akten der ältesten jüdischen Stiftung, die durchgehend existierte, geschlossen werden.

Grözinger: "Die Akten, die lasen sich wirklich wir ein Kriminalroman."

Aus der jüdischen Welt

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