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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 24.01.2015

Eine Lange Nacht über Menschen und Musik im Mississippi-DeltaWo der Fluss Geschichten schreibt

Von Michael Groth

B. B. King sitzt auf einer Bühne.  (imago stock & people)
Die Blueslegende B.B. King wurde im Mississippi-Delta geboren. (imago stock & people)

Er ist, gemeinsam mit seinem Hauptarm, dem Missouri, der längste Strom der Welt: der Mississippi. Er windet sich von Norden nach Süden durch die USA. Nach rund zwei Dritteln seines 4.300 Meilen langen Wegs erreicht er Memphis – und wenig später das Delta. Mark Twain hat die Gegend bereist, Tennessee Williams verbrachte hier prägende Jugendjahre.

Das Delta ist nicht die Gegend, in der der "Old Man River"-Fluss in den Golf von Mexiko mündet. Dieses Delta beschreibt einen Teil des Bundesstaates Mississippi – vom Fluss aus 80 Kilometer östlich ins Innere, auf einer Nord-Süd-Achse von rund 200 Kilometern. Im Delta steht die musikalische Wiege der Südstaaten – Musik, von den Sklaven aus Afrika mitgebracht, als Gospel in die Kirchen befördert, und im Blues schließlich auf den Straßen und Klubs gelandet.

Eine Lange Nacht über Orte, an denen diese Musik entstand; Begegnungen mit Menschen, die sich um ein Erbe kümmern, mit Musikern, die bis heute den Blues leben und spielen.

Auszug aus dem Manuskript der ersten Stunde:

Der Kapitän der "American Queen” begrüßt die Passagiere. Von New Orleans bis Memphis wird er sie bringen - rund ein Fünftel des insgesamt nahezu 3.800 Kilometer langen Stromes.
Der Betreiber des Schaufelraddampfers leistet sich einen eigenen Geschichtenerzähler. Jerry Hay nennt sich "Riverlorian" - ein Wortspiel, in dem die englischen Begriffe "River-Fluss" und "Historian- Historiker" unterbracht sind. Jerry Hay ist an und auf Flüssen aufgewachsen. Er kennt die Fakten, und er kennt die Legenden, die seine Kundschaft hören will.

"Hier kommen viele Flüsse zusammen. Der Mississippi ist der größte von ihnen, aber nicht der längste. Der Missouri ist länger, und er mündet in den Mississippi. Und der Ohio bringt dort, wo sich die Flüsse verbinden, doppelt soviel Wasser mit wie der Mississippi.
Hier am Unterlauf des Mississippi fließt das Wasser aus 31 Bundesstaaten und zwei kanadischen Provinzen. Stellen Sie sich das wie eine Baumwurzel vor. Der Mississippi entsteht aus tausenden kleinen und großen Flüssen und Strömen, auf einem Gebiet, das von Montana im Westen bis New York im Osten reicht.
Und weil er in den Golf von Mexiko mündet, verbindet uns dieser Fluss auch mit dem Rest der Welt."

Mark Twain verbringt seine Kindheit am Mississippi. Von 1859 an befährt er den Fluss für einige Jahre als Lotse auf Dampfschiffen.

Zitat Mark Twain: Über den Mississippi nachzulesen lohnt sich gewiß. Er ist kein alltäglicher Fluß, sondern im Gegenteil in jeder Beziehung bemerkenswert. Betrachtet man den Missouri als seinen Hauptarm, dann ist er der längste Strom der Welt - viertausendreihundert Meilen lang. Man kann durchaus sagen, daß er auch der gewundenste Fluß der Welt ist, denn in einem Abschnitt seines Laufs braucht er tausenddreihundert Meilen, um eine Strecke zurückzulegen, die im Vogelflug sechshundertfünfundsiebzig Meilen beträgt. Er führt dreimal soviel Wasser wie der Sankt-Lorenz-Strom, fünfundzwanzigmal soviel wie der Rhein und dreihundertachtunddreißigmal soviel wie die Themse. Kein anderer Strom hat ein so ausgedehntes Einzugsgebiet; er entwässert fünf Bundesstaaten und Territorien ... eine Weite von fünfundvierzig Längengraden. Der Mississippi empfängt sein Wasser aus vierundfünfzig mit Dampfschiffen befahrbaren und aus etlichen Hundert für Kielboote und Prahme schiffbaren Nebenflüssen und befördert es in den Golf von Mexiko. Sein Einzugsgebiet ist so groß wie England, Wales, Schottland, Irland, Frankreich, Spanien, Portugal, Deutschland, Österreich, Italien und die Türkei zusammengenommen, und fast diese gesamte weite Fläche ist fruchtbar - das eigentliche Tal des Mississippi sogar in außergewöhnlichem Maße.

Die "American Queen" ist der größte Schaufelraddampfer, der je gebaut wurde. Hundertsiebenundzwanzig Meter lang und siebenundzwanzig Meter breit. Seit 1995 befährt sie den Mississippi. Ihr Wahrzeichen sind zwei schwarze Kamine - sie enden in spitzen, nach oben gebogenen Zinken - einer Krone gleich. Direkt dahinter das Führerhaus, in dem "Riverlorian" Jerry Hay den Fahrbetrieb erklärt:

Jerry Hay: "Unsere Dampfmaschine hat 1.500 PS. Eigentlich gar nicht soviel. Sie lässt sich übrigens nicht von der Brücke aus steuern. Alle Funktionen werden im Maschinenraum bedient. Hier oben werden lediglich die Befehle gegeben - genau wie im 19. Jahrhundert"

American Queen is said to be the largest river steamboat ever built.

The grand American Queen is a gracious and elegant triumph of American ingenuity.

Riverlorian Jerry Hay has been exploring rivers for many years. He grew up along the Wabash River in Indiana where his fascination and love of rivers began. He has traveled the entire length of the Wabash and White Rivers by canoe and power boat.


Wir sind in Memphis. Die flache Linie des Mississippi-Ufers ist von einer Anhöhe unterbrochen, dem sogenannten "Bluff". Wer hier oben wohnt, ist vor Überschwemmungen sicher. 
Das lange Zeit wichtigste Gebäude der Stadt ist die "Cotton Exchange", ein zentraler Umschlagplatz für Baumwolle. Heute wird die Wolle an der Börse von Chicago gehandelt, das Gebäude im Zentrum ist zum Museum geworden - Memphis und Baumwolle, sagt Anna Mullins, die Direktorin, sind nicht voneinander zu trennen. 

"Ohne die Baumwolle wäre Memphis nie gegründet worden. Mit der Baumwolle kam das Geld. Und alles, was daran hängt: andere Geschäfte, Anwälte, Ärzte - es gab einen "Baumwollkarneval". Das Leben der Stadt drehte sich um diese Pflanze - und die Menschen, die mit ihr zu tun hatten, wurden mit Respekt behandelt." 

"Die meisten Touristen kommen aus drei Gründen: Blues, Bar-B-Q, Bürgerrechtsbewegung. Alle drei haben mit der Entwicklung der Baumwollindustrie zu tun. Die Schwarzen brachten ihre Musik mit, sie brachten ihr Essen, und sie protestierten - viel später - gegen die Diskriminierung, die bis in die sechziger Jahre hier den Alltag bestimmte. 
....
Der Anbau der Baumwolle war sehr eng mit der Sklaverei verbunden. Ohne Baumwolle hätte die Sklaverei nie eine so große Bedeutung bekommen. Das Leben der Schwarzen wurde nach ihrer Befreiung am Ende des Bürgerkriegs nicht überall besser. Sie durften zwar die Plantage wechseln, die Arbeitsbedingungen aber verbesserten sich wenig. Viele wurden "Sharecropper", mussten von den erbärmlichen Erträgen ihrer kleinen Parzellen das Meiste an den weißen Grundbesitzer abgeben. Von solcher Feldarbeit konnten die Menschen kaum leben. Sie zogen in die Städte, um Geld zu verdienen, mit dem sie ihre Familien ernähren konnten. In den Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg wuchs die schwarze Bevölkerung von Memphis dramatisch." 

1909 stellt Bürgermeister Edward Crump W. C. Handy, den schwarzen Chef einer schwarzen Blaskapelle, für seinen Wahlkampf ein. Crump verachtet die Afroamerikaner, aber er braucht ihre Stimmen. Die Musik sollte es richten.
Handy, 1873 in Florence, Alabama, geboren, ist der Erste, der die Musik der Schwarzen von den Feldern und Straßen und Spelunken in Theater und Konzertsäle trägt. Und er ist der Erste, der die Tonfolge des Blues zu Papier bringt.

Zitat W. C. Handy: Ich saß in diesem kleinen Ort, Tutweiler, Mississippi. Ich wartete auf den Zug, der schon vor vielen Stunden hätte kommen sollen ... ich war eingeschlafen ...

Dann weckten mich diese ungewöhnlichen Töne. Ein Mann saß neben mir, in Lumpen gekleidet, mit verschlissenen Schuhen. Er zupfte auf einer Gitarre. Er fuhr mit einem Messer die Saiten entlang- so wie es die Musiker in Hawaii machen. Ich war wie vom Blitz getroffen. "Goin'where the Southern cross the Dog" viermal wiederholte er diese Zeile, wobei er sich auf der Gitarre begleitete. So was Schräges hatte ich noch nie zuvor gehört.

Handy notiert den Song - mit "Dog" ist wahrscheinlich die Yazoo Delta Railroad gemeint, die in Moorhead, Mississippi, 50 Meilen von Tutweiler entfernt, eine andere Bahnlinie kreuzt, die "Southern Railway".

Der Siegeszug des Blues ist nicht mehr auf zu halten. Anne Mullins vom Cotton Museum erinnert an die Ursprünge.

Anne Mullins: "Die Schwarzen brachten die Tradition des Geschichtenerzählens mit. Viele Sklaven stammten aus Westafrika. Aber eben nicht alle. Es gab durchaus unterschiedliche Sprachen und Kulturen unter ihnen. Allen bekannt war dagegen ein Rhythmus, eine Art der musikalischen Verständigung, die bis dahin in den Vereinigten Staaten unbekannt war. Da den Sklaven das Sprechen miteinander oftmals verboten wurde, war diese Verständigung umso wichtiger. 
Es entstanden diese "Field Songs" - Arbeitslieder, eigentlich waren es Rufe, mit denen man sich untereinander verständigte. Daraus entstanden Lieder, die nicht mehr ausschließlich auf dem Baumwollfeld gesungen wurden -, sie fanden ihren Weg in die Hütten, und sie vermischten sich mit den Liedern aus den Kirchen. 
Instrumente hatten die Sklaven natürlich nicht. Sie bastelten sich Zupf- oder Schlagwerkzeug aus den Dingen, die sie auf der Farm oder Plantage fanden."

W. C. Handy wird als der "Vater des Blues" bezeichnet.
Offizielle Seite des jährlichen W. C. Handy Music Festival in Florence, Alabama
When you visit the Cotton Museum, you're treading on the legendary floor of the Memphis Cotton Exchange where cotton traders once stood at the center of the global cotton economy.


Auszug aus dem Manuskript der zweiten Stunde:

Wer das Leben auf der Plantage leid war, oder wer keinen Job fand, der zog von Ort zu Ort. Einige Leute verdienten sich so den Lebensunterhalt mit Musik. Sie spielten auf dem Land vor den schwarzen Baumwollpflügern; in der Stadt war das Publikum gemischt: Der Blues kam bei Schwarzen wie Weißen an. In Memphis wurde das zu einer Tradition.
Schwarze und Weiße liebten die gleiche Musik. Die Beale Street in Memphis war die Geschäftsstraße der Schwarzen - ein Ort, an dem man sich traf - das war übrigens immer schon so. Auch wenn man sich das für das Memphis der Dreißigerjahre kaum vorstellen kann.

Ein Zitat aus dem Jahr 1935: "Das Delta reicht von der Lobby des Peabody-Hotels in Memphis bis zur Catfish Row in Vicksburg."

Beginnen wir also in Memphis - nicht gerade im feinen Peabody, aber ganz in der Nähe, in der Beale Street.

"If Beale Street could talk, married Man would have to take their beds and walk ...” W. C. Handy, der Mann, der in Tutwiler das Blues-Schema notiert, weiß, wovon er in seinem Song "Beale Street Blues" spricht. Von 1909 bis 1917 spielt er mit seiner Kapelle in der Beale Street. Handy schreibt den Wahlkampfsong für Edward Crumb, den langjährigen Bürgermeister der Stadt.
An den Geschäften der Beale Street kassiert Crumb kräftig mit. Bordelle, Spielhallen und illegale Clubs sind geduldet - entsprechendes Entgelt für City Hall vorausgesetzt.
Beale Street zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts: Das ist vor allem Musik - an jeder Ecke, aus jeder Tür. Wer kein Instrument besitzt, der greift zum "Jug" - einem Gefäß - vorzugsweise einem Tonkrug - mit dessen Hilfe er bass-artige Töne erzeugt.
Roscoe Goose spielt Jug Band Music, seit er fünfzehn ist. Er musiziert mit Krügen, Waschbrettern, Kämmen. Mit seinen Auftritten in der Juggernaut Jug Band will er diese Art von "Old Time Music" auch jungen Menschen vermitteln.

Vieler dieser Leute kamen von den Schiffen. Dort spielten sie, was gerade aktuell war. Uns wenn sie nicht auf dem Boot spielten, dann fandest Du sie auf der Straße. Mit einem Gefäß, einer Kanne, einem Behälter als Bass - das war "Jug Band Music". Wenn einer von denen einen Auftritt hatte, suchte er sich die Mitspieler zusammen. In Memphis verzichteten die Jugbands meist auf Bläser. Neben dem Jug, dem Gefäß, gab es eine Gitarre, ein Banjo, und das war's eigentlich. Die Bands aus Memphis waren ziemlich bekannt. Das lag auch an den tollen Songs. Was gab es denn damals? Die großen Jazzorchester an der Ostküste, etwa das von Duke Ellington, die frühe Country-Music, die man noch als "Hillbilly" bezeichnete. Dazu in dieser Gegend den Blues - und eben die Jugbands. Die Musiker sammelten ihre ersten Erfahrungen oft in "Minstrel Shows" - in Memphis gab es diesen Typ - Gus Cannon. Er schrieb einen bekannten Song: "Walk right in". Der hat ihn berühmt gemacht.

Die US-amerikanische Jazz-Legende Louis Armstrong (AFP)Die US-amerikanische Jazz-Legende Louis Armstrong (AFP)
Louis Armstrong and the All Stars 1954 Beale Street Blues  

What do you get when you blend jazz, blues ragtime, swing and original music with washboards, washtubs, kazoos, jugs and various other sundry hardware? Nothing less than the strange concoction called the JUGGERNAUT JUG BAND

Website der Beale Street

Das Beale Street Music Festival ist ein US-amerikanisches Musikfestival in Memphis, das am ersten Tag des Volksfestes Memphis in May beginnt. Mehr

The Beale Street Music Festival

Gus Cannon was an American blues musician who helped to popularize jug bands in the 1920s and 1930s. - sein bekannter Song Walk right in


"Hier in Baptist Town lebten etwa 10.000 Menschen. Da war nicht viel Platz. Ein Haus direkt neben dem anderen. Gärten gab's nicht. Heute wohnen hier rund 450 Menschen - nur ein Bruchteil der damaligen Bevölkerung."

Neben einem Laden hat Sylvester Hoover ein kleines Museum eingerichtet. Eine Erinnerung an Baptist Town, wie es bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war.

"Mit diesen Sachen mussten sie ins Baumwollfeld. Dieser Sack hier ist etwa drei Meter lang. Da passen 170, 180 Pfund Baumwollen hinein. Solche Säcke wurde durch die Felder geschleppt. Versuchen Sie mal, so einen Sack ein paar hundert Meter zu ziehen, wenn er voll ist - da hilft nur noch der Blues.

Der Sack wurde zweimal am Tag gefüllt. Einmal vormittags, einmal nachmittags. Der durchschnittliche Ertrag lag so bei 350 Pfund. Erbärmliche Bedingungen und harte Arbeit ... aber sie produzierte gute Musik."

Sylvester Hoover hat einen Zweitjob: Er führt Touristen durch Baptist Town. Die sind indes nicht hier um etwas über Baumwolle oder die Bürgerrechtsbewegung zu erfahren. Den Touristen geht es um das Buch "Gute Geister". In der Verfilmung "The Help" mimte Baptist Town dort den Stadtteil der Schwarzen. Und sie kommen auch - natürlich - wegen der Musik.

Hier standen die Blues-Typen. Robert Johnson zum Beispiel und Honeyboy Edwards. Die Musiker hatten keinen Bock auf die harte Feldarbeit. Manchmal mussten sie sich vor den weißen Bossen verstecken - die hätte sie vielleicht gezwungen, mit zu kommen.
Am Abend war die Lage entspannt. Die Jungs machten ihre Musik, und niemand fragte mehr, ob sie zuvor auf der Plantage waren. Und mit ihren Songs verdienten sie mehr, als sie bei der Baumwollernte verdienen würden.

"Die Jungs drückten ihre Gefühle aus. Ihre Musik kam aus der Seele. Deshalb waren Künstler wie der Urvater des Delta Blues Robert Johnson so beliebt: Die Songs trafen ins Herz des Publikums. Jeder wusste, was gemeint war."


Robert Johnson: geborenen am 8.Mai 1911 in Hazelhurst, Mississippi, gestorben am 16. August 1938 in Greenwood. Johnsons Leben bleibt umwittert von Geheimnis. Er zählt zu den berühmten, viel zu früh gestorbenen Genies wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain oder Robert Johnson.

Robert Lee Johnson gilt als einer der bekanntesten Gitarristen, Sänger und Songwriter in der Geschichte des Blues. In Anspielung auf das Mississippi-Delta nennt man ihn auch den King of the Delta Blues

Let Delta Blues Legend Tours take you on an authentic walk through Blues history.

The Back in the Day Museum on Young Street is a community museum exploring the history of the blues, Baptist Town and African-American culture in the Delta.

"The Help" - der amerikanische Film wurden in der Kleinstadt Greenwood im Staat Mississippi gedreht.


Bentonia, Mississippi, rund 100 Kilometer südlich von Greenwood. Einwohnerzahl: rund 500. Auch durch Bentonia führt eine Bahnlinie. Selten genutzt. Wenn mal ein Zug durchfährt, dann mit Güterwagen. 

Direkt neben den Gleisen steht das "Blue Front Cafe". Ein kleines Haus, die weiße Farbe könnte einen Anstrich vertragen. Das Cafe gehört Jimmy "Duck" Holmes. 1948, der kleine Jimmy ist gerade ein Jahr alt, kauft sein Vater den "Juke Joint". Das Blue Front Cafe ist bald bekannt, über Bentonia heraus.

"Bei uns gab es nie Rassentrennung. Bei uns waren auch Weiße willkommen. Aber die Meisten trauten sich nicht rein. Sie standen vor der Tür, sie ließen sich etwas aus dem Laden holen. Wer hier nicht reinkam, der wollte es nicht. Willkommen wäre er gewesen." 

Am Samstagabend wird es eng im Blue Front Cafe. Es gibt Schweinebauch, Hot Dogs und "Buffalo Fish". Dazu Bier und selbstgebrannten Whiskey. Und das Wichtigste, Musik und Tanz. Für die schwarze Bevölkerung in Mississippi sind Juke Joints zwischen den Dreißiger und 70er-Jahren die einzige Unterhaltung, die sie sich leisten können. 

"Bis in die späten 70er-Jahre war hier viel los. Wenn Du damals auf der "49" nach Süden fuhrst, dann kamst Du direkt durch Bentonia. Heute gibt es die Umgehungsstraße. Du kannst von Memphis nach New Orleans fahren, ohne direkt durch irgendeinen Ort zu kommen. Früher kamen die Leute noch mit dem Greyhoundbus, der hier hielt. Heute haben sie alle Autos, und kommen nicht mal mehr in die Nähe." 


Bentonia, Mississippi, where the Bentonia School of Delta Blues originiated and location of the world famous Blue Front Café ... Bentonia Blues Links



Auszüge aus dem Manuskript der dritten Stunde:

In Clarksdale erwartet uns Wayne Winter. Der ehemalige Präsident der örtlichen Handelskammer erläutert die Sozialstruktur, die das Delta prägt.

Wayne Winter: "Im Delta haben wir einen großen Anteil von Afroamerikanern. Heute leben in Clarksdale 17.000 Menschen - 85 Prozent sind Afroamerikaner. Die Region ist nach wie von der Landwirtschaft geprägt. Aber natürlich arbeiten dort viel weniger Menschen als früher. Mit den üblichen Folgen: hohe Arbeitslosigkeit und Armut. Wir sprechen von einer "Transfer-Gesellschaft" - Regierungsgelder fließen in die Sozialhilfe, in die medizinische Versorgung und alle möglichen andere Hilfseinrichtungen. Wer so sein Geld und die zum Leben notwendigen Dinge erhält, dem fehlt oft der Drang, zu seinem Unterhalt selbst zu sorgen. Sie kennen ja den Spruch aus der Entwicklungshilfe: Wenn Du jemandem einen Fisch gibst - dann musst Du ihn bis an sein Lebensende versorgen; gibst Du ihm eine Angel, wird er selbst Fische fangen ...Wir sollten den Leuten hier Eigeninitiative vermitteln - aber darin haben wir leider weitgehend versagt ... Nun ist es in den USA oft so, dass sich dort, wo diese ungesunde Verbindung von Armut und schlechter Bildung besteht, Jugendbanden entwickeln. Wir haben ein Kriminalitätsproblem. .... Es gibt einige wenige Industriebetriebe. Die wichtigste Einnahmequelle ist inzwischen der Tourismus. Die Stadt versucht, für die internationalen Gäste ihr Gesicht zu ändern - mit bescheidenem Erfolg."

Dieser bescheidene Erfolg ist auch Tennessee Williams zu verdanken. Als kleines Kind lebt der Autor mit seiner Schwester in Clarksdale.

 "Home is Where You Hang Your Childhood" - "Zuhause ist dort, wo du deine Kindheit verbringst"

Wayne Winter führt uns zu einer kleinen steinernen Kirche, der "St. Georg's Episcopal Church". Daneben steht das ehemalige Pfarrhaus. 

"Der Großvater von Tennesse Williams war hier Pastor. Solange Tennesse bei ihm war, wohnten sie in diesem Haus hier - gleich nebenan. 

Der Junge war damals so sieben, acht Jahre alt. Sein Vater war Handlungsreisender - Der Junge kam immer wieder einige Zeit zu den Großeltern. Tennessee Williams begleitete Reverend Dakin, wenn er Gemeindemitglieder besuchte. Einige der Charaktere, die er dort erlebte, finden sich in den späteren Romanen. Auch in "Endstation Sehnsucht". Als Enkel des Pfarrers hatte man es damals auf dem Schulhof nicht leicht. Tennessee merkte sich die Namen seiner Widersacher ... später tauchten sie dann als Schurken in seinen Büchern auf."

Im heute unbewohnten Obergeschoss des kleinen Hauses liegt das ehemalige Kinderzimmer. An den Wänden Jugendfotos des Dichters. Und dann etwas Besonderes, aus späterer Zeit: Auf einer seiner Reisen schreibt Tennessee Williams das Gedicht "Shadow Wood" auf einer Papierserviette von Japan Airlines. Das gerahmte Original, in nicht immer gut lesbarer Handschrift, hängt hier, in der Sharkey Street 106 in Clarksdale.

Shadow Wood 

I once looked on a young green tree
that shattered darkness where it stood.
The name of it was tenderness
and where it grew was Shadow Wood.

The leaves of it were little hands
that scattered gold that had no weight,
and never dimmed to lesser gold:
it would have held me could I wait.

Somewhere it stays in grace of light
but I've forgotten where it stood,
and once abandoned, never twice
can it be found in Shadow Wood.

For tenderness I would lay down
the weapon that holds death away,
but little words of tenderness
are hard for shadow man to say.

Clarksdale Mississippi 

Mississippi Delta Tennessee Williams Festival

Delta Blues Museum


Roger Stolle: "Wenn ich vor zehn Jahren um halb sechs aus dem Laden kam, waren die Straßen leer gefegt.
Und vor fünf, sechs Jahren war es nicht viel besser. Wenn man Glück hatte, hörte man am Wochenende den Blues live - nicht jedes Wochenende. Heute kannst du in Clarksdale fast jeden Tag Blues hören. Wir haben neue Restaurants, wir haben Hotels und Ferienwohnungen - das gab es früher alles nicht. Die Touristen wissen, das zu schätzen."

Ich dachte, der Rock 'n' Roll kommt aus Liverpool. Ich bin mit den Beatles aufgewachsen. Dann hab' ich diese alte Radiostation gekauft. Hier hat Ike Turner Platten aufgelegt - bis er "Rocket 88" und damit den ersten Rock-'n'-Roll-Song überhaupt aufnahm. Wenn es um Musikgeschichte geht, um Blues und Rock, dann kannst du hier mit der Suche beginnen; da musst du nicht weit reisen. Darauf können wir aufbauen. Als ich hier aufräumte, fand in den Brief, der die Umstände des Todes von Bessie Smith beschrieb. Der Mann, der diesen Brief schrieb war der Erste, der am Unfallort eintraf."

Bessie Smith, der erste weibliche schwarze Superstar des Blues. Am 26. September 1937 im Auto verunglückt. Viele Krankenhäuser dürfen Schwarze nicht aufnehmen. Das G.T. Thomas Hospital in Clarksdale schon - doch kurz nach der Einlieferung erliegt Bessie Smith dort ihren schweren Verletzungen. 
Aus dem Hospital wird 1943 das "Riverside Hotel". In den Tagen der Rassentrennung gehört das "Riverside" zu den wenigen Herbergen, in denen auch Afroamerikaner übernachten können.
Der Besitzer, Frank "Rat" Ratcliff stirbt im März 2013. Seither führt seine Tochter Zelena das kleine Hotel an der Sunflower Avenue 615.

Red Paden gehört einer der inzwischen legendären Blues-Clubs in Clarksdale. Roger Stolle:

"Zum Glück gibt es in Clarksdale "Red's Lounge". Hier gab es auch früher Bluesshows - wann die Musiker spielten, blieb aber eher zufällig. Wenn Red vor zwanzig Jahren den Klub aufschloss, dann kriegten die Leute das mit. Der Laden war sofort voll, und die Show konnte beginnen. Inzwischen gibt es Konkurrenz durch die Casinos; und Red's Stammkundschaft kommt natürlich auch in die Jahre. Viele sind tot, genau wie ein großer Teil der Musiker.

Red's Lounge würde es nicht mehr geben, wenn die Touristen nicht das alte Stammpublikum ersetzt hätten . Die Touristen sind fast alle weiß. Fans aus der ganzen Welt wollen hier Blues hören: In Gegensatz zu den Einwohnern von Clarksdale, die diese Musik heute kaum noch interessiert. Von Ausnahmen natürlich abgesehen. Wenn sie mit Bluesfans aus der Region sprechen können, wird's ja auch für die Touristen interessanter. Dann mischen sich Kultur und Musik."

Neben "Red's Lounge” gibt es unter den vielen Blues-Clubs in der Stadt einen weiteren berühmten: am Ende der "John Lee Hooker Lane", gleich neben dem "Delta Blues Museum" findet man "Ground Zero". Einer der Besitzer ist Morgan Freeman, in Memphis geborener und heute auf seiner Farm bei Clarksdale lebender Hollywoodstar. Der in einem alten Baumwolllager untergebrachte Club ist bei Einheimischen wie bei Touristen beliebt - Terry "Harmonica" Bean, der hier regelmäßig spielt, bezweifelt aber, dass diese Popularität sich auf künftige Generationen übertragen lässt:
 
"Wenn die Typen, die hier auftreten, tot sind, dann wirst Du diese Musik nicht mehr hören. Das macht heute niemand mehr."

Das gilt leider auch für die Jugend von Clarksdale, sagt Roger Stolle.

"Die jungen Afroamerikaner aus Clarksdale gehen in den "Delta Blues Room”. Das ist deren Juke Joint. Wenn Sie Samstagsabend in Red's Lounge sind, treffen sie die Touristen. Und wahrscheinlich hören sie authentischen Blues. In den "Delta Blues Room" aber werden Sie wahrscheinlich gar nicht reingekommen ... der Laden ist immer voll. Es gibt keine Livemusik. Der DJ legt Platten auf, die man als alles, aber nur nicht als Blues bezeichnen kann. Der Umsatz dort ist doppelt so groß wie bei "Red 's"- mindestens. Die Dinge ändern sich. Die jungen Afroamerikaner hören lieben dem DJ zu."

Riverside Hotel is a hotel in Clarksdale, Mississippi in operation since 1944. It was the fourth marker place on the Mississippi Blues Trail.

Ground Zero Blues Club 

Bessie Smith, die "Kaiserin des Blues" war ein Star und lebte auch danach. Viel ist über ihr unbeherrschtes Wesen, den Alkoholmissbrauch, die Affären mit Partnerinnen und Partnern und ihre Verachtung jeglicher Autorität geschrieben worden.


Musikliste

Titel: Down in Mississippi
Interpret: Joe Willie "Pinetop" Perkins
Komponist: Joe Willie "Pinetop" Perkins
Label: Telarc
Best.-Nr: 83680
Plattentitel: Pinetop Perkins and friends

Titel: Miss the Mississippi
Interpret: Bob Dylan
Komponist: Bill Halley
Label: COLUMBIA
Best.-Nr: 88697357972
Plattentitel: Tell tale signs: the bootleg series vol.8

Titel: Canned Heat Blues
Interpret: Tommy Johnson
Komponist: Tommy Johnson
Label: Chrome Dreams                      
Best.-Nr: CDCD 5003/1
Plattentitel: Mississippi Delta pioneers - Century of the Blues - The definitive Country Blues collection, CD 1

Titel: Feels like Mississippi
Interpret: Tricia Walker
Komponist: Fred Knobloch
Label: Enhanced

Titel: High water everywhere (Part I)
Interpret: Charley Patton (voc,g)
Komponist: Charley Patton
Label: Yazoo Records
Best.-Nr: 1020
Plattentitel: Founder of the Delta Blues

Titel: Sad and beautiful world
Interpret: Charley Musselwhite's South Side Band
Komponist: Barry Goldberg, Charley Musselwhite
Label: Alligator Records                   
Best.-Nr: ALCD 4939

Titel: Where the Southern crosses the dog
Interpret: Terry Evans (voc,acg)
Komponist: Hans Theessink
Label: audioquest
Best.-Nr: AQ-1057
Plattentitel: Mississippi magic

Titel: Wade in the water
Interpret: Angie Stone
Komponist: Angie Stone, trad.
Label: BLACKSMITH-MUSIC

Titel: Lay my burden down
Interpret: Honeyboy Edwards
Komponist: Caroline Herring
Label: Blue Sound Records

Titel: Sing the Delta
Interpret: Iris DeMent
Komponist: Iris DeMent
Label: Flariella Records


2. Stunde

Titel: Meet me in the bottom
Interpret: T. Williams, Guitar
Komponist: Amos Easton
Label: Broke and Hungry
Best.-Nr: 13003

Titel: Meet me in the cotton field
Interpret: T. Williams, Guitar
Komponist: Amos Easton
Label: Broke and Hungry
Best.-Nr: 13003

Titel: TV Mama
Interpret: Taj Mahal
Komponist: Lou Willie Turner
Label: HEADS UP RECORDS INTERNATIONAL
Best.-Nr: HUCD 3164
Plattentitel: Maestro

Titel: Walk right in
Interpret: Gus Cannon's Jug Stompers
Komponist: Hosea Woods
Label: RCA Records Label
Best.-Nr: 663986-2
Plattentitel: When the sun goes down - The secret history of Rock & Roll (Vol. 1)

Titel: Hard to get along
Interpret: L.C. Ulmer
Komponist: trad.
Label: HILL COUNTRY RECORDS

Titel: Died down
Interpret: Tate County Singers
Komponist: trad.
Label: ATO Records

Titel: They're red hot
Interpret: Eric Clapton
Komponist: Robert L. Johnson
Label: Reprise Records
Best.-Nr: 248730-2
Plattentitel: Me and Mr. Johnson

Titel: Traveling riverside Blues
Interpret: David "Honeyboy" Edwards (voc,acg)
Komponist: Robert L. Johnson
Label: Telarc
Best.-Nr: 08083521
Plattentitel: Hellhound on my trail - Songs of Robert Johnson

Titel: Crossroads (The Cross Roads Blues)
Interpret: Taj Mahal (voc,steel-g)
Komponist: Robert L. Johnson
Label: Telarc
Best.-Nr: 08083521
Plattentitel: Hellhound on my trail - Songs of Robert Johnson

Titel: Hellhound on my trail
Interpret: Alvin "Youngblood" Hart (voc,acg)
Komponist: Robert L. Johnson
Label: Telarc
Best.-Nr: 08083521
Plattentitel: Hellhound on my trail - Songs of Robert Johnson

Titel: Count the days
Interpret: Jimmy Duck Holmes
Komponist: Jimmy Duck Holmes
Label: Broke & Hungry Records
Best.-Nr: 5992520

Titel: Coahoma
Interpret: J.R. Kings
Komponist: Corey Harris
Label: FAT Possum Capricorn


3. Stunde

Titel: Wrapped up in love
Interpret: Eddie Cotton
Komponist: Marty Grepp
Label: Undadawy Records

Titel: My time Baby
Interpret: Grady Champion
Komponist: Grady Champion
Label: Grady Shady Music

Titel: Mississippi Pride
Interpret: Grady Champion
Komponist: Grady Champion
Label: Grady Shady Music

Titel: Dixie
Interpret: Ensemble
Komponist: Daniel Decatur Emmett
Label: Chappell Recorded Music Libra.
Best.-Nr: CHAP 257
Plattentitel: Well known themes 1

Titel: Where HWY 61 runs
Interpret: Charley Musselwhite's South Side Band
Komponist: Barry Goldberg, Charley Musselwhite
Label: Alligator Records
Best.-Nr: ALCD 4939

Titel: Spoonfull
Interpret: Ross Neilson
Komponist: Ross Neilson
Label: Rossneilson
Best.-Nr: 2012

Titel: Lay my burden down
Interpret: David "Honeyboy" Edwards (voc,acg,harm)
Komponist: David "Honeyboy" Edwards
Label: 32 Jazz / 32 Records
Best.-Nr: 06932185
Plattentitel: I've been around

Titel: This is hip
Interpret: John Lee Hooker
Komponist: John Lee Hooker
Label: Virgin
Best.-Nr: 846424-2
Plattentitel: The Best of friends

Titel: How many more years
Interpret: B. B. King
Komponist: Chester Arthur Burnett
Label: Geffen
Best.-Nr: 1781241
Plattentitel: One kind favor

Titel: Dear old southland
Interpret: Allen Toussaint
Komponist: Allen R. Toussaint
Label: NONESUCH
Best.-Nr: 480380-2

Lange Nacht

Eine Lange Nacht über Walter Benjamin"Glückloser Engel"
Walter Benjamin (dpa / picture alliance / Heinzelmann)

Um Aufschluss über die Gegenwart zu erhalten, soll Vergessenes erinnert und Vergangenes rekonstruiert werden. Entscheidend dabei werden Sprache und Bilder. Walter Benjamin ist ein Sprachmagier, der die Kunst beherrscht, seine Leser zu verführen - eine ganze Nacht lang.Mehr

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