Seit 13:07 Uhr Länderreport
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 13:07 Uhr Länderreport
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.08.2013

Englisch wird nicht Europas gemeinsame Sprache

Warum man doch manchmal bei der Muttersprache bleiben sollte

Von Vivi Bentin

Podcast abonnieren
Englisch als Fremdsprache büffeln, ist sicher sinnvoll. Manchmal ist aber die Muttersprache  besser.  (dpa / pa / Nicholson)
Englisch als Fremdsprache büffeln, ist sicher sinnvoll. Manchmal ist aber die Muttersprache besser. (dpa / pa / Nicholson)

Wie viel leichter könnte doch vieles sein, wenn jeder Englisch als Fremdsprache lernte und man sich damit weltweit verständigen könnte? Aber was für ein Englisch wäre das dann? Das fragt sich die Dolmetscherin Vivi Bentin.

Neulich hat unser Bundespräsident Joachim Gauck in einer Ansprache gefordert, Englisch solle die Verkehrssprache Europas sein, konkret ein "praktikables Englisch für alle Lebenslagen und Lebensalter." Und auch viele andere haben den Eindruck, dass doch alles so viel besser wäre, wenn bloß alle Europäer oder gar Erdbewohner sich auf Englisch unterhalten könnten.

Das kann tatsächlich funktionieren: Firmen schließen international große Verträge auf Englisch ab. Fachorganisationen veranstalten Konferenzen komplett auf Englisch. Die Bundeskanzlerin und der französische Premier parlieren auf Englisch über das Wetter.

Aber was für Englisch ist das? Vielleicht sollte man es besser als eine Art "internationalen Code" bezeichnen. Eine englische Sprache, die überall und nirgends kulturell verankert ist, eine praktische Sprache, in der man auch mit relativ begrenztem Wortschatz relativ gut kommunizieren kann. Eine Sprache, die sich eignet, um Informationen auszutauschen oder Smalltalk zu machen. Aber das ist auch alles.

Wenn man sich aber nun überlegt, wie vielschichtig schon die eigene Muttersprache ist, wie viele Sprachebenen, Nuancen, Mehrdeutigkeiten und Missverständnisse es schon innerhalb einer Sprache gibt, so muss klar werden, dass die reine Beschränkung auf ein Schul- oder bestenfalls Universitätsenglisch nicht ausreichen kann, um in jeder Lebenslage differenziert zu kommunizieren. Im Gegenteil: Die falsche Verwendung des vermeintlich einfachen Englisch kann regelrecht kontraproduktiv sein.

Oder nehmen wir das Thema Integration: Schweden zum Beispiel. Sicherlich ein Land, in dem viele Menschen sehr passables Englisch sprechen und keinerlei Angst vor Identitätsverlust haben, wenn sie es auch international benutzen.

Dennoch: Den arbeitssuchenden Fachkräften, die derzeit aus Südeuropa ins Land strömen, geben die schwedischen Arbeitgeber unmissverständlich zu verstehen: Zurück auf die Schulbank und Schwedisch lernen! Denn das ist für die Integration ins Unternehmen und in die Gesellschaft nach wie vor unerlässlich.

Interessanterweise stellt man fest, dass oft gerade diejenigen, die Englisch als Fremdsprache am besten beherrschen, sehr fein unterscheiden, wann sie es selbst sprechen. Angela Merkel wird sich bei der Verhandlung eines Euro-Rettungspaketes hüten, nicht ihre Muttersprache zu sprechen.

Da greift sie lieber auf professionelle Konferenzdolmetscher zurück, auf Profis, die Kommunikationsprozesse durchschauen, die gelernt haben, Inhalte differenziert von einer Sprache in die andere zu transportieren. Und ist es nicht besser, wenn sich unsere Bundeskanzlerin darauf konzentriert, ihre Arbeit gut zu machen, statt darauf, Pannen und Peinlichkeiten im Englischen zu vermeiden?

Wie sähe sie aus, die perfekte europäische Kommunikation – einsprachig oder mehrsprachig, mit oder ohne Dolmetscher? Natürlich ist es das Beste, sich direkt an einen Gesprächspartner zu wenden, spontan auf ihn einzugehen und ihm schnell zu antworten. Und wo man sich persönlich begegnet, helfen zudem Gesten, Mimik und Sympathie, grammatikalische und andere Fehler wettzumachen.

Insofern lautet die – sehr englische – Antwort: It depends.

Vielleicht braucht es eine gewisse Gelassenheit, schlechtes Englisch da hinzunehmen, wo es keinen Schaden anrichtet. Dann verlangt es Mut zuzugeben, dass sich Manches eben doch am Besten in der Muttersprache sagen lässt. Aber vor allem bedarf es der Weisheit zu erkennen, wann das Eine und wann das Andere angebracht ist.


Vivi Bentin (Fotografa)Vivi Bentin (Fotografa)Vivi Bentin, geb. 1975, ist freiberufliche Konferenzdolmetscherin für Deutsch und Englisch in Berlin. Zuvor arbeitete sie als Sprachendienstleiterin und Englisch-Dolmetscherin beim Regierenden Bürgermeister von Berlin und als Lehrkraft für Dolmetschen an der Universität Vilnius in Litauen. Sie ist Mitglied im internationalen Verband der Konferenzdolmetscher AIIC und im Verband der Konferenzdolmetscher in Deutschland VKD. Ferner war sie Gründungsmitglied und Autorin des Netzwerks für Osteuropa-Berichterstattung "n-ost". Bereits 2006 erschien von ihr im Magazin "Kulturaustausch" ein Artikel zum Thema "You must can English".

Politisches Feuilleton

FacebookEine Individualitätsattrappe
Miniaturfiguren geben sich die Hand vor einem Facebook-Logo. (imago / Ralph Peters)

Facebook verspricht seinen Mitgliedern, zum Chronisten ihrer selbst zu werden. Doch in Wahrheit erzählten die zwei Milliarden Nutzer nicht ihre eigene Geschichte, meint der Journalist Adrian Lobe: Sie wird mechanisch von Maschinen verfasst.Mehr

TrumpmaniaVorsicht vor der One-Man-Show
US-Präsident Donald Trump spricht zu der "American Legion Boys Nation and the American Legion Auxiliary Girls Nation" im Rosengarten des Weißen Hauses in Washington, DC, am 26. Juli 2017. (dpa / Chris Kleponis)

Donald Trumps Selbstdarstellung und das häufige Schmunzeln darüber lassen den Eindruck entstehen, die Welt habe es mit einem Polit-Clown zu tun. Das täusche, warnt Volker Depkat. Stattdessen sei der US-Präsident ein Förderer des ungehemmten Kapitalismus. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur