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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.03.2013

Ein Künstler im Leichenwagen

Ralph Dutli: "Soutines letzte Fahrt", Wallstein Verlag, Göttingen 2013, 270 Seiten

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Das Gemälde "Le chasseur de chez Maxim's" von Chaime Soutine (dpa / picture alliance / Jason Szenes)
Das Gemälde "Le chasseur de chez Maxim's" von Chaime Soutine (dpa / picture alliance / Jason Szenes)

Ein todkranker Künstler ist auf dem Weg in das von den Nazis besetzte Paris - und blickt zurück auf sein Leben: Mit Diskretion und zugleich ungeheurer Wucht erzählt Ralph Dutli in diesem Roman die Geschichte des russischen Malergenies Chaim Soutine.

Dutlis erster Roman ist ein Beleg für eine profunde Kennerschaft und die gelungene Umsetzung des Wissens in Romanform. In "Soutines letzte Fahrt" gelingt es ihm, die Lebensgeschichte Chaim Soutines, eines der großen russischen Malergenies des 20. Jahrhunderts, mit Diskretion und zugleich mit ungeheurer Wucht zu erzählen. Dutli hat sich dafür eine tragisch-komische Perspektive gewählt. Der todkranke, mit Morphium sedierte Künstler wird am 6. August 1943 im Leichenwagen von einem Dorf bei Chinon in ein Pariser Krankenhaus zur Operation gebracht. Anders wäre der Transport einer von den Nazis gesuchten Person nicht möglich gewesen.

Der Schweizer Schriftsteller Ralph Dutli (dpa / picture alliance / Jörg Carstensen)Der Schweizer Schriftsteller Ralph Dutli (dpa / picture alliance / Jörg Carstensen)Dutli lässt Soutine während dieser Fahrt sein Leben rekapitulieren, ein Leben, in dem der Maler durch Krieg und Judenverfolgung in Verstecke gezwungen wurde. Der Roman, geschrieben mit neugierigem Interesse, schildert ein unbedingtes Leben unter Schmerzen und einen trotzigen Kampf um die künstlerische Einzigartigkeit.

Chaim Soutine, der Jude aus einem Dorf bei Minsk, schafft es 1913 nach Paris, lernt sie alle kennen, von Picasso bis Henry Miller, befreundet sich mit Amadeo Modigliani und lebt ein kompromissloses Leben, jahrelang von einem Magengeschwür gequält. Sein malerisches Werk steht auf der Liste der deutschen Besatzer unter der Rubrik "entartet". So ist das Leben des Juden Soutine doppelt gefährdet. Diese letzte Tour als Lebender in einem für Tote reservierten Auto nutzt Dutli, um das reale Leben des expressiven Malers darzustellen, der durch seine Bilder von Tierkadavern, französischen Landschaften, Portraits von einfachen Leuten wie Pagen, Konditoren, Handwerkern berühmt wurde und dafür berüchtigt war, seine eigenen Bilder zu verbrennen oder mit dem Messer aufzuschlitzen. Er war, heißt es, "der Mörder seiner Bilder".

Eine Kulturgeschichte der Pariser Bohème

Ralph Dutli gelingt die riskante Mischung aus Fiktion und Realität. Es spricht ein Erzähler aus der genauen Kenntnis des Werkes. Er erkundet den Charakter der Bilder und verknüpft das Leben des Malers Soutine mit der ihn umgebenden Epoche. Dutli sieht Soutine nicht beim Malen zu, denn das durfte niemand. Er phantasiert sich in die Delirien des schmerzgeplagten Menschen, folgt den Erinnerungsfetzen zurück in die Kindheit, in die ärmlichsten Zustände, in die Beharrlichkeit eines Menschen, der das eine Ziel hat, Maler zu werden. Dutli beschreibt auch die Frauen, die es aushalten, mit ihm zu leben, die deutsche Jüdin Gerda, die er "Mademoiselle Garde" nennt und Marie-Berthe Aurenche, eine von Max Ernst’ Verflossenen.

Wie nebenbei hat Ralph Dutli auch eine Kulturgeschichte der Parier Bohème und des Kunstmarktes geschrieben, schildert das Erscheinen des Kunstsammlers Barnes aus Philadelphia und die Sammlerleidenschaft von Madeleine Castaing. "Soutines letzte Fahrt" ist der mitreißende und wie nebenbei lehrreiche Roman über einen extremen Maler, der Menschen und Landschaften aus Farbe geformt hat. Ralph Dutlis Sprache ist dem malerischen Duktus des Künstlers adäquat. Das ist das größte Kompliment.

Besprochen von Verena Auffermann

Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt
Wallstein Verlag, Göttingen 2013
270 Seiten, 19,90 Euro

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