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Lesart / Archiv | Beitrag vom 13.11.2011

Eine tiefgründige Intuition

E.M. Cioran: "Über Deutschland" und "Lehre vom Zerfall"

Von Erik von Grawert-May

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Joseph Goebbels während einer Ansprache im Berliner Lustgarten, August 1934 (AP)
Joseph Goebbels während einer Ansprache im Berliner Lustgarten, August 1934 (AP)

Emil M. Cioran war ein Pessimist und gilt als einer der größten Stilisten der französischen Sprache im 20. Jahrhundert. Aus den Texten des jungen Philosophen aus Rumänien erfährt man etwas über das Faszinations- und Projektionspotenzial des Nationalsozialismus.

Ciorans Weste hat zwar einen braunen Fleck, aber erstens hat er später diesen Fleck entfernt und zweitens stand er der braunen Geschichte von Anfang an so distanziert gegenüber, dass er trotz seiner Verwicklung deren Verworfenheit erkannte. In Aufsätzen aus den Jahren 1933/34 ist beides zu sehen. Einerseits sympathisiert er offen mit dem Nationalsozialismus:

"Wenn mir etwas an den Anhängern Hitlers gefällt, so ist es der Kult des Irrationalen, die Verherrlichung der Lebenskraft als solcher, ( ... ) ohne kritischen Geist, ohne Vorbehalte und ohne Beherrschung ( ... ) Es gibt keinen Politiker in der heutigen Welt, der mir größere Sympathie einflößt als Hitler."

Fast im gleichen Atemzug jedoch sieht er klar das Verhängnis voraus:

"Die Geschichte hält eine Tragödie für uns bereit, von der sehr viel mehr Menschen eine Vorahnung haben als man gemeinhin glaubt."

Buchcover "Lehre vom Zerfall" von Cioran (Klett-Cotta Verlag)Buchcover "Lehre vom Zerfall" von Cioran (Klett-Cotta Verlag)Die "Lehre vom Zerfall" kam 1949 in Frankreich heraus. Es ist das erste auf Französisch geschriebene Buch des Autors, der 1937 aus Bukarest nach Paris geflohen war und dort bis zu seinem Tod 1995 lebte. Ein damaliger Leser, der zunächst nur nach dem Titel urteilte, hatte es für ein Chemie-Lehrbuch gehalten.

Das ist auf den ersten Blick nicht schlecht. Cioran ist zwar kein Chemiker, aber er ist ein Alchimist, der die verstreutesten Stoffe miteinander verbindet und sie stets mit einer verblüffenden Pointe versieht. Nichts von dem, was er kühn, mit nietzscheanischer Attitüde behauptet, wird nachgewiesen, schon gar nicht wissenschaftlich. Doch alles ist durchwirkt von einer tiefgründigen Intuition, an die keine wissenschaftlich begründete Aussage je heranreichen würde.

Der Pointenreichtum nimmt mit dem Wechsel vom Rumänischen ins Französische noch zu, da Cioran durch diese sehr dem Rationalen zugewandte romanische Sprache zu einer weiteren Präzision seiner Ansichten gezwungen wurde. Während die Aufsätze über Deutschland in Form von kurzen Essays geschrieben sind, besteht das "Lehrbuch" nur noch aus Fragmenten.

Buchcover "Über Deutschland" von Cioran (Suhrkamp Verlag)Buchcover "Über Deutschland" von Cioran (Suhrkamp Verlag)Cioran leugnet jeglichen Gedanken an Kontinuität. Alles ist fragmentarisch, alles wird von ihm dekomponiert, alles zerfällt - die Realität: ein Scherbenhaufen. Er schwört sich selber ab und sieht im Fanatismus, ob politisch oder religiös motiviert, die größte Gefahr. Die Geschichte des Menschen verläuft für ihn immer schicksalhaft und immer negativ. Nicht nur die totalitäre. An der gegenteiligen Auffassung sei Hegel schuld:

"Hegel ist der große Verschulder des modernen Optimismus. Wie konnte er nur übersehen, dass das Bewusstsein bloß seine Formen und Weisen wechselt, aber keineswegs fortschreitet? Das Werden schließt eine absolute Vollendung, ein Ziel aus: Das Abenteuer der Zeit rollt ohne jede außerhalb seiner selbst liegende Zielsetzung ab und wird zu Ende gehen, wenn seine Möglichkeiten, sich fortzusetzen, erschöpft sind."

In Frankreich vergleicht man Cioran mit den scharfzüngigen Moralisten des 18. Jahrhunderts, auch wegen seiner sprachlichen Finesse. Seine Prosa ist keine reine Prosa, sie ist wie von einem Schmelz überzogen. Ingrid Astier, die Herausgeberin seiner "Exercices négatifs", einem Spaltprodukt der Zerfallslehre, spricht vom "lyrisme de la négation".

Obwohl sein Skeptizismus so allumfassend ist und seine Negativität so abgrundtief, dass sie einen anstecken könnte, kann man sie wegen der lyrischen Ausdruckskraft und ihres fragmentarischen Charakters fast wie poetische Petits Fours verschlingen. Cioran selbst hat sich durch diese Macht über das Wort vorm Suizid, der eigentlich auf jeder Seite naheliegt, bewahren können.

Wörtlich entstammt der Name des Autors dem substantivierten Adjektiv "Krähenhaft". Diesen Hinweis verdanke ich dem aus Rumänien gebürtigen Mitarbeiter der Berliner Staatsbibliothek, Michael Laub. Ähnlich leiten sich - Cioran befindet sich in bester Gesellschaft - die Namen des Gelehrten Mathias Corvinus und des französischen poète dramatique Pierre Corneille her: Sie sind nach dem "Raben" benannt.

Im übertragenen Sinn heißt "Cioran" "Gauner, Dieb, Spitzbube", auch "Zigeuner". Das passt zu dem Propheten des Zerfalls. Er hat sich zeitlebens als marginalen Menschen verstanden: am Rand stehend und rabenschwarzes Unheil verkündend. Er ist ein Zigeuner der Philosophie, der nicht nur Hegel zerreißt und sich im Übrigen darüber verzweifelt zeigt, in seiner Jugend philosophische Studien betrieben zu haben.

In einem jedoch ist er seinem Namen untreu geworden: Zwar kräht er seine dunklen Weisheiten nur so heraus, aber er tut es im verführerischen Ton eines Singvogels. Die Krähe wird zur Nachtigall. Was Wunder, dass Cioran ein kongeniales Verhältnis zu großen Komponisten hatte:

"Erst seit Beethoven wendet die Musik sich an die Menschen: Vor ihm hielt sie nur mit Gott Zwiesprache. Bei Bach ( ... ) gab es jenes Abgleiten ins Menschliche keineswegs und ebenso wenig jenes falsche Titanentum ( ... ) Bach: Kosmogonisches Dahinschmachten; Tränenstufen, die unser Gottesverlangen emporklimmt; Gefüge unserer Gebrechlichkeit ( ... ); einzige Weise, unterzugehen, ohne zu stürzen, zu schwinden, ohne zu sterben ... Ist es denn zu spät, um ein solches Verlöschen wieder zu lernen? Müssen die Akkorde der Orgel auch weiterhin an unseren Ohnmächten vorbeitönen?"

Da steckt viel Römisches in dem Rumänen Cioran, viel verschüttete Kreuzesliebe. Und Bach als ihr musikalischer Verfechter wird zu einem Komponisten, der den Autor über seine De-Komposition, über den Zerfall, den er in allem sieht, hinwegtröstet. Nebenbei ist in der deutschen Übersetzung eine Glanzleistung Paul Celans zu bewundern, dieses wiederum kongenialen Poeten, der wie Cioran aus Rumänien stammt.

E.M. Cioran: Über Deutschland. Aufsätze aus den Jahren 1931-1937
Herausgegeben, aus dem Rumänischen übersetzt und mit einer Nachbemerkung versehen von Ferdinand Leopold
Suhrkamp, Berlin 2011

und

E.M. Cioran: Lehre vom Zerfall
übertragen von Paul Celan
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2010

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