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Länderreport | Beitrag vom 25.09.2017

Enttäuschung in der SPD-Hochburg Duisburg"Ernüchternd, ich würde sogar fast sagen, erschütternd"

Von Vivien Leue

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Eine Frau trägt am am 25.09.2017 in Stuttgart (Baden-Württemberg) nach der Bundestagswahl ein abgehängtes SPD-Wahlplakat mit Spitzenkandidat Schulz zu ihrem Auto.  (picture-alliance / dpa / Sebastian Gollnow)
Bundesweite Enttäuschung: Eine Frau trägt am Tag nach der Bundestagswahl ein SPD-Wahlplakat mit Spitzenkandidat Schulz zu ihrem Auto. (picture-alliance / dpa / Sebastian Gollnow)

Die SPD hat bei der Bundestagswahl ihr historisch schlechtestes Ergebnis eingefahren: 20 Prozent. Selbst in ihrer Hochburg Duisburg verzeichnen die Sozialdemokraten Verluste. Als die ersten Hochrechnungen kommen, herrscht hier Ratlosigkeit.

Das Duisburger Rathaus um 18 Uhr – Vertreter aller Parteien warten im historischen Ratssaal gespannt auf die ersten Hochrechnungen. Am Stehtisch der SPD herrscht danach erst einmal Ratlosigkeit.

"Ja, bitter, bitter."

"Ernüchternd, ich würde sogar fast sagen, erschütternd."

"Unsere Krise ist schon tiefer gehender, wir müssen uns damit in der Tat auseinandersetzen."

Rund 20 Prozent  Stimmenanteil, das ist für die Sozialdemokraten das schlechteste Ergebnis in der Nachkriegsgeschichte. Und: Die AfD wird drittstärkste Kraft. Das kann hier am SPD-Tisch kaum einer so richtig fassen. Auch nicht der SPD-Landtagsabgeordnete Frank Börner:

"Ich verstehe die Menschen nicht, die sowas wählen."

Er blickt wie nach einer Lösung suchend durch den Saal, dann fängt er sich wieder und sagt, dass es richtig sei, jetzt in die Opposition zu gehen. Auch der Geschäftsführer der Duisburger Sozialdemokraten, Jörg Lorenz, erklärt: 

"Das befreit uns aus der Großen Koalition und es sorgt auch dafür, dass die stärkste Oppositionspartei nicht die AfD ist, sondern die SPD und das ist gut so."

Absturz in der SPD-Hochburg

Jahrelang holten die Sozialdemokraten im Ruhrgebiet locker die absolute Mehrheit – aber diese Zeiten sind vorbei. Schon im Mai bei den Landtagswahlen stürzte die SPD ab, auch hier im Ruhrgebiet, erinnert sich Ralf Jäger, Landtagsabgeordneter aus Duisburg und ehemaliger Innenminister. 

"Wir haben als Hochburg natürlich den Anspruch, so viele Wählerinnen und Wähler zu aktivieren und zu gewinnen, dass wir bundesweit mit dem Ruhrgebiet einen Schwung nach oben bekommen. Und ich denke, das wird auch heute so sein, dass wir diesen Schwung nicht mehr haben auslösen können und ich fürchte, dass wir auch in Duisburg große Einbrüche haben."

Seine Prophezeiung wird am späten Abend Gewissheit: Zwar liegt die SPD in vielen Duisburger Wahlbezirken noch weit über 30 Prozent, in einigen auch bei über 40 Prozent und in drei Wahlbezirken holt sie sogar noch die absolute Mehrheit – aber für einen wirklichen, bundesweiten Ruck nach oben reicht es eben nicht mehr. Statt wie früher mit Stolz geschwellter Brust stehen die Genossen in Duisburg jetzt mit hängenden Köpfen zusammen. 

Und auch die Duisburger Direktkandidaten für den Bundestag, Bärbel Bas und Mahmud Özdemir, sind nicht in bester Stimmung, als sie gegen 19 Uhr den Ratssaal betreten – trotz ihrer Wiederwahl.  Mahmud Özdemir ist enttäuscht.

"Bundesweit ist das natürlich eine herbe Niederlage für uns als SPD, das sind keine schönen Zahlen. Sowohl die Union als auch wir haben in dieser Großen Koalition als Ergebnis erheblich Federn gelassen."

Vor vier Jahren zog der heute 30-jährige Mahmud Özdemir mit gerade mal 26 Jahren als jüngster Abgeordneter ins Berliner Parlament. Gut 43 Prozent der Stimmen erhielt er damals im Wahlkreis Duisburg Nord. Jetzt sind es nur noch knapp 35 Prozent.

"Wir haben in den letzten Jahren als SPD eine gute Politik gemacht, ich bin davon nach wie vor überzeugt. Und dass wir bei diesen Wahlen damit nicht durchgedrungen sind, ist für uns Ansporn genug, das noch mal deutlich aufzuarbeiten."

Die goldenen Zeiten der SPD sind vorbei

Auch wenn er die goldenen Zeiten der Sozialdemokratie im Ruhrgebiet nicht mehr als aktiver Politiker miterlebt hat – er will seine Partei wieder dorthin begleiten. Nur wie schaffen es die Sozialdemokraten, vom Wähler wieder ernst genommen zu werden? Mahmud Özdemir hat darauf eine Antwort.

"Ich habe mich immer rund um die Uhr mit den Menschen in Verbindung gehalten und hab mich dann dementsprechend auch um ihre Anliegen gekümmert. Ich glaube, diese Kümmerpolitik und in Zeiten von Social Media mehr Mundfunk, das täte uns glaube ich besser." 

Auch die frisch wiedergewählte Duisburger Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas findet, dass sie und Özdemir als Ruhrgebietler besonders nah dran sind an den Leuten und ihren Bedürfnissen. 

"Ich glaube hier aus Duisburg oder aus dem Ruhrgebiet speziell kann man nochmal viel mitnehmen, was für die Bundespartei entscheidend sein wird für die Zukunft, wie wir uns auch neu aufstellen müssen, um die Leute wieder zu erreichen."

Mit den Menschen ins Gespräch kommen, das sei enorm wichtig, findet Bärbel Bas:

"Also wir haben ja gemerkt, durch viele Gespräche, Einzelgespräche, Wohnzimmer, die auch ich gemacht habe, es gibt eine große Angst, der man begegnen muss."

Hat die AfD eine Lücke gefüllt?

Möglicherweise ist dieses Zwiegespräch zwischen den Sozialdemokraten und den Wählern in einigen Regionen zu kurz gekommen. Die Lücke gefüllt hat offenbar die AfD. Auch in manchen Duisburger Wahlbezirken erhält sie mehr als 20 Prozent der Stimmen – das schockt die Genossen. 

Mahmud Özdemir will die Menschen, die sich in seiner Stadt für die AfD entschieden haben, aber dennoch nicht verteufeln: 

"Ich nehme sie ernst, ich nehme ihre Ängste und Sorgen, aber auch ihre Hoffnungen und Ideen sehr ernst und möchte sie für die Sozialdemokratie natürlich begeistern. Was ich aber nicht ernst nehme sind die Aussagen, die diese Partei trifft und das Gedankengut, was sie atmet und werde mich wo immer ausländerfeindliche Ressentiments, rassistische Ressentiments geschürt werden, dem im deutschen Bundestag entgegenstellen."

"Das müssen wir ernst nehmen. Diese Menschen sind nicht rechtsradikal"

Und auch der ehemalige SPD-Innenminister Ralf Jäger zeigt Verständnis für die Ängste der Menschen: 

"Das müssen wir ernst nehmen. Diese Menschen sind nicht rechtsradikal, das sind nicht Rechtsextremisten. Sondern die haben Hoffnungen, Sorgen und Nöte und da müssen wir die abholen. Und da müssen wir uns selbst im Spiegel anschauen und fragen, ob wir da immer die richtigen Antworten haben."

Selbstkritik, das sei jetzt nötig, da sind sich die Parteigenossen in Duisburg einig. Nur, wenn es die Partei schafft, wirklich ehrlich mit ihren Defiziten umzugehen, hat sie in vier Jahren wieder eine Chance bei den Wählern. 

"Bundesweit brauchen wir jetzt eine Zäsur, wir müssen wirklich analysieren, wo steht die SPD, was ist unsere Zielgruppe, was sind unsere Inhalte und was sind unsere Personen, die die glaubwürdig nach außen vertreten können. Wir werden aus der Opposition heraus ein klares Profil entwickeln müssen."

(mw)

 

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