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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.12.2017

Eine kurze Geschichte des KonsumsIch kaufe, also bin ich?

Von Thomas Klug

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Menschen stehen am 21.11.2013 in Berlin auf Rolltreppen in einem Kaufhaus.  (picture alliance / dpa / Ole Spata)
Der moderne Konsument hat oft ein schlechtes Gewissen, erklärt der Soziologe Stephan Lessenich. (Symbolfoto). (picture alliance / dpa / Ole Spata)

Im Westen war der Verbrauch staatsbürgerliche Pflicht, im Osten ein Versprechen. Die Zeiten haben sich geändert. Nicht, weil weniger verbraucht wird, im Gegenteil. Nur heute habe der kaufende Bürger ein schlechtes Gewissen, so der Soziologe Stephan Lessenich.

Herr Müllermeier träumt von einem Auto. Das würde sein Leben erleichtern. Er müsste keine weiten Strecken mehr laufen. Eines Tages geht er, um sich seinen Traum zu erfüllen. Doch kaum ist Herr Müllermeier nach Hause gefahren, träumt er weiter. Irgendetwas rumort in seinem Kopf.

Das Auto macht Herrn Müllermeier Spaß. Aber noch etwas hat Spaß gemacht: Das Auto zu kaufen. Er wurde umschmeichelt, für seinen guten Geschmack gelobt. Es gab Kaffee und Kuchen. Vielleicht sollte er das wieder einmal tun? Es gibt bequemere Autos. Der Nachbar, Herr Schulzemeier, hat so eines. Und neulich hat die Werbung noch eine weitere Sensation angekündigt: Schneller und stärker.

Eine übermotorisierte Gesellschaft

Soziologe Professor Stephan Lessenich beschäftigt sich mit der Frage, was das Bedürfnis nach immer mehr PS über unsere Gesellschaft verrät:

"Ein sehr gutes Beispiel sind immer die PS-Zahlen von PKWs, die hier in Deutschland verkauft werden. Und da kann man mal die SUV rausnehmen, weil das immer die billige Beute von Kritikerinnen und Kritikern ist, obwohl man da den Richtigen trifft. Aber auch der Standard-PKW ist sowas von übermotorisiert und hat in den letzten zwei Jahrzehnten noch eine starke weitere Übermotorisierung erfahren, dass man sich schon fragen muss, was da los ist."

Stephan Lessenich weiß, es steigt nicht nur die Zahl der PS:

"Die Verbrauchskurven nehmen weiter zu. Kritik und Reflexion nehmen auch zu. Und die Spannung und die Lücke zwischen dem, was man tut und dem, von dem man wissen könnte, was man tun sollte, wird immer größer."

Wachstum gleich Wohlstand?

Vielleicht ist genau das der Punkt, wo es früher einfacher war. Da musste man nicht kritischer und hinterfragender Bürger sein. Frei nach Brecht: Genug gefressen, es ist Zeit für Moral.

Es genügte, alles, was angeboten wurde, zu kaufen – und man war als guter Verbraucher gleichzeitig ein guter Staatsbürger, abgesegnet vom Wirtschaftsminister Ludwig Erhardt:

"Wir müssen den Mut zum Verbrauchen aufrechterhalten, denn ein Volk, das den Mut zu Verbrauch verliert, verliert auch die Kraft zur Produktion."

Stephan Lessenich über die Ansprache des damaligen Wirtschaftsministers:
 
"Ludwig Erhardt hat seine Mut-zum-Verbrauch-Diagnose ja verbunden mit der Formel 'Wohlstand für alle'. Und ich glaube, das war ja auch diese Doppelparole, die gezogen hat. Und auch heute ist klar, Wohlstand für alle oder jedenfalls für viele in dieser Gesellschaft hängt damit zusammen, dass wir weiter wachsen. Und wir machen uns dann auch als Bürgerinnen und Bürger nicht mehr klar, auf welchem Produktions- und Reproduktionsniveau, also Konsum-Niveau dieses weitere Wachstum ja eigentlich stattfinden soll und wer eigentlich alles dafür zahlen muss – in diesem Land und dann aber auch weltweit."

Butterberge, Milchseen, Müllhalden. Und gleichzeitig der in den Kopf gepflanzte Spruch, Verbrauch habe etwas mit Mut zu tun. Das ist doch Wahnsinn. Stephan Lessenich:

"Damals nicht mehr als heute, würde man sagen." 

DDR: Effizienter arbeiten, besser leben

"Weißwein ist zu Recht das Getränk unserer Zeit. Für unseren Optimismus. Weißwein für frohe Stunden. Weißwein für glückliche Menschen, die sich gemeinsam über Vollbrachtes freuen. Wein – ein Trunk, rein, wie die Natur ihn schuf", 

heißt es in einer DDR-Werbung. Während im Westen die Werbung zu mehr Verbrauch verführte, wurde im Osten bald auf Werbung verzichtet – wozu für Dinge werben, von denen es eh nicht genug gab. Doch eines wurde auch in der DDR als Lebensziel gepriesen: Ein sich ewig erhöhender Lebensstandard. Und der wurde definiert durch materielle Güter. Sie sollten Anreiz sein, effizienter zu arbeiten. Das allgegenwärtige Versprechen lautete: So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben.

"Große Erfolge wurden in unserem sozialistischen Aufbau erreicht. Durch die Leistungen unserer Werktätigen konnte die Versorgung der Bevölkerung weiter verbessert werden. Auch das Weihnachtsangebot der Konsum-Genossenschaften ist reichhaltiger geworden. In den Konsum-Warenhäusern, den Konsum-Verkaufsstellen und auf Sonderverkäufen, vor allem auch auf dem Lande, finden Sie eine große Auswahl an Geschenken für den Gabentisch. Überall werden Sie fachmännisch beraten und gut bedient."

Konsum mit schlechtem Gewissen

Im Westen war der Verbrauch staatsbürgerliche Pflicht, im Osten ein Versprechen. Die Zeiten haben sich geändert.  Nicht, weil weniger verbraucht wird, im Gegenteil. Aber: Der kaufende Bürger hat ein schlechtes Gewissen – manchmal.  Professor Stephan Lessenich von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

"Das ist eine Art der Verarbeitung des Ganzen. Man ist sich bewusst, man muss sich dazu positionieren und man wird vielleicht immer öfter auch von außen dazu gedrängt, sich zu dieser Frage zu positionieren: Wie verhält man sich individuell im Konsum? Was macht das aus der Gesellschaft eigentlich auf diesem sehr hohen Konsumniveau? Warum muss das noch immer weiter gesteigert werden? Das beantwortet man dann mit schlechtem Gewissen, teils mit Rechtfertigungsstrategien, dass man immerhin dieses oder jenes tue, dass man weniger verbrauche als andere."

Der Mensch liebt es offenbar, zu verbrauchen. Der Planet liebt es nicht. Gibt es einen Ausweg? Jeder habe es selbst in der Hand, sagt die Politik und ist fein raus.  König Kunde und so. Doch es gibt viele kleine Könige und ein paar richtig große. Und die Großkunden achten mehr auf das eigene Schnäppchen und nur dann auf andere Faktoren, wie Lohn- und Umweltbedingungen bei der Produktion, wenn es sich auf den eigenen Gewinn und das eigene Ansehen auswirkt.

Die Politik will nichts verbieten – denn Verbieten stößt selten auf Gegenliebe und wird spätestens bei der nächsten Wahl bestraft.

"Meines Erachtens müssten halt die Formen des Teilens beispielsweise gefördert und unterstützt werden die tatsächlich in die Richtung weisen, diesen Wachstumszwang, diesen Stachel des Wachstumszwangs zu entfernen."

Werbung:

"Denken Sie daran: Rechtzeitiger Weihnachtseinkauf erhöht die Vorfreude auf das Fest. Der Konsum deckt den Gabentisch."

(mw)

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