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Im Gespräch | Beitrag vom 03.02.2018

EinsamkeitWenn Alleinsein zum Problem wird

Moderation: Matthias Hanselmann

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Ein Mann auf einem Steinweg (Unsplash / Julian Laurent)
Millionen Menschen in Deutschland fühlen sich einsam und allein gelassen - eine echte Volkskrankheit. Und ansteckend ist sie außerdem. (Unsplash / Julian Laurent)

In Deutschland fühlen sich Millionen Menschen einsam. Die Gesundheitspsychologin Sonia Lippke und Jochen Gollbach, Leiter der Berliner FreiwilligenAgentur, diskutieren mit Matthias Hanselmann darüber, woher das kommt und was wir tun können.

Großbritannien hat seit Kurzem eine "Ministerin gegen Einsamkeit". "Einsamkeit ist die traurige Realität des modernen Lebens", sagt die britische Premierministerin Theresa May. Die Zahlen sprechen für sich: Mehr als 9 Millionen der insgesamt 66 Millionen Briten sagen, dass sie sich immer oder häufig einsam fühlen. In Deutschland sieht es ähnlich aus: Fast 10 Millionen – so eine Befragung des Hamburger Marktforschungsinstituts Splendid Research aus dem Frühjahr 2017 –fühlen sich hierzulande häufig allein und verlassen. Jeder Fünfte ab 85 Jahren klagt darüber - aber auch immer mehr Jüngere sind betroffen.

"Einsamkeit ist ansteckend", sagt Prof. Dr. Sonia Lippke, Professorin für Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin an der Jacobs University Bremen. Ein trauriger Gesichtsausdruck, die klagende Tonlage beim Sprechen, gekrümmte Körperhaltung – sie alle wirkten auch auf andere. Menschen, die sich einsam fühlen, fühlten sich oft nicht verstanden, ihnen fehle die Resonanz mit anderen. Und die höchste Form der Resonanz sei Glück. Und: "Einsamkeit ist die Gegenseite von Glück."

Einsamkeit hängt auch von der Möglichkeit der Teilhabe ab

Die Medizinerin, die gerade ein Buch über die Einsamkeit schreibt, sieht sie auch als ein drängendes gesellschaftliches Problem: "Weil unsere sozialen Netzwerke Gefahr laufen, aufgelöst zu werden." Hier sei jeder Einzelne, die Gesellschaft und auch die Politik gefordert. "Einsamkeit haben wir überall in der Bevölkerung – sie hängt auch stark von der Möglichkeit der Teilhabe ab. (…) Es ist auch eine Frage von Gesetzen, von Stadtplanung, von Verfügbarkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln." Orte und Stadteile würden immer mehr abgehängt; es drehe sich gesellschaftlich viel zu sehr ums Geld. "Wenn man nur noch auf Arbeit und Erfolg fokussiert ist, dann muss man sich nicht wundern, wenn es mehr Einsame gibt. Das hat die Politik verpasst."

"Man muss nicht allein zu Hause sitzen"

"Unsere Gesellschaft ist darauf aufgebaut, dass wir Dinge zusammen tun. Das ist eine Grundbedingung von Menschsein", sagt Dr. Jochen Gollbach, Leiter der FreiwilligenAgentur im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Sein Team berät und unterstützt Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten, sei es in der Alten– oder Flüchtlingshilfe, in der Nachbarschaft, im Sportverein oder in der Kultur. Der Sozialwissenschaftler bemerkt auch in seinem Umfeld eine steigende Vereinsamung; es fehlten Orte der Begegnung. "Die Leute werden älter, die Kinder sind aus dem Haus, dann ist vielleicht der Partner verstorben. Die hocken in Riesenbuden und wissen nicht, was sie anstellen sollen." Er sieht seine Aufgabe darin, sie aus der Isolation zu holen: "Es gibt Möglichkeiten; man muss nicht allein zu Hause sitzen."

Einsamkeit – Wenn Alleinsein zum Problem wird
Darüber diskutiert Matthias Hanselmann heute von 9.05 Uhr bis 11 Uhr mit Sonia Lippke und Jochen Gollbach. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen und Fragen stellen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de – sowie auf Facebook und Twitter.

Informationen im Internet:
Über Prof. Dr. Sonia Lippke
Über Dr. Jochen Gollbach
Über die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa) e.V.

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