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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.11.2010

Ein Querschnitt der römischen Erfahrungen

Pier Paolo Pasolini: "Rom, andere Stadt. Geschichten und Gedichte"

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Pier Paolo Pasolini und Anna Magnani bei den Dreharbeiten zu "Mamma Roma", 1962 (AP Archiv)
Pier Paolo Pasolini und Anna Magnani bei den Dreharbeiten zu "Mamma Roma", 1962 (AP Archiv)

In der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 wurde der italienische Dichter, Publizist und Filmregisseur Pier Paolo Pasolini ermordet. Bis heute ist die Tat nicht vollständig aufgeklärt. Mit "Rom, andere Stadt" erscheint nun ein Pasolini-Band mit Geschichten und Gedichten.

Ob in der Literatur oder im Alltag, für Pier Paolo Pasolini ging es vor allem um Intensität. Als er im Winter 1949 gemeinsam mit seiner Mutter Susanna aus dem Friaul nach Rom übersiedelte und zunächst eine Stelle als Lehrer in Rebibbia antrat, stieß er in den römischen Vorstädten auf eine unverfälschte Lebensweise, die ihm von ursprünglichen Instinkten und einer "stoisch-epikureischen Moral" geprägt zu sein schien.

Die kurzen Prosatexte, Auszüge aus Briefen und Gedichten, von Annette Kopetzki und Theresia Prammer klug ausgewählt und leichtfüßig übersetzt, liefern einen Querschnitt seiner römischen Erfahrungen. Mit seinem korrekten Seitenscheitel, den elegant geschnittenen Anzügen und seinem klassischen Profil muss Pasolini unter den Vorstadtbewohnern wie ein Fremdkörper gewirkt haben.

Einerseits erlebte der Schriftsteller und Intellektuelle die borgate als eine Sphäre, die noch nicht von den Auswüchsen der Konsumgesellschaft kontaminiert war. Dann wieder trägt die Ewige Stadt postklassische Züge und erinnert an ein arabisches Land, in dem Teilnahmslosigkeit und Zynismus die Beziehungen bestimmen. Es wimmelt von Anspielungen auf Petronius und man spürt die tiefe Ambivalenz, mit der Pasolini Rom begegnete.

Die Widersprüche, sagt er an einer Stelle, seien weniger Gegensatzpaare als "Teil eines Magmas, eines Chaos". Auf dem Hintergrund des zeitgenössischen Italiens gewinnen seine Beobachtungen fast einen prophetischen Charakter: Schon 1973 spricht Pasolini in einem Interview resigniert von einem Verfall, der nicht nur Rom, sondern die gesamte italienische Gesellschaft ergriffen habe. Es seien die Massenmedien, die eine kulturelle Einebnung bewirkten, und nun bestimme das Kleinbürgertum Italien.

Man muss sich das Umfeld dieser Texte vergegenwärtigen: 1955 kam Pasolinis Roman Ragazzi di vita heraus, der im Milieu der römischen Peripherie, der borgate spielt, und von Strichern und Mördern erzählt. Der derbe Jargon der Straßenjungen, Schimpfwörter und dialektale Redeweisen flossen ebenso ein wie der hohe Ton der literarischen Tradition.

Das Buch war sofort vergriffen. Während die Kritik Pasolinis stilistischen Wagemut lobte, bezichtigte ihn die Staatsanwaltschaft der Verbreitung obszöner Schriften und verbot den Roman. Doch der Autor war längst eine Berühmtheit. Die konservative Tageszeitung Corriere della Sera hatte ihn als Leitartikler engagiert, er trat im Fernsehen auf, griff mit Provokationslust das Establishment an und scheute sich nicht vor Positionen, die ihm auch im linken Lager Feindschaften bescherten.

In den Texten aus Rom, andere Stadt wechselt Pasolini zwischen verschiedenen Registern: Auf den elegischen Ton mancher Gedichte folgt der scharfe soziologische Blick, wie in dem kurzen Essay "Die Front der Stadt". Gerade weil er sich den extremen Wirklichkeiten der Stadt bewusst aussetzte, wurde er zum Ethnographen einer Welt, die Intellektuellen sonst verschlossen blieb. Davon trägt der neue Band, der durch Fotos von Herbert List ergänzt wird und ein vielfältiges Bild der verschiedenen Schichtungen Roms vermittelt, wunderbar Rechnung. Ein Pasolini-Lese-und-Bilderbuch.


Besprochen von Maike Albath

Pier Paolo Pasolini: Rom, andere Stadt
Geschichten und Gedichte ausgewählt von Annette Kopetzki und Theresia Prammer mit Fotografien von Herbert List und einem Nachwort von Dorothea Dieckmann
Corso Hamburg 2010
111 Seiten, 24,90 Euro

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