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Profil / Archiv | Beitrag vom 19.11.2009

Ein Mediziner als Klavier-Restaurator

Christoph Schreiber im Porträt

Von Nadine Querfurth

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Tasten eines Klavieres (Stock.XCHNG)
Tasten eines Klavieres (Stock.XCHNG)

Christoph Schreiber lebt in zwei Welten: In einer Berliner Unfall-Klinik arbeitet er als Arzt in der Neurologie. Wenn er das Krankenhaus satt hat, geht er in seine Werkstatt und restauriert alte historische Konzertflügel. Einige der restaurierten Instrumente lässt er von namhaften Pianisten spielen - im Pianosalon Christophori.

Christoph Schreiber: "Dieses Modell "2", was 2,48 Meter lang ist, immer noch gradseitig und 1846 in dieser Form zum ersten mal gebaut wurde und dann ein Siegeszug um die Welt angetreten hat. Alle großen romantischen Komponisten haben so ein Instrument gekannt oder gar selbst besessen. Dieser hier ist halt ein Originalzustand und deshalb so interessant. Weil er eben die original Besaitung hat und die original Hämmer."

Christoph Schreiber lehnt lässig in Jeans und Pullover gekleidet an dem Prachtstück: Einem historischen Konzertflügel aus dem Hause Erard von 1854. Über 400 Stunden hat er daran gearbeitet. In seiner geräumigen Werkstatt in der Berliner Pappelallee stehen einige alte Flügel, aber dieser Erard, rubinrot poliert, ist ein Blickfang. Er greift nach einem Polierlappen und wischt über das Holz.

Christoph Schreiber: "Der ist ja so wunderschön, jetzt sieht man hier noch ein paar Polierspuren drauf. Der ist ja aus einem Holz, was es nur bis in die 1850er Jahre hinein gab. Diesen Acajou flammé, geflammten Mahagoni. Das ist eine Mahagoniart, die es nur auf Kuba gab und die sehr besonders war. Dann war das irgendwann gerodet und dann war es damit vorbei. Deswegen ist schön, so ein Instrument zu haben."

Seit elf Jahren schon gibt es den Pianosalon Christophori. Historische Hammerklaviere haben es dem 39-Jährigen angetan: Über 70 hat er, allerdings sind viele davon Ersatzteilspender. In Auftragsarbeiten aus dem In- und Ausland restauriert Christoph Schreiber alte Konzertflügel bis sie wieder spielbar sind.

In Christophs Familie war einzig sein Großvater Musiker, aber die ganze Familie hörte viel Musik. Und wie im Bildungsbürgertum üblich, lernte Christoph als Kind Klavier und spielte Orgel. Als junger Student dann kaufte er sich einen alten Flügel, denn er wollte nach längerer Pause wieder spielen. Das Instrument war in erbärmlichem Zustand, erinnert er sich.

Christoph Schreiber: "Und dann haben mich die paar Griffe, die der Klavierbauer machte und für die er wirklich horrende Summen haben wollte, die haben mich dann geärgert. Ich hatte so viel Geld auch gar nicht. Dann habe ich gedacht, dann beschäftige ich mich mal ein bisschen mit der Materie. Dann habe ich mich da fest gebissen, dann wurde es mehr und mehr."

Namhaften Klavierbauern hat er über die Schulter geschaut. Konzertflügel zu restaurieren wurde seine Leidenschaft.- neben seinem Beruf als Arzt. Christoph Schreiber ist Arzt, Neurologe am Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn.

Christoph Schreiber: "Man könnte natürlich mit der Medizin viel leichter sein Geld verdienen als hier und sehr viel geregelter. Und das Intellektuelle ist auch sicher ganz anspruchsvoll, ist aber nicht so befriedigend. Und dann kommt dazu, dass man ja mit seinen Händen gar nichts macht und dieses Manuelle hat ja so etwas Urbefriedigendes: etwas zu schaffen, etwas zu werkeln, etwas anzufassen."

Sich für das Eine oder gegen das Andere zu entscheiden, plant er nicht, sagt Schreiber. So ist er eine Woche in der Klinik, eine Woche im Pianosalon – immer abwechselnd. Mit seiner Frau, die auch Ärztin ist, teilt er sich die Betreuung seiner zwei kleinen Kinder. Ab und zu nimmt er die beiden auch mit in die Werkstatt und sie tollen dann um die Klaviere herum. Seine Familie ist für Christoph Schreiber das Wichtigste.

Wenn der gebürtige Lausitzer von der manuellen Arbeit kurzzeitig eine Pause braucht, greift er nicht wie viele zur Zigarette, sondern zur Teetasse.

Christoph Schreiber: "Eine Tasse Tee hält die Zeit an. Man nimmt sich eine Auszeit, das ist das entscheidende, beim Tee kommen natürlich noch viele sinnliche Qualitäten hinzu. Ich glaube, das ist es, diesen Moment des Innehaltens. Darum geht es beim Tee."

Bei Christoph Schreiber ging der Genuss am Teetrinken soweit, dass er vor vielen Jahren angefangen hat, eine Ausbildung zum Japanischen Teemeister zu machen. Drei der mindestens 15 Jahre, die so eine Ausbildung dauert, hat er gemacht. Seine diversen Teeservice haben in der Werkstatt ihren festen Platz.

Der Pianosalon ist jedoch mehr als nur Restaurationswerkstatt. Mindestens einmal in der Woche abends lädt der schlanke Braunhaarige zu Salonkonzerten ein. Pianisten auf Konzertreisen oder junge Absolventen, die vor großen Wettbewerben so genannte Warm-up-Konzerte geben wollen, spielen im Salon. Christoph Schreiber stellt dann mitten in der Werkstatt Klappstühle auf und reicht Wein, Wasser und Bier. Vor sechs Jahren fingen die Salonkonzerte ganz zwanglos an.

Christoph Schreiber: "Da standen alle rum, wir hatten Stehtische, alle redeten rauchten und tranken viel und zwischendurch spielte einer Klavier und es war so ein nettes Stelldichein mit Freunden. Dann wurde das immer konzertanter und dann galt es noch die Logistik drum herum wachsen zu lassen."

Mittlerweile veranstaltet Christoph Schreiber circa 80 Konzerte im Jahr mit erstklassigen Pianisten. Die Nähe zum Instrument und zum Publikum sei das Schöne und Besondere dieser Konzerte, sagt er. Künstlerischer Leiter war neben Schreiber selber bis vor kurzem der usbekische Pianist Ulugbek Palvanov.

Er hat erstklassigen Nachwuchs aus der Pianisten-Szene in den Salon geholt und auch selber viele Konzerte gegeben. Vor kurzem wurde er ausgewiesen. Ein großer Verlust für den Salon und für Schreiber persönlich. Auf seine baldige Rückkehr hofft er und legt Palvanov zu Ehren eine Aufnahme eines seiner grandiosen Konzerte im Salon ein.

Christoph Schreiber: "Niemand spielt so was wie Ulugbek, das ist einfach mit einer solchen Virtuosität, das ist schon was ganz Besonderes."

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