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Buchkritik | Beitrag vom 30.01.2018

Elena Ferrante: "Die Geschichte des verlorenen Kindes"Beziehungen in allen Schattierungen

Von Maike Albath

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Buchcover "Die Geschichte des verlorenen Kindes", im Hintergrund ein Blick über die Stadt und den Golf von Neapel (Suhrkamp Verlag / dpa / Udo Bernhart)
Buchcover "Die Geschichte des verlorenen Kindes", im Hintergrund ein Blick über die Stadt und den Golf von Neapel (Suhrkamp Verlag / dpa / Udo Bernhart)

Irrationales Begehren und überraschende Wendungen: In "Die Geschichte des verlorenen Kindes" bleibt die Lage der Heldin Lenù prekär. Der letzte Teil von Elena Ferrantes Romanserie handelt auch davon, wie rasch im Umgang miteinander Gewalt ausbrechen kann.

Finalmente – der vierte und letzte Band von Elena Ferrantes Romanserie über das neapolitanische Freundinnengespann ist da. Und wieder gerät man in einen Sog, lässt sich über die glänzend gebauten Kurzkapitel hineinziehen in die Geschicke der jungen Frauen in den 1970er-Jahren, erlebt Coups und überraschende Wendungen, hat teil an den komplizierten Beziehungen zu ihren Kindern, Müttern, Ehemännern, Ex-Ehemännern und Geliebten, an Umzügen von Florenz über Genua nach Neapel und von dort nach Turin, an dem sich wandelnden Alltag in Italien zwischen linksextremistischer Radikalisierung in den Fabriken und erstickender Stagnation in den alteingesessenen Institutionen.

Krude Unterströmungen von familiären Bindungen

Obwohl sich die Heldin Lenù als Autorin, Intellektuelle und politisch denkende Frau einen bestimmten Status erkämpft hat, bleibt ihre Lage prekär. Aller Scharfsinn, den sie sonst an den Tag legt, nützt nichts, wenn der Verführungskünstler Nino ins Spiel kommt, inzwischen Professor und Leiter eines Forschungsinstituts. Was das analytische Vermögen angeht, ist Lila mit ihrer wilden Intelligenz der Kindheitsfreundin Lenù immer noch überlegen. Sie, die sich nie aus Neapel fortbewegt hat, kennt die Mechanismen der Stadt.

Eine brutale Archaik kann in jedem Moment hervorbrechen. "Die Geschichte des verlorenen Kindes", wie der Titel bedrohlich lautet, handelt auch davon: Wie krude die Unterströmungen von familiären Bindungen sind, wie harsch der Umgang miteinander ist, wie rasch es zu Gewalt kommt, wenn man die Regeln missachtet – und zum Beispiel nicht bei dem Mann bleibt, den man zuvor geheiratet hatte oder die Machtverhältnisse in einem Stadtviertel durch Eigeninitiative in Frage stellt. Mit biblischer Unerbittlichkeit – Auge um Auge – wird unangemessenes Verhalten sanktioniert.

Ambivalenz von Mutterschaft als Thema

Auch die Ambivalenz von Mutterschaft ist ein großes Thema, ebenso wie das Irrationale des Begehrens. So schmissig der Roman daher kommt und so schlicht und zugänglich auch die Sprache in manchen Momenten wirken mag, man sollte Ferrante nicht unterschätzen. Vor allem die perspektivische Gestaltung hat es in sich: Innenschau der Ich-Erzählerin Lenù und Figurenrede changieren, die Grenze des Bewusstseins scheint oft nicht genau markiert. Die Übersetzerin Karin Krieger bewältigt die Herausforderungen, die damit einhergehen, glänzend. Wie eine Sprachbildhauerin arbeitet sie die verschiedenen Ebenen heraus und vermittelt den wechselnden Rhythmus und die Abtönungen der Blickwinkel.

Man könnte die Tetralogie als eine Ausformung – oder Inszenierung – des weiblichen Blicks auf die Welt deuten, denn es geht vor allem um Beziehungen. Keine Entwicklungsgeschichte, bei der sich ein junger Mann an allen möglichen Prüfungen abarbeitet, Hindernisse bewältigt und schließlich heranreift und alles nach seinen Vorstellungen gestaltet. Nicht das männliche Modell von Hybris und Nemesis, von Kampf und Beherrschung, Sieg und Niederlage, Aufstieg und Fall.

Stattdessen ist bei Lenù der Zugriff auf die Welt immer durch Beziehungen bestimmt. Welche Schattierungen diese gewinnen können, ist für Elena Ferrante ein unerschöpfliches Thema.

Elena Ferrante: "Die Geschichte des verlorenen Kindes"
Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
616 Seiten, 25 Euro

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