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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.05.2011

Ein fremdes Paar Schuhe

Max Scharnigg: "Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe", Hoffmann & Campe, Hamburg 2011, 144 Seiten

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Der Protagonist schreibt, statt sich der Situation in seiner Wohnung zu stellen. (Stock.XCHNG / Davide Guglielmo)
Der Protagonist schreibt, statt sich der Situation in seiner Wohnung zu stellen. (Stock.XCHNG / Davide Guglielmo)

Was tun, wenn fremde Schuhe vor der eigenen Wohnungstür stehen und drinnen die sonst so scheue Freundin mit einem Unbekannten lacht? Krach schlagen oder weglaufen? Nikol Nanz verzieht sich unter die Treppe und besteigt im Geist ein unüberwindliches Hindernis. Der 30-jährige Journalist Max Scharnigg legt mit "Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe" ein gelungenes Romandebüt vor.

Wenn ein junger Journalist einen ersten Roman vorlegt, birgt das ein gewisses Risiko. Die möglichen Gefahren sind routiniertes Gerede, jugendlicher Szenejargon, journalistisches Insidergehabe. Nichts von alledem in Max Scharniggs Debüt. Es ist ein fast zu perfekt funkelndes Buch mit schönen, einfallsreichen Bildern und stillen, aber überzeugenden und immer sehr präsenten Figuren.

Ein junger Münchner Journalist (das scheint auch das einzig Autobiografische zu sein) kommt eines Tages aus der Redaktion nach Hause. Er lebt mit seiner menschenscheuen Freundin M. in einer Mietwohnung. Doch vor seiner Tür steht ein fremdes Paar Schuhe aus blassgrünem Leder, von innen vernimmt er Stimmen und leises Lachen.

Nun ist unser Held mit dem absonderlichen Namen Nikol Nanz (die Initialen lauten also N.N. = nomen nescio = "den Namen weiß ich nicht") ein recht friedlicher Eifersüchtiger – er zieht sich einfach zurück. Seine Eigenschaft ist, keine Eigenschaften zu haben. Er ist ein unscheinbarer Mensch und macht sich unsichtbar: Er verkriecht sich unter der Treppe, um dort in aller Abgeschiedenheit über die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand 1938 zu schreiben, im Kopf übrigens.

Scharniggs kleiner Roman (eher eine Erzählung) fesselt durch seinen ruhigen, aber ungemein eindringlichen Stil, die gedämpfte Ironie, die perfekte Konstruktion einer unwahrscheinlichen, aber verzaubernden Geschichte. Wendungen wie "vertrauliche Stille" oder "zufriedener Schlaf" oder Sätze wie "Das Treppenhauslicht erlosch mit einem entfernten kleinen Geräusch, ich stand im Dunkeln vor dem fremden Paar Schuhe an unserer Wohnungstür" erinnern in Stimmung und Situation nicht so sehr, wie es in Rezensionen hieß, an Kafka und noch weniger an den fabulierenden, farbsatten Stil des magischen Realismus, sondern viel eher an die klaren, pointierten Werke von Jean-Philippe Toussaint.

Wie bei dem Belgier lebt auch Scharniggs Held weniger, um weniger schlecht zu leben. Das Buch erzählt eine feine, philosophische Geschichte über das Sich-Entziehen und die Tat, über Nichtstun und Teilnahme – und besonders wichtig: über die Erkenntnis, wo ein unausweichliches Hindernis beginnt, wo "der Moment des Berganfangs" ist.

Scharnigg verschränkt die dramatische Erstbesteigung der Eiger-Nordwand 1938 (ein Ereignis, das um die Welt ging) mit dem Sich-selbst-Erkennen des Helden (das seine Umgebung nicht bemerkt). Zu seiner Wandlung verhilft ihm auch ein unbekannter Nachbar, ein skurriler ehemaliger Gletscherfotograf, der Bücher mit Widmungen sammelt und sie an Leute desselben Namens verschenkt. Nikols Exemplar ist Cees Nootebooms Debüt "Das Paradies ist nebenan" (heutiger Titel: "Philipp und die anderen"), das von Welten handelt, die durch die Fantasie entstehen können, und von der Kunst, das Aufwachen zu verzögern ... So bleibt am Ende offen: Hat Nikol Nanz alles vielleicht nur geträumt?

Besprochen von Peter Urban-Halle

Max Scharnigg: Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe
Roman
Hoffmann & Campe, Hamburg 2011
144 Seiten, 18 Euro

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