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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.02.2012

Eine vierstimmige Erinnerung an die Jugendzeit

Patrick Modiano: "Im Café der verlorenen Jugend", Hanser Verlag, München 2012, 158 Seiten

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Paris, Stadt für Träume - Stadt der Liebe. (AP)
Paris, Stadt für Träume - Stadt der Liebe. (AP)

Auf eine melancholische Reise in die Vergangenheit, ins Paris der 1960er-Jahre, nimmt Patrick Modiano in seinem Buch "Im Café der verlorenen Jugend" mit. Vier verschiedene Stimmen erzählen die Geschichte einer jungen Frau und langsam fügt sich ein Bild zusammen.

Das titelgebende Café ist das Zentrum der Geschichte, die der französische Autor in seinem 2007 publizierten Roman erzählt. Hier treffen sich junge Leute, die noch keine Vergangenheit haben, die allein in der Gegenwart leben, die von Kunst träumen und der Literatur verfallen sind, die unablässig miteinander reden und keine Verpflichtungen eingehen. Eine undurchsichtige junge Frau steht im Mittelpunkt: "Wenn man jemanden wirklich liebt, muss man seine geheimnisvolle Seite akzeptieren."

Im Mittelpunkt steht die Erinnerung an eine Liebe und an die Stadt, an jenes Paris, in dem ein Buchladen auch um Mitternacht eine Zuflucht war und der Buchhändler stets selber las. Man wohnte in heruntergekommenen billigen Hotels, kaufte in kleinen Läden ein und mied das ärmliche Viertel, in dem man als Kind gelebt hatte:

"Doch wozu darüber reden, dieses Arrondissement existiert heute nur noch für Leute, die Luxusläden führen, und für reiche Ausländer, die sich Wohnungen kaufen."

Vor allem aber geht es in dieser wehmütigen Geschichte um die Frage nach dem Gedächtnis: Woran erinnert man sich und warum? Wie kann man mit all den schwarzen Löchern leben, in denen so viele wichtige Augenblicke für immer verschwunden sind? Bereits in Patrick Modianos Debütroman (La Place de L'Etoile von 1968) findet man den Satz: "Das alles, das war unsere Jugend, der helle Morgen, den wir niemals wiederfinden werden.”

Dieser Roman ist eine Spurensuche. Wie war das in der Jugend, an welche Menschen, welche Gespräche erinnert man sich Jahrzehnte später noch? Vier verschiedene Stimmen umkreisen die Jahre im Café Condé. Dort tauchte plötzlich eine junge Frau auf, sie gewann Freunde und eine Liebe. Jeder Erzähler fügt dem Bild eine neue Perspektive hinzu. So entsteht langsam das - nie vollendete oder vollständige - Porträt jener jungen Frau, die früh schon eine Ausreißerin war, die beinahe ohne eigenes Zutun erst in einer unfrohen Ehe und dann in einer leidenschaftlichen Liebe landet. Sie hätten eine Zukunft haben können: Die Frau und die Liebe, aber neben den Büchern und den Gesprächen, den Hoffnungen und Schreibversuchen, gibt es auch Gefahren und Depressionen und Drogen. Auch das gehörte zur Jugend.

Patrick Modiano hat ein wunderbares Buch über die verlorene Jugendzeit geschrieben, über jene Jahre, die endlos schienen und dann plötzlich vorbei waren, ohne dass man es recht gemerkt hat. Es bleiben unwiederholbare Gefühle und Sehnsüchte und manchmal auch Wunden, die fürs ganze Leben schmerzen.

Man liest diese Recherche wie man einen Blues hört: Man wird gefangen genommen vom traurig schönen Rhythmus, von den Empfindungen - und nicht zuletzt von den Pariser Impressionen, den Straßen und Metrostationen, den Plätzen und vor allem jenem Café Condé. Menschen tauchen auf und verschwinden wieder. Das war die Jugend. Sie ist ebenso unauffindbar wie das Café, das vor langer Zeit schon geschlossen wurde.

Besprochen von Manuela Reichart

Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend
Aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Hanser Verlag, München 2012
158 Seiten, 16,90 Euro

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