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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.05.2013

Ein Tal voller Schmetterlinge

Sema Kaygusuz: "Schwarze Galle", Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2013, 144 Seiten

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Blick auf den asiatischen Teil von Istanbul (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)
Blick auf den asiatischen Teil von Istanbul (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)

"Schwarze Galle" reiht nicht Geschichten aneinander. Jeder der sieben Texte ist zweigeteilt. Ihr erster Teil erzählt vom schlaflosen Alltag einer Dichterin in Istanbul. Der zweite entstammt der Nachtwelt der Gedanken, der Worte, der Wahrheit - politisch und märchenhaft zugleich.

Dieser Geschichtenband könnte auch "Die sichtbare und die unsichtbare Welt" heißen. Oder "Die schlaflose und die schlafende Welt". Sema Kaygusuz hat ihn "Schwarze Galle" genannt. Ist dieser Saft krankhaft vermehrt, leiden die Menschen, glaubte Hippokrates in der Antike, an Melancholie. Kaygusuz‘ Ich-Erzählerin, ein Alter Ego der türkischen Autorin, Jahrgang 1972, deren erster Roman "Wein und Gold" 2006 bei Suhrkamp erschien, erzählt von der Dichterin Birhan, die an Schlaflosigkeit und Geräuschen leidet. Möglicherweise sind die Töne, die sie im heutigen Istanbul nicht schlafen lassen, ihr eigener Herzschlag.

Sicher aber sind es jene Töne, die der schlaflose Gott Gilgamesch seiner Trommel entlockte, während er "der Finsternis flammende Fragen" stellte. Schlaflos erlangt die Melancholikerin keine Vitalität und kein Vergessen. Sie ist den Gedanken, den Worten, der Wahrheit, den Rätseln ausgeliefert - den Geschichten. "Schwarze Galle" reiht nicht einfach Geschichten aneinander. Jeder der sieben Texte ist zweigeteilt. Ihr erster Teil erzählt von Birhans schlaflosem Alltag und dem der das Buch "Schwarze Galle" schreibenden Ich-Erzählerin. Gilgamesch und Hippokrates werden erwähnt, die türkische Traurigkeit Hüzun, Melancholie und Gram klug voneinander abgegrenzt, und die Erzählerin spricht über den "Nullpunkt", jenen Gedanken, aus dem "Schwarze Galle" hervorging.

Der zweite Teil entstammt der Nachtwelt der Gedanken, der Worte, der Wahrheit, der Rätsel. Mal sind es Geschichten, die Birhan erinnert, mal solche, die ihr erzählt werden. Sie sind politisch (ein kurdischer Schriftsteller ahnt die Falle und geht doch zu seiner Hinrichtung), märchenhaft (ein Junge isst ausschließlich Honig, bis ihn ein Heiler, der ihn nachahmt, vor dem Tod rettet), modern (die Hunde einer Ferienanlage reagieren beunruhigend ängstlich auf den Gärtner), burlesk (eine Topfverzinnerin bettelt um die Töpfe Birhans, verschwindet mit ihnen und nimmt nach ihrer verspäteten Rückkehr ungeachtet des erleichtert gezahlten Honorars einfach am Küchentisch Platz), leichthändig-locker (eine Flaschenpost verheißt dem Finder einen neuen Anzug, doch das eigentliche Geschenk für den jungen Mann sind die Gespräche mit der selbstbewussten, lebensklugen Schneiderin).

Immer wirken die Erzählungen, so unaufwendig, so einfach, so dahinerzählt sie auch sind, parabelhaft. Der orientalisch ausgreifende Geschichtenreigen endet mit einem Tal voller Schmetterlinge. Das Bild der Schönheit verdankt sich dem Tod: Die Schmetterlinge fliegen herbei, um im Tal zu sterben. Der Leser darf an Psyche denken, die antike, als Schmetterling dargestellte Seelenführerin. Er muss es aber nicht.

In der Rahmenerzählung blickt Kaygusuz mit Birhan, die ihrer Erzählerin mehr als vertraut zu sein scheint, von außen auf die Melancholie und die Schlaflosigkeit, in den sieben Geschichten von innen. Hier Einsamkeit und Verlorenheit, dort ein Geschehen, in der sich beides dank der vorurteilslosen, emphathischen, auch überraschenden Begegnung mit anderen Menschen verliert. "Schwarze Galle" ist, wer hätte das bei diesem Titel gedacht, ein stets überraschendes, poetisches Buch der Hoffnung und der Lebenskunst.

Besprochen von Jörg Plath


Sema Kaygusuz: Schwarze Galle
Geschichten, aus dem Türkischen von Sabine Adatepe, mit einem Nachwort von Katja Lange-Müller
Matthes & Seitz Berlin
Berlin 2013, 144 Seiten, 17,90 Euro

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