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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.03.2013

Eine leere und melancholische Welt - als Comic erzählt

Chris Ware: "Jimmy Corrigan - der klügste Junge der Welt", Berlin 2013, 384 Seiten

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Comic-Erfolg von Chris Ware: Jimmy Corrigan - der klügste Junge der Welt (Cover) (Reprodukt Verlag)
Comic-Erfolg von Chris Ware: Jimmy Corrigan - der klügste Junge der Welt (Cover) (Reprodukt Verlag)

Mit so vielen Vorschusslorbeeren ist kaum ein anderes Comic-Buch auf den deutschen Markt gekommen. "Jimmy Corrigan", 2001 in den USA erschienen, ist eine autobiografisch grundierte Geschichte, die die Geschichte eines Mangels erzählt: an Liebe, Verantwortung und Zuwendung.

"Jimmy Corrigan" ist 2001 in den USA erschienen, Chris Ware wurde als "Genie" und sein Buch als "Jahrhundertcomic" oder als "Meilenstein einer ganzen Gattung" gefeiert, es wurde an die Seite von Art Spiegelmanns "Maus" und den "Watchmen" von Alan Moore und Dave Gibbons gestellt. Auch Preise gab es zahlreich für Wares "Corrigan", den American Book Award und den Guardian First Book Award, der erstmals an einen Comic-Autor vergeben wurde.

Der Protagonist dieses Buches, der 36 Jahre alte Jimmy Corrigan, ist ein gebückter, verklemmter, antriebsschwacher Mann ohne soziales Leben, wenn man die täglichen Telefonate mit seiner Mutter beiseitelässt. Bewegung kommt in seinen tristen Alltag, als sich sein Vater zum ersten Mal bei ihm meldet, Jimmy war ohne den Vater aufgewachsen. Er folgt der Einladung, den Vater zu Thanksgiving in einer kleinen Stadt in Michigan zu besuchen.

Eine typische "Jimmy Corrigan"-Szene gibt es am Flughafen, als Vater und Sohn sich zum ersten Mal begegnen. Die beiden Männer reden bzw. schweigen aneinander vorbei, während sich in Jimmys Kopf eine ganz andere Imagination abspielt. Er sieht den Vater im Bett mit seiner Mutter und fantasiert, wie er seinen Erzeuger hinterrücks aufschlitzt und tötet. Solche unkommentierten, fließenden Übergänge zwischen verschiedenen Realitäten und Zeiten sind ein starkes Stilmittel in Chris Wares Buch. Vor allem nutzt er es, um die beiden Enden seiner Familiengeschichte zu verbinden. Zwei Generationen vor Jimmy gab es einen anderen verlassenen Sohn in der Familie, Jimmys Großvater James. Der wurde 1893, mitten im Getümmel der Weltausstellung von Chicago, von seinem Vater stehen gelassen, er hat ihn nie wiedergesehen. Im zweiten Teil des Buches tritt James' Geschichte immer mehr in den Mittelpunkt und spiegelt die Erfahrungen von Jimmy Corrigan.

Chris Ware erzählt eine autobiografsch grundierte Geschichte des Mangels an so gut wie allem: Liebe, Verantwortung, Zuwendung, die Fähigkeit, sich einem Anderen mitzuteilen. Die Welt von Jimmy Corrigan ist leer und melancholisch, wenn nicht deprimierend. Die Farben sind blass, die Gestalten schlicht. Viel gerühmt wurde Chris Wares Seitendramaturgie, seine immer wieder neue Anordnung der Bildsequenzen oder der Leserichtung. Wie ein Gedächtnis, das durch ein Gewirr auftauchender Erinnerungen streift, wandert "Jimmy Corrigan" durch seine sich überlagernden und ablösenden Bilderwelten. Sehr selten erlaubt sich der Autor Anwandlungen von Ironie, wenn er Ausschnittbögen abbildet und dazu launige Erklärungen einstreut.

Auf 380 großformatigen Seiten entwickelt Chris Ware seine grafische Erzählung, sehr langsam, sehr auf den Langmut seiner Leser setzend. Dichter und intensiver wird das Buch erst gegen Ende, wenn die Geschichten von Jimmy und seiner Halbschwester, von ihrem Vater und Großvater ineinanderfließen. Bis dahin hat man viel Muße, um die verblüffenden formalen Einfälle des graphischen Erzählers Chris Ware zu betrachten.

Besprochen von Frank Meyer

Chris Ware: Jimmy Corrigan - der klügste Junge der Welt
übersetzt von Tina Hohl und Heinrich Anders
Reprodukt Verlag, Berlin 2013
384 Seiten, 39,00 Euro

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