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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 31.10.2013

Ein Teilchen, das nicht weiterhilft

War der Physiknobelpreis in diesem Jahr unverdient?

Von Alexander Unzicker

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Dieses Bild zeigt laut CERN-Forschern Charakteristika eines Higgs-Bosons-Zerfalls. (picture alliance / dpa / cern)
Dieses Bild zeigt laut CERN-Forschern Charakteristika eines Higgs-Bosons-Zerfalls. (picture alliance / dpa / cern)

Physik, Chemie, Medizin: Zu verstehen, ob ein naturwissenschaftlicher Nobelpreis zu Recht vergeben wurde, können oft schon Kollegen der Nachbardisziplin nicht mehr einschätzen. Anders sieht es in diesem Jahr beim Physiknobelpreis für ein Partikel mit dem Kosenamen "Gottesteilchen" aus, das vom Europäischen Zentrum für Kernforschung (CERN) in Genf entdeckt wurde. Der Physiker Alexander Unzicker sieht die Wahl kritisch.

Das ging schnell: Im letzten Jahr hörten wir vom "Gottesteilchen" Higgs-Boson, in diesem Jahr gibt es prompt den Physik-Nobelpreis dafür. Und doch wussten in Stockholm wohl wenige, wofür genau sie eigentlich stimmten. Die Akademie sah sich einer übermächtigen Erwartungshaltung gegenüber, die die Propaganda des CERN mit intensivem Lobbying aufgebaut hatte, um das teuerste Experiment aller Zeiten zu rechtfertigen.

Die Sensationsmeldung, ein fundamentales Teilchen sei entdeckt worden, liegt irgendwo zwischen Missbrauch der Sprache und einer Lüge. Was gefunden wurde, löste kein einziges Problem der Physik, und wurde doch sofort als Entdeckung des Jahrhunderts gefeiert. Ob dies bewusste Irreführung, schamlose Marktschreierei oder törichtes Nachplappern war, sei dahingestellt.

Sicher ist nur, dass große Physiker wie Albert Einstein die Higgs-Geschichte vollkommen lächerlich gefunden hätten. Nicht eine Sekunde hätten sie daran geglaubt, dass dieses hochkomplizierte Modell der Elementarteilchenphysik mit seinen dutzenden von unerkärten Zahlen eine sinnvolle Naturbeschreibung sein kann.

Besonders dreist ist die Behauptung, der "Higgs-Mechanismus” trüge zum Verständnis der Masse bei. Paul Dirac, der jahrelang über das bis heute rätselhafte Massenverhältnis von Proton und Elektron grübelte, würde sich im Grab umdrehen, hörte er davon.

Hochenergiephysik ist seit Langem von einer Wissenschaft zu einem technischen Hochleistungssport mutiert, getrieben von der immer gleichen Idee höherer Kollisionsenergien. Im Sinne fundamentaler Naturerkenntnisse sind ihre Resultate vollkommen wertlos. Unredlich und gefährlich ist, wie sie als Fortschritt verkauft werden.

Teilchenphysik ist hinausgeworfenes Geld

Jeder, der die letzten Jahrzehnte Beschleunigerphysik verfolgt hat, muss bemerkt haben, dass die Strategie, seltene, aber letztlich banale Signale aus der Datenflut herauszufiltern und zu neuen Teilchen zu erklären, offenbar nie ein Ende nimmt. Nur weil die ringförmigen Maschinen ganze Forschergenerationen beschäftigen, fällt es nicht mehr auf, dass sich das Spiel alle 10 bis 15 Jahre wiederholt und sich die Teilchenphysik seit einem halben Jahrhundert buchstäblich im Kreise dreht.

Der Gedanke, dass Zehntausende Physiker ein unüberschaubares Experiment zu einem unsinnigen theoretischen Modell betreiben, scheint sich selbst zu verbieten. Zu schmerzhaft, als dass er auch nur erwogen werden kann. Nüchtern betrachtet, ist das aber so. Teilchenphysik ist hinausgeworfenes Geld.

Ich bin keineswegs ein Fundamentalskeptiker, der die ganze Physik anzweifelt. Warum? Weil ohne Maxwellsche Elektrodynamik kein Handy funktionieren würde, ohne Quantenmechanik keine Digitalkamera, ohne Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie kein GPS-Empfänger. Aber die Teilchenphysik hat in den letzten 60 Jahren nichts hervorgebracht, was außerhalb der akademischen Zirkel funktionieren musste.

Die meisten Physiker begreifen intuitiv, dass riesige Forschungszentren für Jahrzehnte dauernde Experimente nicht der Ort sind, wo Kreativität gedeiht. Nur: Niemand will dies laut sagen. Fragen Sie in Ihrem Bekanntenkreis Geophysiker, Astronomen oder Festkörperphysiker, ob sie auch nur entfernt nachvollziehen können, worin die Entdeckung des CERN besteht. Sie werden die Achseln zucken. Fragen Sie dagegen einen Teilchenphysiker, wird er sich sehr bald auf das Argument berufen, dass alle Analysen von vielen Leuten überprüft und abgesichert worden seien, und zwar aus einem Grund: weil er selbst das Experiment nicht überblickt.

Niemand kann die Analysen ausgehend von den Rohdaten überprüfen, und das ist der eigentliche Skandal. Die Auswertung müsste Schritt für Schritt, transparent und mit zugänglichem Computercode im Web nachvollziehbar sein. Das wäre Wissenschaft. Die Ironie bei der Geschichte ist: Erfunden wurde das Web am CERN.

Alexander Unzicker (privat)Alexander Unzicker (privat)Alexander Unzicker ist Physiker, Jurist, promovierter Neurowissenschaftler und Autor. Sein Buch "Vom Urknall zum Durchknall - die absurde Jagd nach der Weltformel" wurde von "Bild der Wissenschaft" als Wissenschaftsbuch des Jahres 2010 ausgezeichnet. Gerade neu erschienen ist "The Higgs Fake - How Particle Physicists Fooled the Nobel Committee”.

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