Seit 15:30 Uhr Tonart
 

Donnerstag, 18.01.2018

Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.04.2015

"Elser" von Oliver HirschbiegelVom entsetzten jungen Mann zum Hitler-Attentäter

Von Hans-Ulrich Pönack

Podcast abonnieren
Burghart Klaußner (l) als Arthur Nebe und Johann von Bülow (M) als Heinrich Müller drängen Christian Friedel als Georg Elser in einer Szene des Kinofilms "Elser" ein Verhörprotokoll zu unterzeichnen. (dpa / picture alliance / Schuller Lucky Bird Pictures)
Burghart Klaußner (l) als Arthur Nebe und Johann von Bülow (M) als Heinrich Müller drängen Christian Friedel als Georg Elser in einer Szene des Kinofilms "Elser" ein Verhörprotokoll zu unterzeichnen. (dpa / picture alliance / Schuller Lucky Bird Pictures)

"Er hätte die Welt verändert": Der Zusatztitel von "Elser" bezieht sich auf das misslungene Attentat des Schreiners Georg Elser auf Adolf Hitler 1939. Der Film geht unter die Haut, weil er nicht mit Klischee-Nazis und einem schlichten Gut-Böse-Schema hantiert, sondern die Personen differenziert porträtiert.

Zum ersten Mal hörte ich 1989 von ihm - anlässlich der Produktion zum in englischer Sprache produzierten deutschen Film "Georg Elser – Einer aus Deutschland" mit Klaus Maria Brandauer als Hauptdarsteller und Regisseur. Traurig und wütend war ich damals, vorher noch nie über den Mann gehört zu haben, der maßgeblich zur deutschen Nazi-Historie mit dazugehört. Jetzt rüttelt ein neuer deutscher Film am Gedenken an Georg Elser. Der Zusatztitel diesmal: "Er hätte die Welt verändert".

Wie hätte die Welt wohl ausgesehen, wenn der Schreiner Georg Elser, geboren am 4. Januar 1903 im württembergischen Hermaringen, im schwäbischen Königsbronn lebend, mit seinem Vorhaben Erfolg gehabt hätte. Wenn seine Bombe, die er im Münchner Bürgerbräukeller installierte und auf 21.20 Uhr einstellte, am Mittwoch, den 8. November 1939 tatsächlich den vernichtet hätte, für den sie gedacht war. Doch Hitler hatte die Stätte bereits verlassen, als die Bombe explodierte und acht Menschen den Tod kostete.

"Elser" ist ein Film der zwei Zeit-Sprünge. Erstens: die Ausführung des Attentats; seine schnelle Ergreifung. Zweitens: zurück ins Jahr 1932. Elsers emotionale Sturm- und Drangzeit; die einfachen Verhältnisse im Elternhaus, das Sommerbad im Bodensee, seine unglückliche Beziehung zur verheirateten Elsa (Katharina Schüttler), politische Hoffnungskeime durch das Sympathisieren mit kommunistischen Querköpfen. Und rundherum die gesellschaftlichen Veränderungen. Aus Nachbarn werden Gegner. Kleine Kinder entwickeln sich zum gut "trainierten" höhnischen Mob: Der ganz gewöhnliche Faschismus in Bewegung. Elser wird immer wieder verhört, gefoltert. Man kann und will sich nicht vorstellen, dass er Einzeltäter war.

Bedenkenswerter "Unterhaltungsfilm"

"Elser", der neue Film, geht in seiner Emotionalität unter die Haut, weil Oliver Hirschbiegel nicht mit Klischee-Nazis hantiert und einem läppischen Gut-Böse-Duell mit bekanntem Ausgang, sondern behutsam die Personen differenziert porträtiert: Der entsetzte jungen Mann, die brutalen hohen Herrschaften, die die Macht besitzen. Und ihren "Job" ausüben. Burghart Klaußner, einer unser besten "Nebendarsteller" ("Das weiße Band"; "Goethe!"), besitzt als Kripo-Chef Nebe spürbar innere Zweifel und drückt dies phänomenal in simplen Gesten, Blicken und Kleinstbewegungen aus, während Johann von Bülow ("Im Labyrinth des Schweigens") als SS-Müller mit cholerischen Gewaltausbrüchen den primitiven Uniform-Menschen darstellt. Zwei erstklassige Stichwortgeber für ihn:

Christian Friedel. Dem 34-jährigen Magdeburger Schauspieler ("Amour Fou"; "Russendisko") gelingt als Georg Elser die Balance zwischen jungenhafter Unschuld und aufwachendem Untertan meisterhaft, indem er seinen Elser nicht zum Helden dirigiert, sondern zum normalen Denker und vorausschauenden Zeitgenossen. Er ist jemand, der seine "Heimat" als bedroht empfindet und sich zum Handeln verpflichtet fühlt: "Ich war ein freier Mensch. Wenn der Mensch nicht frei ist, stirbt alles".

Der 57-jährige Hamburger Regisseur Oliver Hirschbiegel - mit "Das Experiment" (2001) und "Der Untergang" (2004/mit dem unvergesslichen "Bruno Ganz-Hitler") in bester Film-Erinnerung, zuletzt mit "Diana" (2013), leider voll daneben - hat einen bedenkenswerten, beeindruckenden "Unterhaltungsfilm" geschaffen, der auch für das Schulkino von erheblichem Interesse sein sollte. 

 

"Elser"
Regie: Oliver Hirschbiegel
Deutschland 2014, 110 Minuten
Mehr zum Thema:

"Elser - 13 Minutes" - Denkmal für den Hitler-Attentäter
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 12.02.2015)

"Absolut geglückt und von einsamer Größe"(Deutschlandradio Kultur, Thema, 08.11.2011)

Attentäter aus Gewissensgründen
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 08.11.2011)

Psychogramm eines "einfachen Mannes"
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 25.11.2009)

Held ohne Hintermänner
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 08.11.2009)

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Fazit

Mode und Design für blinde MenschenKleidung, die man hören kann
Reiner Delgado (picture alliance/dpa/Foto: Bernd von Jutrczenka)

Das Projekt "Beyond Seeing" befasst sich mit der Frage, wie Kleidung jenseits des Sehsinns wahrgenommen werden kann. Die Ergebnisse werden in einer Ausstellung im WIP Villette in Paris anlässlich der Fashion Week präsentiert. Valentin Mogg, Absolvent der Mode-Hochschule Esmod, war daran beteiligt.Mehr

Aus den FeuilletonsWas Marx als Faselei brandmarkte
Der deutsche Philosoph, Schriftsteller und Politiker Karl Marx in einer Aquatinta-Radierung von Werner Ruhner "Karl Marx in seinem Arbeitszimmer in London". Marx verfasste 1848 zusammen mit Friedrich Engels das "Kommunistische Manifest". Er ist der Begründer des modernen dialektisch-materialistischen Sozialismus, des Marxismus, aus dem heraus sich die Sozialdemokratie und der Kommunismus entwickelt haben. Marx wurde am 5. Main 1818 in Trier geboren und starb am 14. März 1883 in London. (picture alliance / dpa)

Der Niedergang des Wortes "alternativ" beschäftigt die Feuilletons: Warum nur ist das harmlose kleine Wort schon wieder Bestandteil eine "Unwortes des Jahres" geworden? Ebenso werfen die Zeitungen einen Blick auf Karl Marx' Formulierkunst und sein Verhältnis zu den Sozialdemokraten. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur