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Länderreport | Beitrag vom 13.04.2018

Energie-Projekt in HannoverWie Autobatterien das Stromnetz sichern

Von Dietrich Mohaupt

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Ein Elektroauto von Mercedes wird vor der Niederlassung des Chemnitzer Energieversorgers EnviaM in Halle (Saale) am 05.03.2012 mit einem gelben Stromkabel an einer Ladesäule mit Ökostrom geladen. EnviaM hält derzeit mehrere Elektroautos und Elektrofahrräder im eigenen Fuhrpark. Gleichzeitig gibt es sieben Autostromladesäulen an den Standorten der enviaM-Gruppe. (picture alliance / dpa / Jan Woitas )
Ungenutzte Akkus für Elektroautos sorgen in Hannover für die Stabilität der Stromversorgung. (picture alliance / dpa / Jan Woitas )

In den öffentlichen Stromnetzen gibt es immer wieder Frequenzschwankungen. Und um diese auszugleichen und Stabilität für die Verbraucher zu gewährleisten, setzt Hannover nun einen riesigen Stromspeicher von Batterien von Elektroautos ein.

Der rasante Wandel auf dem Energiesektor in den vergangenen Jahren hat auch bei den Stadtwerken Hannover seine Spuren hinterlassen – das Unternehmen firmiert seit Anfang März als Energiedienstleister unter dem neuen Namen "enercity". Schon seit zwei Jahren produziert das alte Gaskraftwerk in Herrenhausen keinen Strom mehr – stattdessen ist auf dem Unternehmensgelände eine gut 2000 Quadratmeter große Halle errichtet worden, in der sich ein riesiger Stromspeicher befindet. Theoretisch könnte dieser Speicher ganz Hannover für zwei Minuten mit Strom versorgen, erklärt die enercity-Vorstandschefin Susanna Zapreva. Das soll er aber gar nicht – der Speicher steht für etwas ganz anderes.

"Das ist für das Unternehmen eine neue strategische Stoßrichtung. Wir merken, dass die Energiewelt von morgen erneuerbar wird, und wir merken auch, dass die Branchen zusammenwachsen und ganz neue Player entstehen. Und hier mit dem Speicher in Herrenhausen haben wir ein Beispiel dafür, wie ein Energiedienstleister wie die enercity und ein Autokonzern wie Daimler Energiegeschichte neu schreiben. Auf der einen Seite ermöglichen wir damit Elektromobilität, und auf der anderen Seite eben Netzstabilität, damit erneuerbare Energien auch Realität werden können."

Der riesige Speicher verbirgt sich hinter dicken Türen – und sieht erst einmal nicht sonderlich spektakulär aus: Schier endlose Regalreihen, dazwischen schmale Gänge, eine Klimaanlage sorgt für konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit – in den Regalen lagern tausende von Lithium-Ionen-Batteriezellen. Immer 31 solcher Zellen sind zu einem Modul verbunden, jeweils drei solcher Module bilden normalerweise die Batterie für einen Elektro-Smart – hier in Herrenhausen sollen sie als Taktgeber für das öffentliche Stromnetz dienen.

"Früher war Energieversorgung sehr planbar, statisch – die Kraftwerke hatten ihre Fahrpläne. Inzwischen sind … Verbrauch ist wechselhafter – die Lasten, die sogenannten – und auch die Erzeugung geht rauf und runter, gerade im erneuerbaren Bereich abhängig von Sonne und Wind. Und diesem Zweck dient praktisch der Batteriespeicher hier – das auszugleichen."

Der Speicher ist ein "lebendes Ersatzteillager"

Unternehmenssprecher Carlo Kallen wirkt fast ein wenig verloren zwischen den Regalreihen – überall blinken grüne Leuchtdioden, dicke Kabelstränge führen von den Batteriemodulen an der Decke entlang aus der Halle. Der gesamte Speicher hängt am öffentlichen Stromnetz und soll in diesem Netz für Stabilität sorgen. Primär-Regelleistung nennt sich das, was enercity mit diesem Speicher zur Verfügung stellt.

"Last und Erzeugung müssen immer genau im Gleichgewicht sein im Stromnetz – und dafür sind diese Speicher da. Der Kunde merkt es im Prinzip im Alltag eigentlich gar nicht, sondern nur, wenn z.B. die Glühbirne sozusagen leicht ins Flackern kommt."

Dann sind nämlich Angebot und Nachfrage nach Strom nicht so ganz perfekt im Gleichgewicht – und dann springt der Batteriespeicher blitzschnell in die Bresche. Dabei kann er innerhalb von zwei Sekunden – je nach Bedarf – entweder überschüssigen Strom aus dem Netz speichern, oder fehlenden Strom ins Netz nachliefern. Ähnliche Speicher gibt es bereits, z.B. in Lünen, wo Daimler eine etwas kleinere vergleichbare Anlage allerdings mit Batteriemodulen betreibt, die ihren Lebenszyklus in einem E-Mobil bereits hinter sich haben. In Herrenhausen dagegen kommen brandneue Batteriemodule für den Elektro-Smart zum Einsatz – der Speicher ist so etwas wie ein "lebendes Ersatzteillager", erklärt Andreas Rückemann von der Mercedes-Benz-Energy GmbH.

"Die Batterien werden, wenn man sie nicht behandelt – wenn man sie nicht zyklisiert, sagen wir dazu – dann werden die alt. Das heißt, sie können dann nicht mehr so gut benutzt werden als Ersatzteile, das heißt, man muss da etwas machen mit denen, man muss sie betreiben. Allerdings möglichst schonend, damit sie natürlich nicht durch das Betreiben selbst altern und dann nicht mehr sich als Ersatzteile eignen."

Aktuell sind bereits rund 1800 Batteriemodule hier gelagert und ans Netz angeschlossen – für etwa 1400 weitere ist noch Platz. Das Ganze erinnert ein bisschen an einen HighTech-Wellness-Tempel.

"Das ist wirklich eine Fitnesskur für die Batterien, da halten die sehr, sehr lange – sie werden nicht besonders hohen Strömen ausgesetzt, sie sind bei einer normalen Raumtemperatur, also nicht im Kalten, nicht im Warmen – das ist wirklich wie eine Art Fitnessstudio für die Zellen."

Wellness für die Batterien

Von Zeit zu Zeit huschen Arbeiter durch die langen Regalreihen. Sie füllen Lücken wieder auf, die durch die Entnahme einzelner Module entstanden sind, die z.B. von Werkstätten als Austausch-Batterie für einen ermatteten Fahrzeug-Akku angefordert wurden. Das wird hier künftig der Alltag sein, erläutert Jens Liebold, Projektleiter für den Bereich Stationärspeicher bei Mercedes-Benz-Energy.

"Wir haben natürlich die ersten Anforderungen für den Ausbau oder die Bereitstellung von Ersatzteilen aus dem Markt und sind natürlich auch in der Verpflichtung, den Speicher am Laufen zu halten. Das heißt, das, was wir ausbauen, um die Ersatzteile für den Markt bereitzustellen, müssen wir auch wieder ersetzen – und das tun wir jetzt hier, indem wir bereits vorgenutzte Batteriemodule wieder einbauen, um den Betrieb zu gewährleisten."

Daimler und die Stadtwerke Hannover haben jeweils rund sechs Millionen Euro in das Projekt investiert. Schon bald soll der Batteriespeicher voll ausgestattet sein mit dann gut 3200 Modulen – die alsbald auch Geld verdienen sollen. Beide Partner wollen sich die Gewinne aus dem Verkauf des zwischengespeicherten Stroms teilen – wann sie allerdings mit Gewinnen aus dem Projekt rechnen, das wollten beide nicht sagen.

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