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Samstag, 16.12.2017

Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.06.2017

Elfriede Jelineks "Wut" in der Frauenkirche in DresdenEin neuer Blick auf Jelineks Theatralik

Von Bernhard Doppler

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Szene aus Elfriede Jelineks "Wut" in der Aufführung des Staatsschauspiels Dresden (Matthias Horn / Staatsschauspiel Dresden)
Elfriede Jelineks "Wut" als liturgisches Ritual - eine einmalige Aufführung in der Dresdner Frauenkirche. (Matthias Horn / Staatsschauspiel Dresden)

Das Dresdner Staatsschauspiel lässt Elfriede Jelineks "Wut" auf ein Fragment von Richard Wagner treffen. Daraus entsteht eine vielgestaltige Orchesterperformance in der Frauenkirche. Der Computer komponiert dazu, das Publikum betet mit.

Diesmal ist Elfriede Jelineks oft gespielter Text "Wut", geschrieben nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo, kein Theaterabend, sondern geistliches Konzert, ja liturgisches Ritual, eine Messe in einer Kirche. 24 Schauspieler, alle in blauen priesterlichen Kitteln, ausgerüstet mit schwarzen Messbüchern  – auch der Dirigent und Leiter des Abends: Christian von Borries. Sie beten, predigen versammeln sich zum Chorgesang.

Als Gebet, als scharfe Predigt, als Lesung aus religiösen Schriften, dann wieder als frommes "In-sich-Gehen" und Andacht erscheint Jelineks Text, auch als Ermahnung an die Gemeinde. Und auch dort wird mitgebetet, denn auf den Kirchenbänken ist unter die Zuschauer der Dresdner Bürgerchor gemischt, der immer wieder zum Einsatz kommt. Schließlich werden allgemein Gebetszettel mit einem "Psalm" verteilt: "Ich sage wir, aber ich bin es nicht."

Mehr Jelinek als Wagner

Dass wie angekündigt, auch Richard Wagners dichterischer Entwurf "Jesus von Nazareth" aus den Dresdner Revolutionsjahren 1848/49 zur Aufführung kommt – übrigens eine scharfe antisemitische Kapitalismuskritik Wagners - wird allerdings so gut wie nicht eingelöst. Es bleibt fast ausschließlich bei Jelinek. Unterstrichen ist natürlich die politische-religiöse Komponente.

Elfriede Jelineks "Wut" in der Aufführung des Staatsschauspiels Dresden (Matthias Horn / Staatsschauspiel Dresden)Elfriede Jelineks "Wut" in der Aufführung des Staatsschauspiels Dresden (Matthias Horn / Staatsschauspiel Dresden)

Wobei die Texte natürlich nicht politisch korrekt oder einer bestimmten Konfession zuzuordnen sind, im Gegenteil! Gott wird in "heiliger Wut" von Neonazis, Stammtischen, und natürlich auch Terroristen, ja gerade von ihnen auch, instrumentalisiert.

Komposition aus dem Computer

Eine Verbindung von Elfriede Jelinek zu Richard Wagners Werk besteht freilich schon immer, etwa in ihrem NSU-Text "Rein-Gold", der in der Berliner Staatsoper zusammen mit der Staatskapelle uraufgeführt wurde. Allerdings ist die Partitur diesmal nicht Original-Wagner, sondern programmiert, eine von "Künstlicher Intelligenz" aus Wagner, Bach, Mendelsohn-Bartholdy und Militärmusik zusammengesetzte Neu-Komposition.

Sie klingt fremd und nah zugleich, und wird von den Dresdner Sinfonikern eindrucksvoll live umgesetzt. Wenn Computer nämlich trainiert werden zu komponieren, setzen sie keine Schwerpunkte, sie filtern nicht, wie sonst in der Wahrnehmung üblich. Musikalisch entsteht damit eine Ästhetik der Gleichgewichtung.

Eine neue Sicht auf Jelineks Theatralik

Elfriede Jelineks Texten kommt diese Musik verblüffend nahe. Was ist Zitat, was Verfremdung, was unfreiwillige Parodie? Auch Jelineks Texte und Metaphernflut  erscheinen ja oft wie von einer Sprachmaschine generiert, wie ohne Filter und Begrenzung, auch wenn sie noch so kontroverse politische Szenerien einfängt. In der Tat eine neue Sicht auf Jelineks Theatralik.

Die Autorin des Stücks, Elfriede Jelinek (APA / EPA FILE)Die Autorin des Stücks, Elfriede Jelinek (APA / EPA FILE)

Zum singulären Ereignis wird die Dresdener"Theatermesse" allerdings nicht nur, weil es lediglich eine Aufführung und keine Wiederholung gibt, sondern vor allem durch den Ort, in dem "Wut" erschallt: Die barocke Frauenkirche, ein Ort voll von Geschichte und Politik, vielleicht sogar der politisch umstrittenste sakrale Raum Deutschlands.

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