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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.06.2013

Eine hindernisreiche Alpen-Love-Story

Der Intendant des Staatstheater Darmstadt John Dew inszeniert Bellinis Oper "La Sonnambula"

Von Dieter David Scholz

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Musikalisch wie sängerisch ein großer Abend am Staatstheater Darmstadt.  ( Barbara Aumüller)
Musikalisch wie sängerisch ein großer Abend am Staatstheater Darmstadt. ( Barbara Aumüller)

Der Regisseur John Dew hat im Staatstheater Darmstadt Vincenzo Bellinis Melodramma "La Sonnambula" inszeniert. Das Publikum hat die Aufführung enthusiastisch gefeiert - ein Sängerfest, und das ohne Stars: erfrischend und direkt.

Selten genug werden Bellini-Opern aufgeführt, seit man keine Maria Callas, Montserrat Caballé oder der Joan Sutherland mehr für die Titelpartie zur Verfügung hat. Im Staatstheater Darmstadthat man es dennoch gewagt, Vincenzo Bellinis Melodramma "La Sonnambula" - Die Nachtwandlerin - aufzuführen.

Der begeisterte Zuspruch, den das Darmstädter der Aufführung zollte, hat ein ein solches Wagnis gerechtfertigt. Man hat allerdings auch in einem insgesamt glaubwürdigen Ensemble zwei Sänger für die Hauptpartien zur Verfügung, mit denen man dieses Stück wagen durfte: Für den jungen Liebhaber Elvino hatte man einen Tenore di grazia zur Verfügung, der den Anforderungen der Partie voll und ganz gerecht wird: Randall Bills ist ein strahlender, gut focussierter, sehr hoher Tenore di grazia.

Fast ein zweiter Juan Diego Florez. Ein Glücksfall für diese Partie, denn meist wird sie ja tiefer transponiert. Für ihn nicht, er konnte alle Höhen singen. Im Zentrum der Aufführung steht natürlich Amina, die Schlafwandlerin: Eine Ikone des romantischen Belcanto und dafür hat man eine Sopranistin im Ensemble, die die äußere Erscheinung und die stimmlichen Voraussetzungen mitbringt: Julie Davies. Eine schöne Frau mit einer warmen, großen, beweglichen Stimme. Eine echte Virtuosa. Sie hat die Paradepartie bewundernswert gesungen die zentrale, zweite Schlafwandelszene am Ende der Oper als Gratwanderung zwischen Orchestergraben und Publikum wirklich anrührend dargeboten. Das Publikum hat sie denn auch enthusiastisch gefeiert. Die Aufführung ist ein Sängerfest, und das ohne Stars.

Aber auch der Regisseur John Dew, bekannt für seine oft recht unkonventionellen Lesarten und Aktualisierungen, ist ja längst nicht mehr das Enfant terrible, das er mal war. Er hat mit klaren Bildern eine Parabel über den Unterschied von aufgeklärtem Stadtbürgertum und abergläubiger Landbevölkerung auf die Bühne gebracht, mit dem konkreten Fall eines zu Unrecht der Untreue bezichtigten Mädchens, dessen Unschuld - und dessen Heirat - schließlich von einem Aristokraten, der den schweizer Bauern das Phänomen Somnambulismus erklärt, gerettet wird.

Frische, Unverkrampftheit und Launigkeit

John Dew hat diese hindernisreiche schweizerische Alpen-Love-Story zweier ungleicher Paare vor stilisiertem Bergpanorama angesiedelt. Die Kuh als Symbol der Schweiz wedelt schon während der Ouvertüre mit dem Schwanz. Das Publikum freut sich darüber. Man sieht vor lauter Bergsilhouetten, die Dirk Hofacker schuf, die Schweiz nicht. Dew zeigt sie allerdings in wirklich prachtvoll gefertigten, stilsicheren schweizer Kostümen von José Manuel Vazguez als spitzweghaft ironisierte Biedermeier-Schweizer in einer scherenschnitthaften Schweiz. Aber Dews Karikaturen sind nicht giftig, eher liebenswert. Sein Umgang mit den Figuren zeigt Frische, Unverkrampftheit und Launigkeit.

Auch die Chöre, ein Problem jedes Regisseurs in den italienischen Belcantoopern, werden zu ganz selbstverständlichen Tableaus aufgelöst. Hektischen Aktionismus und Angst vor Ruhe sind Dews Sache ebenso wenig wie intellektuelles Psychologisieren. Von Aktualisierung keine Rede in dieser Inszenierung. Man mag es bedauern, dass er nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit den psychologisch interessanten Tiefendimension dieser Oper zuwendet, dafür macht er in seiner erfrischend direkten Inszenierung deutlich, dass im Grunde die schweizer Spießbürger die eigentlichen Gespenster und bösen Geister in dieser poetischen Geschichte der Schlafwandlerin sind.

Das versteht jeder. Und das hat dem Publikum gefallen. Auch der junge Dirigent Elias Grandy ist ein Glücksfall, denn er hat das rechte Gespür für die Musik des romantischen italienischen Belcanto. Er hat diesem Bellini Tempo, Poesie, Schwung und Kraft verliehen. Außerdem hat er sehr sängerfreundlich dirigiert, und hat es vermocht, dem klangschön spielenden Staatsorchester Darmstadt jene schwungvolle Leichtigkeit und "Heiterkeit", die ja bei Bellini eine Ausnahme und so schwer zu realisieren ist, abzuverlangen. Musikalisch wie sängerisch ein großer Abend am Staatstheater Darmstadt und das ohne Stars und fern der Opernmetropolen.

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