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Sonntag, 21.01.2018

Zeitfragen | Beitrag vom 11.01.2018

Entwicklung der GeschlechtsreifeWodurch die Pubertät beschleunigt wird

Von Volkart Wildermuth

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Zwei Teenager küssen sich am Strand. (Unsplash/Alejandra Quiroz)
Wie wirken sich Berührungen auf die Entwicklung in der Pubertät aus? Eine der Fragen, denen die Wissenschaftler nachgehen. (Unsplash/Alejandra Quiroz)

Die Pubertät läuft nicht nach einem fest vorgeschriebenen, hoch automatisierten Programm ab. Hormone geben zwar den Anstoß, aber auch soziale Komponenten beeinflussen den Entwicklungsprozess, wie Forscher bei Tierversuchen festgestellt haben.

In der Rocky Horror Picture Show wird die Macht der Berührung besungen. Tatsächlich ist die Haut ein Sinnesorgan, das nicht nur einen kurzfristigen Schauer der Erregung auslösen kann, sondern zumindest in der Pubertät auch große Veränderungen, ein Umverdrahten ganzer Nervenschaltkreise. Wie das funktioniert, untersucht der Neurobiologie Michael Brecht bei Ratten und stellt dabei als erstes fest, dass Pubertät viel mehr ist als ein hormonelles Programm, das im passenden Alter einfach abgespult wird.

"Ein interessanter Befund zur Pubertät in Säugetieren ist, dass die sehr stark sozial gesteuert wird. In Ratten wie auch in Menschen denkt man, dass soziale Einflüsse die Pubertät sehr stark nach vorne oder nach hinten schieben können."

Laborratten leben in Gruppen von mehreren Tiere in Kunststoffboxen. Hat ein jugendliches Rattenweibchen dabei Kontakt zu einem ausgewachsenen Männchen, kommt es früher in die Pubertät.

"Normalerweise kommen die somit sechs, sieben Wochen sind die geschlechtsreif und das schiebt das um zwei Wochen oder so etwas nach vorne, das ist ein ganz erheblicher Effekt."

Forscher haben das früher auf Pheromone, also sexuelle Duftbotschaften zurückgeführt. Das Team von Michael Brecht konnte aber zeigen: Entscheidend ist der physischen Kontakt mit den Männchen. Der führt zu erheblichen Veränderungen im Gehirn, und zwar in der Region, die Berührungssignale von den Geschlechtsorganen verarbeitet. Wo diese Region liegt, hat Michael Brecht erst vor einigen Jahren herausgefunden. Bei Jungtieren ist die neuronale Repräsentation von Penis oder Klitoris klein. Im Rahmen der Pubertät verdoppelt sich dann die Zahl der Neurone im Gehirn, die Berührungen der Genitalien verarbeiten. Ein Prozess, der bei weiblichen Jungratten durch den Kontakt mit älteren Männchen ausgelöst werden kann. Was dabei genau geschieht, das mussten Forscherinnen klären, denn auf Männer reagieren die Tiere nervöser. 

Wenn Ratten Lust empfinden

Johanna Sigl-Glöckner hat einen Käfig mit drei braun-weiß gefleckten Jungratten aus der Tierhaltung ins Labor geholt, die Nager schauen sich neugierig um. Die Neurobiologin will wissen, wie sich ihr Gehirn durch die Erfahrungen in der Jugend verändert.

"Die Pubertät ist eine Zeit, in der viel Positives, aber auch viel Negatives passieren kann, was sich dann auf den Rest unseres Lebens auswirkt."

Im Berliner Labor geschieht nur Positives. Eine Vertrauensbasis zwischen Nager und Mensch ist Voraussetzung für die Experimente. Über mehrere Wochen hat Johanna Sigl-Glöckner eine weibliche Jungratte nach der anderen für drei Mal zehn Minuten in eine kleine Arena gesetzt.

"Dieses Gelände ist sozusagen zu einer Seite offen, so dass ich meine Hände ebenerdig für die Rate am Boden da reinlegen kann. Und was ich dann gemacht habe ist, ich habe mit einem Pinsel, der mit Ultraschallgel benetzt ist, die Ratten an ihren Genitalien berührt. Natürlich sehr sanft, sodass es für die Ratte eine positive Erfahrung darstellt."

Anfangs waren die Tiere unruhig, aber nach einer Weile haben sie der Forscherin sogar ihr Hinterteil entgegengereckt und dabei Ultraschalllaute wie bei einer Paarung ausgestoßen.

"Woraus wir schließen, dass die Ratte dabei Lust empfindet."

Die künstlichen sexuellen Berührungen haben ausgereicht, im Gehirn der jungen Ratten Veränderungen anzustoßen. Dort beschäftigten sich bald ebenso viele Neurone mit der Klitoris, wie bei ausgewachsenen Weibchen. Und diese Veränderungen im Gehirn beschleunigten dann auch die körperliche Entwicklung.

"Der Uterus wird größer in den weiblichen Tieren und die kommen früher in die Pubertät. Also es ist eine falsche Vorstellung, dass sexuelle Berührung das ist, was auf der Haut stattfindet und vielleicht noch ein bisschen das Gehirn betrifft. Sondern die ganze Pubertät, der Körper wird durch die Veränderungen im Gehirn mitgenommen."

Gilt das auch für den Menschen?

Die Pubertät wird bei den Ratten durch einen Hormonschub angestoßen, so Michael Brecht. Der öffnet sozusagen ein Fenster für neue Erfahrungen, die können dann weitere Veränderungen im Gehirn und im Körper auslösen. Auf diese Weise können die Tiere den Zeitpunkt der Pubertät an ihre Lebensumstände, an die Fortpflanzungsmöglichkeiten anpassen, wie Befunde von verschiedenen Nagerarten zeigen.

"Es ist eine falsche Vorstellung, dass Pubertät ein einfacher, bloßer Wachstumsprozess ist. Es ist nicht nur beschrieben, dass so ein Männchen die Pubertät beim Weibchen beschleunigen kann, es ist auch so, dass alte Weibchen die Pubertät ihre Töchter verzögern können. Da gibt es ein Wechselspiel, das ganz spannend ist."

Es ist zu vermuten, dass der Prozess bei männlichen Ratten ähnlich abläuft, auch wenn das noch nicht im Detail untersucht wurde.

In wieweit sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, bleibt offen. Klar ist nur: Ein Missbrauch hinterlässt bei Kindern deutliche Spuren im Gehirn. Aber Michael Brecht vermutet, dass auch beim Menschen normale sexuelle Erfahrungen wichtig sind für ein natürliches Heranreifen der Nervenschaltkreise. So gesehen ist es wohl kein Zufall, dass dem ersten Mal, dem ersten Sex, eine so große psychologische und soziale Bedeutung zukommt. Das dürfte mit ein Grund sein, warum gerade Berührungen in vielen Kulturen strikt geregelt sind.

"Bei Menschen ist es einem total egal, ob die Tochter einen alten Mann riecht oder so etwas. Aber wenn der die anfassen will, dann würden wir da ganz anders darauf reagieren. Mit gutem Grund."

Zu enge Bekanntschaft mit älteren, fremden Männern ist in der Pubertät sicher nicht angebracht. Auf der anderen Seite bereitet der pubertäre Hormonschub das Gehirn vor auf sexuelle Kontante, es kann dann an und mit ihnen reifen, vor allem wenn es positive Erlebnisse sind.

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