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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.05.2005

Ein Füllhorn an Wissen zur antiken Medizin

Von Susanne Billig

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Das Forum Romanum in Rom mit dem Titus-Bogen (AP Archiv)
Das Forum Romanum in Rom mit dem Titus-Bogen (AP Archiv)

Das Lexikon "Antike Medizin" stellt bedeutende Ärzte ebenso vor wie Arzneimittel, Therapieformen oder die Pflege von Kranken. Dem Herausgeber Karl-Heinz Leven, Medizinhistoriker an der Universität Freiburg, ist ein Nachschlagewerk für wissenschaftlich und populärwissenschaftlich Interessierte gelungen.

" Aberglaube, Bernstein, Caesarenwahnsinn, Diagnose, Elephantiasis, Fäulnis, Geschlechtsverkehr, Harnschau, Intubation, Josephus Flavius, Kaiserschnitt, Leichenschau, Mandelentzündung, Nacktheit, Opium, Pankreas, Quintilian, Rheuma, Schierling, Tempelschlaf, Uterus, Vergewaltigung, Wunderheilung, Xenophanes, Zwillinge."

Schon 1997 hat der Herausgeber Karl-Heinz Leven - promovierter Arzt und Professor für Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg - die Arbeit an seinem Lexikon "Antike Medizin" begonnen. Rund 90 Autorinnen und Autoren erklärten sich zur Mitarbeit bereit - Medizinhistoriker, Althistoriker und Philologen aus Europa und den USA. Acht Jahre später legt Leven das Gemeinschaftswerk nun vor: 484 Seiten, tausend Einträge - ein Füllhorn an Wissenswertem zur antiken Medizin.

" Ekstase, griechisch ekstasis, lateinisch furor. Die Ekstase war entweder Selbstzweck, so in orgiastischen Kulten, oder diente dazu, den Geist einer Orakelpriesterin für göttliche Inspirationen zu erweitern. In der Medizin galt Ekstase als Symptom bei Manie, Fieber, Epilepsie oder Phrenitis, wo sie je nach Erscheinungsform einen tödlichen Ausgang der Krankheit oder Heilung anzeigt."

Im Mittelpunkt des Lexikons steht die griechisch-römische Kultur von der archaischen Zeit Griechenlands bis zur Spätantike. Die großen Ärzte der Epoche hießen Hippokrates und Galenos - sie standen für eine experimentelle, pragmatische Heilkunst. Das Lexikon "Antike Medizin" stellt diese und andere bedeutende Ärzte der Zeit ebenso vor wie Arzneimittel, Therapieformen oder die Pflege von Kranken. Wichtige Quellenwerke wie das "Corpus Hippocraticum" werden erläutert und ihre Rezeptionsgeschichte skizziert.

Im riesigen römischen Reich existierten zahlreiche medizinische Traditionen und Kulturen parallel - leider spielt die byzantinische Medizingeschichte im Lexikon nur eine Nebenrolle. Auch wird nicht ganz klar, nach welchem System sich die Länge der Lexikoneinträge bemisst. Über Heilkräuter berichtet das Buch recht spärlich, die "Pest" hingegen wird mit gleich vier Einträgen bedacht. Einen überaus interessanten Ansatz verfolgt das Buch, indem es sich neuen interdisziplinären Ansätzen wie der Historischen Anthropologie oder den Gender Studies öffnet. So finden sich auch Einträge zu modernen Begriffen wie "Altersversorgung", "Psychotherapie" oder "Sexualität".

" Fortschritt - Die für die Neuzeit seit dem achtzehnten Jahrhundert konstitutive geschichtsphilosophische Idee eines generellen Fortschritts der Menschheit war in der Antike nicht existent. Bei den Vorsokratikern finden sich zyklische Vorstellungen, wonach die gleichen Elemente stets neue Konfigurationen annehmen. Galen kritisierte die "Neuerungssucht". Dies korrespondiert mit Galens Haltung, eigene Entdeckungen als "Wiederentdeckung" bekannten Wissens darzustellen und solcherart mit Tradition und Autorität auszustatten. "

Karl-Heinz Leven ein Nachschlagewerk für wissenschaftlich und populärwissenschaftlich Interessierte gelungen. Die Forscherin und den Forscher wird die umfassende Ausstattung des Buches interessieren, zum Beispiel endet jeder Eintrag mit einer Auswahlbibliografie aktueller Forschungsliteratur. Der Laie kann sich darüber freuen, dass griechische und orientalische Wörter in lateinischer Umschrift erscheinen.

Wo sind die alten Sprachen heute noch so lebendig wie in der Medizin? Keine ärztliche Diagnose, kein Beipackzettel eines Medikamentes ohne ein lateinisches oder griechisches Fremdwort. Das Lexikon schließt eine wichtige Lücke und schafft die Gratwanderung zwischen medizinhistorischer Präzision und lebendiger Verständlichkeit.

Das Lexikon "Antike Medizin", herausgegeben von Karl-Heinz Leven ist im C.H.Beck Verlag erschienen und kostet 49,90 Euro.

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