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Weltzeit | Beitrag vom 20.04.2017

Emmanuel MacronDer charismatische Politstar

Von Jürgen König, Deutschlandradio-Korrespondent in Paris

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Der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron (imago / ZUMA Press)
Der Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron: "Wir sind der wirklich tiefgreifende Wechsel." (imago / ZUMA Press)

Emmanuel Macron ist die Sensation des französischen Wahlkampfs: Mit seinen sozialliberalen und proeuropäischen Positionen zieht er immer mehr Franzosen auf die Seite seiner Bewegung "En Marche!". Kritiker halten dagegen: Er trete wie ein Guru auf und sein Programm sei unscharf.

Der Revoluzzer des politischen Systems in Frankreich ist der mögliche neue Staatspräsident des Landes. Vor einigen Monaten war er vielen Franzosen noch unbekannt, jetzt sagen die meisten Umfragen seinen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen voraus. Macron beschäftigt derzeit die Klatschpresse ebenso wie renommierte Zeitungen wie "Le Monde" und "La Libération". Das ganze Land scheint der 39-jährige Charismatiker gerade in seinen Bann zu ziehen. Er füllt die Hallen und seine Eloquenz lässt den Inhalt des Gesagten schon mal vergessen.  

Seine Bewegung "En Marche!" hat inzwischen 250.000 Mitglieder, die allein im März 8000 Veranstaltungen organisiert haben, um ihren Kandidaten zu unterstützen. Wir haken in dem heutigen letzten Teil unserer Frankreich-Woche in der Weltzeit nach: Wer ist der neue Politstar, der die etablierte Politikerkaste Frankreichs so erschüttert? Wohin ginge die Reise mit Macron, würde er denn am kommenden Sonntag tatsächlich zum Präsidenten gewählt? Unser Frankreich-Korrespondent  Jürgen König hat Emmanuel Macron im Wahlkampf begleitet.


Der Beitrag im Wortlaut:

Die Erwartungen sind riesig. Seit Wochen sagen Umfragen für den 7. Mai eine Stichwahl zwischen Emmanuel Macron und Marine Le Pen voraus. Der Kandidat der Sozialisten, Benoit Hamon, wird schon von der eigenen Parteiführung nur halbherzig unterstützt und gilt als chancenlos. Francois Fillon von den konservativen Republikanern muss gegen sein skandalumwittertes Image ankämpfen und ist in den Umfragen schon hinter den Linksradikalen Jean-Luc Mélenchon zurückgefallen - nach Meinung vieler Franzosen kann nur einer noch den Sieg der Kandidatin des Front National verhindern: Emmanuel Macron – der Favorit.

Für die konkurrierenden Kandidaten ist Emmanuel Macron der Hauptgegner, entsprechend zahlreich sind die Angriffe gegen ihn – was Macron aber, wie er bei einer Fernsehdebatte lässig mitteilte, nicht weiter kümmert:

"Wenn ich ängstlich wäre, hätte ich mich nicht vor einem Jahr in dieses Abenteuer gestürzt – als ich weit davon entfernt war, Favorit zu sein. Und ich muss lächeln, wenn man mich heute so bezeichnet. Es gibt seit Wochen einen Favoriten, aber das bin nicht ich, das ist Marine Le Pen. Und ich werde meine gesamte Energie dafür aufbringen, zu überzeugen, zu überzeugen, zu überzeugen!"

"Angst" als zentraler Wahlkampf-Begriff

"Angst" ist ein zentraler Begriff seines Wahlkampfs geworden – im wirtschaftlich angeschlagenen, gesellschaftlich verunsicherten Frankreich, das wie seit Jahrzehnten nicht mehr nur noch mit sich selbst beschäftigt ist. Immer wieder kommt Emmanuel Macron auf Ängste zu sprechen:

"Das ist es, was ich Euch sagen möchte: Wir – wir haben keine Angst! Wir – wir spielen nicht mit der Angst! Wir – wir wollen erfolgreich sein, unser Land lieben – alle zusammen!"

Bei seinen Wahlveranstaltungen geht der Favorit, der kein Favorit sein will, stets nach dem gleichen Muster vor. Mit großer Intensität und immer neuen Beschwörungen der Gemeinsamkeit, des Zusammenstehens nimmt sich Emmanuel Macron viel Zeit, um ein Wir-Gefühl aufzubauen – dazu braucht er: ein Feindbild.

"Nun, meine Freunde – warum stehen mittlerweile alle gegen uns, Sozialisten, Konservative, der Front National? Weil sie durch das, was wir machen, untergehen werden! Wegen unserer Überzeugungen: Wir sind der wirklich tiefgreifende Wechsel, wir sind die Erneuerung unseres politischen Lebens, wir sind das Lager der Hoffnung, wir sind die Patrioten, offen gegenüber einer sich wandelnden Welt – wegen all dessen, meine Freunde, hassen sie uns und genau wegen all dessen werden wir gewinnen!"

Wie ein Hypnotiseur spricht Macron zum Publikum, sucht die Angst zu vertreiben ...

"So wie Ihr heute: Ihr schiebt die Angst von euch, die schlechte Wut, die traurigen Stimmungen, all das, was sich im Land ausbreiten will."

Man muss auf die Anfänge seiner Bewegung zurückschauen, um die Begeisterung zu verstehen, die Macron noch heute auslöst. Sein "Abenteuer" begann - noch zu seiner Zeit als Wirtschaftsminister von Staatspräsident Francois Hollande - am 6. April 2016 in einem kleinen Saal in seiner Heimatstadt Amiens, wohin er eingeladen hatte: Jeder konnte kommen.

"Ich habe mich entschieden, eine politische Bewegung zu gründen. Sie soll weder links noch rechts sein."

In seiner Bewegung, "En Marche!" genannt, "Unterwegs!" oder auch "Vorwärts!", sollte jede und jeder mit ihren, mit seinen Ideen willkommen geheißen werden.

"Lebensregel: das Entgegenkommen"

"Ich bin Mitglied einer linken Regierung. Ich komme aus der Linken, ich bin ein Linker. Aber ich habe Lust, mit den Frauen und Männern der Rechten zu arbeiten. Und ich habe eine Lebensregel, nämlich: das Entgegenkommen, das Wohlwollen. Um leben zu können, muss ich nichts Schlechtes über andere sagen. Was ich nur sage, ist: Wir können in einer gemeinsamen Anstrengung die Gutwilligen der Linken und der Rechten zusammenbringen! All jene, die sich eine Weiterentwicklung der Arbeit vorstellen können, Arbeiter, Unternehmer, die Investoren! All jene, die sich eine Aussöhnung von Freiheit und Gerechtigkeit vorstellen können! All jene, die an Europa glauben! Ist die Linke bei diesen drei wichtigen Themen mit sich im Reinen? Nein! Ist die Rechte dabei mit sich im Reinen? Nein!"

Von Anfang an schlugen Emmanuel Macron von allen Seiten enorme Sympathien entgegen. 

Aus einer Umfrage:
Mann: "Er hat die Unterschiede von links und rechts zur Seite geschoben, das finde ich sehr gut." Frau: "Ich bin eine Konservative, gehöre den Republikanern an, aber wie er es sagt: das stört ja nicht. Ich bin absolut bereit ihm zu helfen. Eine schöne Überraschung, eine sehr schöne Überraschung!"

Wie groß das politische Vakuum im Land geworden war, hervorgerufen durch die verbrauchten "klassischen" Parteien, zeigte die nahezu zeitgleich mit "En Marche!" entstandene Bürgerbewegung "Nuit debout". Zuerst in Paris, dann in vielen französischen Städten, versammelten sich allabendlich Menschen auf den zentralen Plätzen, um ihre Unzufriedenheit mit der Lage im Land auszudrücken.

Umfrage unter Teilnehmern von "Nuit debout":
Frau: "Wir werden uns Mut machen!"
Mann: "Jeder kann seine Themen einbringen, es gibt hier keine Leitung. Wir reden über Löhne und Gehälter."
Frau: "Wir hinterfragen die politischen Angebote, die es gibt. Ich möchte was machen, aber ich weiß nicht, was ich machen soll, ohne Politik zu machen!"
Andere Frau: "Ich frage mich: Wie erreicht man die Leute, die jetzt nicht einen täglichen Kampf zu bestehen haben, aber trotzdem die Nase voll haben von dem System und die den Kopf hängen lassen – wie kriegt man die auch hierher?"

Beraten von einem Pariser Start-up Unternehmen

Mit Macrons Bewegung hatte "Nuit debout" nichts zu tun, ganz im Gegenteil, er wurde als "liberal" angesehen, galt somit mehr als Teil des Problems. Aber Macron registrierte den Verdruss, der in den "Nuit debout"-Abenden laut wurde, sehr genau – und begann einen strategischen Wahlkampf, wie es ihn in Frankreich noch nicht gegeben hatte. Beraten von einem Pariser Start-up Unternehmen zur "Optimierung von Wahlkämpfen", zogen Macron und rund 4000 online registrierte Freiwillige wochenlang auf repräsentativen Routen durch Städte und ländliche Gebiete. Sie gingen von Tür zu Tür und stellten einfache Fragen: Was gefällt Ihnen nicht an Frankreich? Wovor haben Sie Angst? Was müsste geschehen, damit es in Ihren Augen besser wird?

Rund 100.000 Gespräche wurden so geführt: ein Stimmungsbild des Landes entstand, daraus wurde - das Wahlprogramm Macrons. Seine Anhänger kommen aus den verschiedensten Milieus: Sie hoffen auf die versprochene "demokratische Revolution". Die "Leere des politischen Systems" will Macron überwinden, will die Hälfte seiner Regierung mit Bewerbern aus dem Volk besetzen, auch für die Parlamentswahlen im Juni sucht Macron Kandidatinnen und Kandidaten. Ein erster Schritt zur "demokratischen Erneuerung" ist schon bei seinen Wahlveranstaltungen zu erleben.

"Guten Tag!", sagt eine junge Frau, die leicht verlegen und etwas ungelenk auf der großen Bühne einer riesigen Messehalle von Marseille steht. "Ich heiße Corinne. Corinne Versiny, ich werde Sie durch diese Veranstaltung führen. Die meisten von Ihnen werden mich nicht kennen - und wissen Sie was? Das ist normal! Ich habe noch nie etwas in der Politik gemacht - wie die meisten von Ihnen, wie Tausende von Menschen, die heute Emmanuel Macron folgen!"

An die 250.000 Franzosen sind inzwischen "en marche". Organisiert in landesweiten Netzwerken, in über 3000 lokalen Komitees, haben sie bisher über 30.000 Wahlveranstaltungen organisiert, in sehr kleinem und in sehr großem Rahmen. Und immer stellt sich Emmanuel Macron bei seinen Auftritten - mit erheblichem Pathos - als Teil dieser Bewegung dar:

"Ich habe Nein gesagt. Ich habe mehrere Male Nein gesagt! Ich habe Nein gesagt! Ich habe die Regierung verlassen. Ich habe mein öffentliches Amt aufgegeben, um das Risiko einzugehen, um es zu wagen - mit Euch! Weil Ihr da wart! Weil Ihr es wolltet! Wer gibt mir denn die Kraft? Etwa die, die seit mehr als 30 Jahren in diesem politischen Leben baden?"

"Ich bin der Erbe Eurer Energie"

Macron ist ein versierter Rhetoriker, der hier Ursache und Wirkung einfach vertauscht. Denn tatsächlich war es ja nicht so, dass eine Volksmenge von Macron verlangt hätte, sein Amt aufzugeben, sondern umgekehrt trat Macron zurück, um danach die Massen aufzurufen, seiner Bewegung beizutreten. Auch sein dreifaches "Ich habe Nein gesagt!" ist aufschlussreich: Macron tut alles nur Denkbare, um den Bruch mit der Regierungspolitik Francois Hollandes hervorzuheben – als Antwort auf die oft erhobenen Vorwürfe, mit seinem Programm würde er das "Erbe" dieser Präsidentschaft antreten.

Macron:" Ich bin der Erbe von gar nichts. Ich bin der Erbe von Euch. Ich bin der Erbe Eures Vertrauens. Ich bin der Erbe Eurer Energie. Eurem Drang! Unserer Zukunft! Und nichts anderes!"

Mit seiner Art kommt Macron nicht bei allen an:

Mann: "Er geht nicht auf den Grund der Dinge, mir ist das alles viel zu oberflächlich."
Frau: "Zu vielen Themen hat er überhaupt keine konkreten Ideen, nur schöne Versprechungen!"
Mann: "Das ist nur Leere!
Das ist nur Wind, was er macht, er spielt alles über die Emotion."

"Es wird schlechte Neuigkeiten geben"

Für seinen Stil wird Macron immer wieder kritisiert: Wie ein Evangelist trete er auf, wie ein Guru, programmatisch sei er unscharf. Letzteres bezieht sich auf scheinbar widersprüchliche Aussagen Macrons: der etwa bei Unternehmerverbänden über die "Befreiung" der Wirtschaft von staatlicher Bürokratie und starren Arbeitsregelungen spricht, und vor Arbeitnehmern vehement für die Beibehaltung ihrer elementaren Rechte eintritt.

Man darf solche Aussagen der Wahlkampfrhetorik zuschreiben, Macron weiß genau, dass die Franzosen Reformen zwar herbeisehnen, konkrete Vorschläge indes gerne sofort ablehnen. Entsprechend vorsichtig geht Macron mit dem Thema um:

"Ich akzeptiere nicht, wenn einer nicht sehen will, dass es eine Moderne gibt – und Reformen vorschlägt, die für eine Gesellschaft von gestern sind. Aber ich akzeptiere auch nicht, wenn einer in der Zukunft nichts als Risiken und Bedrohungen sieht und sagt, man müsste etwa Roboterarbeit besteuern, weil es sowas bei uns kaum gibt. Und sagt, alles was auf uns zukommt, ist schlecht. Ja, es wird schlechte Neuigkeiten geben. Es wird nötig sein, dass Arbeitsplätze verschwinden - so wie es keine Lampenanzünder, Kutscher oder Wasserträger mehr gibt."

Macrons Programm sieht marktliberale Reformen, steuerliche Entlastung der Unternehmen und mehr Wettbewerb vor sowie weitere Einschränkungen bei der 35-Stunden-Woche. Das Berufsbeamtentum soll teilweise zur Disposition gestellt, die im europäischen Vergleich weit überdurchschnittliche Fürsorglichkeit des Staats zurückgefahren werden. 60 Milliarden Euro will Macron an Staatsausgaben sparen, um die Neuverschuldung des Staats unter die 3-Prozent-Marke zu bringen, dafür sollen 120.000 Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen und 10 Milliarden Euro bei den lokalen Behörden gespart werden, weitere 10 Milliarden Euro bei der Arbeitslosenversicherung, 15 Milliarden Euro bei der Krankenversicherung.

Im Gegenzug will Macron 15 Milliarden Euro in Ausbildungen investieren, die Grundschulen etwa sollen zugunsten kleinerer Klassen finanziell wesentlich besser gestellt werden. 15 Milliarden sind für den Ausbau erneuerbarer Energien vorgesehen. 10.000 neue Polizistenstellen soll es geben, 15.000 neue Gefängnisplätze - in Sicherheitsfragen gibt sich Macron kompromisslos. In einem unterscheidet sich Macron von allen anderen Kandidaten.

"Wir sind Patrioten, weil wir kein abgeschottetes Frankreich lieben - wir lieben ein starkes Frankreich, ein Frankreich der Hoffnung – in Europa!"

Leidenschaftlicher Europäer

Macron ist ein leidenschaftlicher Europäer. Er sucht die Nähe Deutschlands, ist für eine gemeinsame Energiepolitik, eine weiterentwickelte gemeinsame Verteidigungspolitik unter einheitlichem Kommando. Für die Euro-Zone stellt er sich, verwaltet durch ihre Finanz- und Wirtschaftsminister, ein eigenes Budget vor. Solche Weltoffenheit sieht er auch als einzig möglichen Weg für Frankreich an - und auch darin unterscheidet er sich von allen anderen.

"Wenn ich auf Marseille schaue, sehe ich eine französische Stadt – geprägt durch eine 2000-jährige Geschichte der Einwanderung. Ich sehe Armenier, Komorer, Italiener, Algerier, Marokkaner, Tunesier, Senegalesen, Mali ist vertreten und die Elfenbeinküste - aber: was sehe ich? Ich sehe Bürger von Marseille! Ich sehe Franzosen!"

Ihre Zeit sei gekommen, ruft Emmanuel Macron der jubelnden Menge zu, und ihr Wille sei "en marche!" - und vielleicht hat er ja recht damit. Macron als Staatspräsident Frankreichs? Die Erwartungen wären riesig.

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