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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 29.08.2011

Entenhausen feiert

Vor 60 Jahren erschien in Deutschland die erste Ausgabe von "Micky Maus"

Von Vanessa Loewel

Ein Ausschnitt aus der Reprint-Ausgabe des ersten Heftes vom September 1951. (Clemens Bilan/dapd)
Ein Ausschnitt aus der Reprint-Ausgabe des ersten Heftes vom September 1951. (Clemens Bilan/dapd)

"Hurra – ich bin da!" jubelte vor 60 Jahren die Micky Maus von Werbeplakaten. Als Zeitschrift im Vierfarbdruck brachte Micky Maus Farbe in das Nachkriegsgrau der Zeitungskioske. In der DDR war Micky verboten und im Westen hatten Pädagogen und Eltern Vorbehalte gegenüber der Maus.

"Hau Ruck! Uff!" Mit diesen Worten beginnt das erste Mickey Maus-Heft, das in Deutschland erscheint. Goofy bekommt sein Auto nicht zum Laufen. Der treudoofe Lulatsch hat den Motor in der Garage vergessen! Da kann auch Micky nur noch Fragezeichen staunen.

Schon in der ersten deutschen Ausgabe hat Raffzahn Onkel Dagobert mehr Geld als er zählen kann, Gustav Ganz mehr Glück als Verstand und Daisy Duck kann so zickig sein, wie sie will, Donald ist einfach hingerissen. Seit 60 Jahren plagen den wütenden Enterich Liebeskummer wie akute Geldsorgen.

Donald ist der eigentliche Held in Entenhausen. Trotzdem hat der Verlag in Deutschland, anders als in vielen anderen europäischen Ländern, nicht ihn zur Titelfigur gemacht, sondern Biedermann Micky Maus.

"Hurra – ich bin da!" jubelt deshalb die Maus mit den weißen Handschuhen am 29. 08. 1951 von den Werbeplakaten, die an deutschen Litfaßsäulen hängen – an westdeutschen, wohlgemerkt. In der DDR gilt Micky als Klassenfeind. Die Heftchen sind verboten und gelangen nur auf geheimen Wegen über die innerdeutsche Grenze. Die DDR-Presse warnt vor der Invasion der amerikanischen "Schundhefte".

Aber auch im Westen wollen viele das Heft verbieten lassen. Pädagogen, Lehrer, Buchhändler und Eltern befürchten eine Verrohung der Jugend. Über "Das Elend mit den Comics" schreibt der "Tagesspiegel" am 13. November 1956:

"Mit den Bilderserien springt die Menschheit zurück in eine Urwelt der Bilder und Symbole. Es ist der Sprung über die Aufklärung hinweg in ein wollüstiges Analphabetentum. Kann man die zwar harmlosen, aber unendlich hingedehnten und aufgeschwollenen Micky-Maus-Hefte überhaupt ansehen ohne zu erschrecken über die Banalität der Texte in ihrem infantilen Pidgin-Englisch und über die Rückerziehung zum Primitiven?"

In den Geschichten aus Entenhausen gibt es keine rohe Gewalt, keinen Tod und keinerlei sexuelle Anspielungen. Trotzdem mussten viele Teenager ihr Micky Maus-Heft in den 50er-Jahren unter der Bettdecke lesen. Noch 1962 gab es in Bayern eine Schulranzen-Razzia. Aber all das Warnen und Wüten der Lehrer brachte nichts: Das Heft erschien alle zwei Wochen in einer Auflage von 300.000 und wurde trotz seines relativ hohen Preises viel gekauft und noch mehr gelesen. Als erste Zeitschrift, die komplett im Vierfarbdruck erschien, brachte Micky Maus Farbe in das Nachkriegsgrau der Zeitungskioske.

Für uns verständlich wurden die Bewohner von Entenhausen durch Erika Fuchs – die Mutter der deutschen Micky Maus-Hefte. Mehr als 40 Jahre hat die Übersetzerin, die 2005 starb, die Comics aus dem Englischen übertragen. Dabei wäre die promovierte Kunsthistorikerin, hätte sie nicht der Verlag mit der Übersetzung beauftragt, von selbst nie auf die Idee gekommen diese Bildergeschichten aus den USA zu lesen, wie sie in einem Interview erzählte:

"Als ich das erste Mal so ein Heft sah, war ich sehr verdutzt. Denn ich hatte ja noch nie Comics gesehen, denn die gab es ja in Deutschland nicht. Und ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass so ein Heft, so mit acht Zeichnungen auf einer Seite und dann mit Sprechblasen aus den Mündern, dass das hier gehen konnte. Aber da habe ich mich sehr getäuscht.""

Trotz ihrer bildungsbürgerlichen Vorbehalte machte sie sich mit all ihrer Formulierkunst und ihrem Sprachwitz ans Werk. Erika Fuchs hat Tick, Trick und Track oder Daniel Düsentrieb ihre Namen gegeben und Donald und Co schon mal Schillerzitate in den Schnabel gelegt. Vieles, was sie in die Sprechblasen schrieb, hat unsere Alltagssprache geprägt. Donalds "Dem Ingeniör ist nichts zu schwör" ist heute ein geflügeltes Wort. Erika Fuchs hat sogar eine Verbform erfunden: Der nach ihr benannte "Erikatif", wie "Grübel", "Seufz" oder "Kreisch", ist heute die Lieblingsform der Facebook-Generation.

Seit 1951 wurden insgesamt 1,2 Milliarden Micky Maus-Hefte verkauft und bis heute kommen jede Woche 160.000 hinzu. Da kann man nur gratulieren– und in Entenhausen wird gefeiert.

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