Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature
 
 

Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 31.08.2006

"Ein späterer Schulbeginn dürfte die Leistungen heben"

Neurobiologe Peter Spork über die innere Uhr beim Menschen

Moderation: Katja Schlesinger

Viele Schüler tun sich schwer mit dem frühen Unterrichtsbeginn. (AP)
Viele Schüler tun sich schwer mit dem frühen Unterrichtsbeginn. (AP)

Der Neurobiologe Peter Spork hat sich für einen späteren Unterrichtsbeginn ausgesprochen. Jugendliche "sollten sogar vielleicht erst um 10 Uhr mit der Schule anfangen, Grundschulkinder vielleicht ab 9 Uhr", sagte Spork. "Wir alle sind im Teenageralter bis hin so um die 20 Jahre so eulenhaft wie nie zuvor", erklärte Spork weiter. Die so genannten Eulen seien Menschen, die abends erst sehr spät müde würden.

Katja Schlesinger: Zum Leidwesen vieler Schüler heißt es nun wieder: früh raus. Vor allem bei Kindern ab zehn Jahren und bei Jugendlichen im Teenageralter tickt die Uhr aber einfach anders, und das hat tiefere Gründe: Ein früher Schulbeginn widerspricht der inneren Uhr. Das sagt der Neurobiologe und Wissenschaftsjournalist Peter Spork. Schönen guten Morgen, Herr Spork!

Peter Spork: Guten Morgen Frau Schlesinger!

Schlesinger: Sie haben das Buch "Das Uhrwerk der Natur" geschrieben. Darin geht es um die Wissenschaft von den inneren Uhren, die Chronobiologie. Warum genau widerspricht ein früher Schulbeginn der inneren Uhr?

Spork: Weil die innere Uhr morgens um acht, wenn die Schule anfängt, unsere innere Uhr bei uns Menschen uns einfach noch nicht auf Höchstleistung programmiert, sondern eigentlich noch darauf, dass man ganz allmählich erst in den Tag rein findet und noch keine schulischen Leistungen optimal erbringen kann.

Schlesinger: Das wird ja nicht auf alle Schüler zutreffen. Können Sie das prozentual aufschlüsseln?

Spork: Ja, also zum einen muss man dazu sagen, dass in der Tat, Sie haben recht, die innere Uhr jedes Menschen geht individuell verschieden: Es gibt einige, die haben relativ schnell gehende innere Uhren, andere relativ langsam gehende.Und die einen, die so genannten Lerchen, die sind morgens - die kennt man ja auch als Frühaufsteher - die sind morgens relativ früh fit und werden abends früh müde. Und die so genannten Eulen dagegen, die Nachteulen - da kommt der Begriff auch her, das ist aber auch wirklich ein Fachbegriff in der Chronobiologie - die werden abends eben erst sehr spät müde. Und sind morgens halt überhaupt nicht fit, und Chronobiologen unter anderem oder vor allem der Münchener Professor Till Roenneberg haben herausgefunden mit einer großen Fragebogenaktion, dass die Mehrheit der Deutschen eher zum Typ Eule zu rechnen ist, zumindest in diese Richtung. Und sie müssten eigentlich von 12 bis 8 so ungefähr schlafen.

Schlesinger: Und nun gibt es auch eine neue Studie von Professor Christoph Randler, er ist Biologe in Leipzig: Er hat Abiturienten gefragt nach ihren schulischen Leistungen und nach ihrem Schlaftyp, und er hat auch festgestellt, dass es viel mehr Nachteulen gibt. Und eben Abiturienten, die spät ins Bett kommen und früh später raus, haben dann schlechtere Noten, die sie nach Hause bringen. Ist das dann eben auch plausibel?

Spork: Das ist völlig plausibel, und das deckt sich ja genau mit den Erkenntnissen der Chronobiologie der letzten Jahre. Also seit etwa zehn Jahren haben die Chronobiologen auf der ganzen Welt eben herausgefunden, wie innere Uhren funktionieren, und sie haben genau das ermittelt, dass die Leistungsfähigkeit beim normalen Menschen eben erst um 10, 11 Uhr ansteigt. Und es ist völlig klar, das hat zwei Gründe: zum einen, dass eben die Eulen, die noch dazu dann in der Mehrheit sind, in diesem Alter ganz extrem sehr eulenhaft, oder, entschuldigen Sie, alle Menschen sind im jugendlichen Alter besonders eulenhaft.

Das ist noch ein zweiter Effekt, also wir alle sind im Teenageralter bis hin so um die 20 Jahre so eulenhaft wie nie zuvor oder nie später in unserem Leben. Und deshalb sind gerade die Abiturienten natürlich von so einem Schulbeginn besonders geplagt. Und dass die morgens, wenn sie Arbeiten schreiben, Abiturarbeiten schreiben, vielleicht schlechter sind als die, die damit weniger Probleme haben, leuchtet völlig ein. Und das letztlich hat ja Herr Randler herausgefunden. Es gibt noch einen zweiten Effekt dabei, dass die Eulen, die morgens immer vom Wecker geweckt werden müssen, unausgeschlafen sind, die abends auch später ins Bett gegangen sind beziehungsweise abends, selbst wenn sie früh ins Bett gegangen sind, nicht einschlafen konnten.

Und das führt dazu, dass sie einen Schlafmangel aufbauen, das heißt, sie sind nicht nur morgens früh, wenn sie in der Schule sind, noch nicht so leistungsfähig wie die anderen von der inneren Uhr her, die ja auch die geistige Leistungsfähigkeit bestimmt, sondern zusätzlich sind sie auch noch unausgeschlafen, und das beeinflusst die Leistung natürlich auch noch ganz erheblich. Weil sie weniger Schlaf abgekommen als die anderen, denn Eulen und Lerchen haben prinzipiell das gleiche Schlafbedürfnis durchschnittlich.

Schlesinger: Nun befindet sich Deutschland seit einigen Jahren ja schon in der PISA-Misere, der Bildungsmisere. Wenn wir einfach einen späteren Schulbeginn hätten, dadurch dann die Leistungen steigern könnten von vielen Eulen, wäre das nicht einfach eine Lösung, um aus der PISA-Misere rauszukommen?

Spork: Also ich weiß nicht, ob das die ganzen PISA-Probleme lösen würde oder die PISA-Misere von einem auf den anderen Tag lösen würde. Aber es ist sicherlich, das sagen auch viele Chronobiologen und Schlafforscher, es ist so, dass das durchaus die Leistungen insgesamt heben dürfte. Weil eben der große Durchschnitt der Schüler gerade eben zwischen 15 und 25, also auch der Studenten der ersten Semester, einfach gezwungen werden, in einem Tag aktiv zu werden, der sich nicht mit ihrer inneren Uhr deckt. Und das beeinflusst ihre Leistungsfähigkeit.

Schlesinger: Warum, glauben Sie, weigern sich die Kultusminister, das Schulsystem zu ändern?

Spork: Ich bin kein Bildungspolitiker, ich bin Wissenschaftsjournalist, ich weiß es nicht, es gibt sicherlich sehr viele Gründe - die Lehrer, die Eltern - insgesamt fangen ja auch die Arbeitszeiten bei uns relativ früh an. Also vermutlich müsste die Gesellschaft sich insofern ändern, dass flexiblere Arbeitszeiten möglich sind. Auch für die meisten Erwachsenen ist es ja schwierig, um 8 Uhr schon anzufangen zu arbeiten von der inneren Uhr her.

Das Problem ist ja nur bei den Jugendlichen besonders stark, die sollten sogar vielleicht erst um 10 Uhr mit der Schule anfangen, Grundschulkinder vielleicht ab 9 Uhr, und 40-Jährige sollten vielleicht um 9 Uhr erst anfangen zu arbeiten. Das erfordert eben nicht nur ein Umdenken in den Kultusministerien, sondern ein gesamtgesellschaftliches Umdenken, würde ich fast schon sagen. In anderen Ländern fängt die Schule ja übrigens auch später an als 8 Uhr, in Frankreich, in den meisten anderen Ländern.

Schlesinger: Herr Spork, woran liegt das eigentlich, dass die einen Frühaufsteher und die anderen eher Nachtmenschen sind, ist das irgendwie genetisch festgelegt?

Spork: Genau, das ist größtenteils genetisch festgelegt. Fast alle Lebewesen haben innere Uhren, bei uns selbst tickt eigentlich in jeder Körperzelle eine innere Uhr. Und die funktioniert so, dass einzelne Gene zu bestimmten Tageszeiten mehr oder weniger aktiv sind. Und die Gene erzeugen dann, also von den Genen werden ja Eiweiße abgelesen, und die hemmen zum Teil die Gene selber.

Es ist eine relativ komplexe Geschichte, es führt dazu, dass eine Schwingung auftaucht von mehr oder weniger aktiven Genen, an denen die Zelle dann die Tageszeit messen kann, an dieser Schwingung. Und da sind viele Gene daran beteiligt. Und diese Gene sind natürlich bei jedem Menschen nicht ganz gleich, das heißt, sie sind mal ein bisschen schneller, mal ein bisschen langsamer. Man kann das vergleichen mit großen und kleinen Menschen: Es gibt ganz viele Gene, die sagen, werde groß, und wenn jemand ganz viele dieser Gene bekommen hat, ist das ein Riese, und wenn er ganz viele kleine Gene, sage ich mal, abbekommen, wird er dann sehr klein. Die Masse der Menschen ist mittelgroß.

So ist es bei den Uhrengenen ganz genau so, die meisten Menschen haben mittelschnell gehende Uhren, einige haben aber extrem langsam, andere extrem schnell gehende innere Uhren. Und diese Uhren werden dann im Laufe des Tages durch das Tageslicht immer wieder mit dem echten Tag synchronisiert, so dass wir deshalb im Allgemeinen keine wirklichen Probleme damit haben. Die Probleme tauchen nur auf, wenn wir tatsächlich morgens zu früh wach werden, wenn die innere Uhr eben noch eigentlich auf Schlaf taktet oder wenn wir abends zu lange aufbleiben.

Schlesinger: Man sagt ja, ältere Menschen brauchen weniger Schlaf und wachen auch früher auf. Ist das wirklich so, also wie verändert sich diese innere Uhr im Laufe unseres Lebens?

Spork: Ja, die innere Uhr im Laufe des Lebens habe ich ja vorhin schon mal angedeutet: Also kleine Kinder haben noch eine relativ schnell gehende innere Uhr, die schlafen relativ früh am Tag, haben auch ein wesentlich größeres Schlafbedürfnis, das ist ja bekannt. Und dann mit dem Ende der Adoleszenz, hat auch Herr Roenneberg in München festgestellt, schlägt - also die Uhr wird erstmal immer langsamer, man wird immer eulenhafter.

Und dann das Ende der Adoleszenz, also sozusagen der Moment des Erwachsen-Werdens, da schlägt die innere Uhr plötzlich um, das Tempo der inneren Uhr, und wir werden wieder immer lerchenhafter, das heißt, unsere Uhren werden immer schneller wieder bis ins hohe Alter. Und das beobachten ja viele bei sich selber, dass sie, wenn sie älter werden, morgens früher wach werden, früher aktiv sein können, dafür abends aber früher müde werden, also das wäre die Verschiebung der inneren Uhr. Das beeinflusst noch nicht so sehr das Schlafbedürfnis, das scheint von Altersveränderungen relativ unabhängig zu sein.

Es ist aber so, dass die innere Uhr im Laufe des Älterwerdens auch schwächer wird, und dass alte Menschen deshalb viel häufiger auch tagsüber schlafen oder auch abends zu Zeiten schlafen, wo man, wenn man jung war, gar nicht schlafen konnte, und auch nachts häufiger wach werden. Man sagt, der Schlaf wird fragmentierter, sie verteilen also den Gesamtschlaf, über 24 Stunden gesehen, auf mehrere Etappen, und deshalb haben sie oft das Gefühl, sie schlafen nachts weniger.

Schlesinger: Vielen Dank für das Gespräch.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur